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Buch Pianist aus den Trümmern

Ein Foto ging um die Welt und berührte zutiefst: Ein Mann in einem grünen T-Shirt sitzt inmitten von Trümmern an einem Klavier in der syrischen Flüchtlingssiedlung Yarmouk. Es ist Aeham Ahmad.

Stand: 26.02.2018

Er hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben – in einem wichtigen, beeindruckenden Buch: "Und die Vögel werden singen. Ich, der Pianist aus den Trümmern."

Wir sind noch da, wir leben noch

Über die sozialen Medien verfolgten Menschen weltweit seine Spontan-Konzerte. Ein Pianist, der sich auf die Straße der umkämpften Stadt traut, die Passanten animiert, mitzumachen. In Todesgefahr, gefilmt von seinen Freunden. Seine Botschaft: Wir sind noch da. Wir leben noch.  

Heute wohnt und arbeitet er in Deutschland. "puzzle"-Moderatorin Özlem Sarikaya traf ihn im Café des Bellevue di Monaco, wo anschließend ein mitreißender und sehr emotionaler Konzertabend mit Lesung stattfand.

"Wissen Sie, dass der deutsche Begriff für Klavier auch 'Flügel' ist, was ja auch 'Flügel' zum Fliegen bedeuten kann? Ist Ihr Klavier ein 'Flügel' für Sie?"

fragt Özlem Sarikaya.

"Mit einem Flügel kann man nicht fliegen", sagt Aeham Ahmad.

"Das Klavier und mein Vater – das sind meine beiden Flügel. 'Flügel' bedeutet immer: ein Flügel. Aber der andere Flügel ist mein Vater. Ich wollte früher nie Musik üben. Ich wehrte mich dagegen. Mit 18 begann ich es dann zu mögen. Ich habe es meinem Vater zu verdanken, dass ich heute Pianist bin. Ich glaube, er kann in die Zukunft sehen. Er wusste schon, dass wir eines Tages wieder Flüchtlinge sein würden. Und eine Möglichkeit herauszukommen, ist die Kunst."

Aeham Ahmad

Sein Vater: ein blinder Klavierstimmer. Sein Vater, seine Mutter, seine Freunde: blieben. In Yarmouk. Sehr oft schreibt Aeham Ahmad von Schuld. Und dass er sich schuldig fühlt. Für was?

"Warum bin ich am Leben und mein 'Bruder' stirbt im Gefängnis? Ich weiß es nicht, ob er noch lebt, oder nicht. Niraz Saied machte mich berühmt mit diesem Foto. Aber wo ist Niraz Saied? Er ist seit drei Jahren im Gefängnis. Drei Jahre Gefängnis, 14 Stockwerke tief unter der Erde. Keine Sonne, kein Leben. Ich habe nicht entschieden, heute in dieser Position zu sein. Ich habe mich entschieden, Klavier auf der Straße zu spielen, aber nicht, Videos davon zu zeigen."

Aeham Ahmad

Er wollte Klavier spielen. Draußen. Freunde fragten ihn: Dürfen wir dich dabei drehen? In Todesgefahr, in der Linie der Scharfschützen, spielte er. "Yalla. Macht mit!", rief er den Menschen zu. In Yarmouk schrieb er viele Lieder.

Mehr als ein Klischee. Ein Mensch mit Geschichte. Mit Geschichten.

"Jeder hat doch ein Klischeebild: Flüchtling! Aber Flüchtling, das kann man doch auch so sehen: Dieser Mensch hat einen schönen Namen, eine schöne Geschichte, er spricht eine schöne Sprache. Dieser Mensch bereichert mein Leben, wenn ich mit ihm spreche. Deutschland ist so gut gewachsen, ganz Europa so gewachsen. Nehmen wir das arabische Denken, das türkische Denken, man sammelt alles in einem Buch. Man kann doch nicht sagen: die europäische Gesellschaft ist nur das, das, das. In tausend Jahren hatten wir viele Wellen der Humanität. Wenn man das verbindet, wird es ein reiches Land. Reiches Land, das heißt nicht viel Geld. Sondern: reich an Gedanken."

Aeham Ahmad

Immer wieder singen auch Kinder mit ihm. Ihr Mut macht ihm Mut. Bis ein Mädchen von einem Scharfschützen erschossen wird, 12 Jahre alt, direkt neben ihm – als er auf seinem Klavier spielt.

"Die Mädchen waren so laut und so stolz. Sie sahen so glücklich aus beim Singen. 'Wir kämpfen, wir kämpfen! Hört uns alle zu. Wir sind hier und singen.' Und wenn man die Mädchen sieht, zehn Jahre alt, denkt man sich: Bin ich irre? Warum sind sie stärker als ich? 'Ich ziehe das mit euch durch.' Und dann fängt man an ihren Gedanken zu folgen, aber ohne darüber nachzudenken, was passieren könnte. Vielleicht werden wir alle mit den Kinder getötet. Man sollte sie schützen. Aber ich schütze sie nicht. Und dann macht man mit. Dann ist das mit diesem kleinen Mädchen passiert. Es ist so schrecklich. Das ist meine große Schuld, die ich für immer haben werde. Ich bin nicht mehr stark. Ich weine oft. Ich denke auch an diesen Mann, der von einem Scharfschützen getötet wurde. Kein Kopf. Und ich hatte keine Tränen mehr übrig. Jedes Mal, wenn das Buch vorgelesen wird, muss ich weinen. Ich erinnere mich dann an alles. Ich brauche wirklich eine Therapie. Es ist furchtbar."

Aeham Ahmad

Ist das Buch eine Art Therapie für ihn? "Ja, es hat die Seele und das Herz geöffnet. Ich brauche eine Therapie, um es wieder zu schließen."

Der sogenannte IS verbrannte sein Klavier. Heute lebt Aehmad Ahmad in Wiesbaden. Fast jeden Tag: Reisen, ein Auftritt in einer anderen Stadt. Spielen bis zur Erschöpfung. Erst wenn er nachts um zwei ins Bett fällt, mit seinen Kräften völlig am Ende, sind die Schuldgefühle leiser.

Buchtipp

Aeham Ahmad: "Und die Vögel werden singen – Ich, der Pianist aus den Trümmern"
erschienen im S. Fischer Verlag
(ISBN 978-3-10-397317-4)

Tipp Lesung und Konzert

Tour "Keys to Friendship"
Freitag, 2. März 2018, 20 Uhr
(Edgar Knecht Trio & Aeham Ahmad)
Maritim Kultur Lounge, Nürnberg

Aeham Ahmad LIVE
Freitag, 27. April 2018, 22 Uhr
The Lovelace, München

Autor des Filmbeitrags: Andreas Krieger


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