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Navid Kermani "Entlang den Gräben"

Vielleicht kann man über Deutschland am meisten erfahren, es am besten verstehen, wenn man es von außen betrachtet: unterwegs ist, es gespiegelt sieht in Begegnungen und Eindrücken, weit weg.

Stand: 27.03.2018

Navid Kermani ist der große Intellektuelle unter den deutschen Gegenwartsschriftstellern. Er war bereits als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch. Nun hat er sein neues Buch mit Reportagen vorgelegt – seit Wochen auf der Bestsellerliste. "Entlang den Gräben" – eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan, der Stadt seiner Eltern und Vorfahren im Iran.

Das Münchner Residenztheater. Özlem Sarikaya trifft hier Navid Kermani. Eine Stunde bevor er vor einem ausverkauften Saal lesen und sprechen wird. Sein neues Buch ist eine Reise entlang europäischer Konfliktlinien. Und handelt doch immer auch von Deutschland und unserer Wahrnehmung davon. 

Fernab von Deutschland denkt Kermani auch über die Frage nach, ob sich Menschen mit Migrationshintergrund an der deutschen Erinnerungskultur beteiligen sollen – und können.

"Sie sagen: Das Thema Leitkultur ist vor allem auch, dass jemand wie Sie oder ich, mit Migrationshintergrund, wie es heißt, durchaus diese Last, die Deutsche haben, auch tragen müssten"

Özlem Sarikaya

"Wenn man sich überlegt, was eigentlich spezifisch an dem wäre, was Menschen hier so an Werten vermittelt bekommen, wenn sie nach Deutschland kommen, spezifisch deutsch, dann ist es ja kaum die Leberwurst, die Breze oder irgendwas in der Art, was man sich vielleicht in der bayerischen Staatskanzlei vorstellt oder im Heimatministerium, sondern es ist was anderes. Der eine Wert, die eine Errungenschaft, die spezifisch deutsch wäre, wäre doch, was man unter dem Stichwort Erinnerungskultur fasst. Dass Deutsche ein anderes Verhältnis zur eigenen Geschichte haben. Dass zum Beispiel ein identitätsstiftendes Moment in der jüngeren deutschen Geschichte der Kniefall ist, der Akt der Scham. Es gibt das nirgendwo anders. Ich kenne kein Land, in dem Menschen sich positiv auf einen Akt der Scham eines Staatsführers beziehen. Und das ist etwas, das ich bewundere. Ich kann mich genau erinnern, ich war noch ein kleines Kind. Meine Eltern sind ja aus dem Iran. Die fanden das unfassbar. Lauter Heldenkulturen, lauter Staaten, wo man Helden anbetet. Und hier ist ein Politiker, ein Staatsführer, der selbst im Widerstand war, mit Sicherheit keine persönliche Schuld hat, der aber das auf sich nimmt, stellvertretend, auf die Knie zu sinken vor den Opfern. Und wer hier lebt, wer mit dieser Sprache arbeitet, sie spricht, wer davon lebt, wer dank ihr lebt, wer durch diese Städte geht, der hat Verantwortung. Es ist wie mit einem Haus, ich habe vielleicht mit den Vormietern nichts zu tun. Aber es ist doch das Haus, das ich versuchen muss zu pflegen. In dem ich doch nicht einfach alles abreißen kann und sagen kann, jetzt baue ich ein neues Haus. Mit dem ich umgehen muss, mit all dem, was in diesem Haus war."

Navid Kermani

Was ist das: Deutschsein? Auf seiner Reise dringt Kermani immer weiter vor in Krisengebiete, die entscheidend waren und sind für die europäische Geschichte – und trotzdem: fast vergessen. 

Navid Kermani hat einen deutschen Pass. Er kann sich bewegen, wie er möchte. Inwiefern ist das Thema? Dieser Luxus, diesen Pass haben zu können, mit dem er überall hinkommen kann, wohin er möchte: Inwiefern ist das auch bei ihm immer präsent?

"Sehr präsent, weil ich ja lange Zeit nur einen iranischen Pass hatte. Und ich war noch Student und hatte diese Erfahrung mit dem iranischen Pass. Die deutschen Freunde gehen nicht durch die Passkontrolle und man wird automatisch von vorneherein zur Seite gewinkt. Man wird verhört, man kommt zum Teil nicht durch. Das war schon eine Urerfahrung als Kind, als Jugendlicher, als Student, dass Grenzen ein Problem sind. Dass dieser deutsche Pass ein unglaubliches Privileg ist. Und es gab da eine Zeitlang wirklich so eine Art von Stolz zu sagen: Ich will gar nicht diesen Pass haben. Ich gehöre zu denen. Dass da so ein Impuls ist von mir zu sagen, ich verzichte auf dieses Privileg. Ich bleibe bei denen, die eben nicht überall reisen können. Aber dann kann man gar nicht hier leben. Ich habe irgendwann aus Versehen meine Aufenthaltsberechtigung verloren, weil ich im Ausland mit einem deutschen Stipendium studiert habe. Eine völlig absurde Situation. Deutschland schickt einen Studenten ins Ausland. Aber aufgrund deutscher Gesetze kann der nicht zurückkommen."

Navid Kermani

Dabei wurde Navid Kermani in Deutschland geboren. "Aber irgendwann wurde es so unpraktisch mit dem iranischen Pass, der von Jahr zu Jahr immer schwieriger wurde. Noch ein Staat, der in Konflikt mit dem Iran stand. Sodass ich dann gesagt habe, wenn man hier lebt, dann geht das nicht so."

54 Tage war Kermani für sein neues Buch unterwegs. Es ist vor allem ein Buch über Perspektiven, Perspektivenverschiebungen. Falsche Ansichten über den anderen können kriegsauslösende Auswirkungen haben. 

"Kein Volk auf der Welt, keine Kultur auf der Welt nimmt sich selbst als Bedrohung wahr, sondern immer nur als bedroht. Natürlich ist das dann erhellend, wenn man von Land zu Land reist. Und feststellt: beide Kriegsparteien – Armenien, Aserbaidschan – fühlen sich wechselseitig bedroht. Aber niemand nimmt wahr, warum er selber eine Bedrohung sein könnte für den anderen. Wenn es nicht einmal Wissen gibt über den anderen, dann verfestigen sich so natürlich die ganzen Feindbildungen, die Ansichten über den anderen, der einen immer nur bedroht. Und deshalb ist ja Literatur wichtig, sind Bücher wichtig, sind Reisen wichtig, weil sie diese vorgefertigten Bilder zu durchbrechen vermögen."

Navid Kermani

"Entlang den Gräben" ist ein spannendes Buch, in dem wir viel auch über unsere Geschichte, unser aller Geschichte lernen können.

Autor des Filmbeitrags: Andreas Krieger


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