BR Fernsehen - puzzle


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Begegnungen Momente zwischen Ankunft und Abflug

Flughafen München. Landen, endlich am Ziel. Der Mensch ist mit dem Kopf vielleicht noch am alten Ort, wird aber gleich in diese Welt hier geworfen. Wir sind gespannt auf die Ankommenden.

Von: Andreas Krieger

Stand: 26.11.2018

Man kennt das: Man kommt mit dem Flugzeug an. Zu Hause am Heimatflughafen, oder an einem fremden Ort. Und man trägt den Ort, von dem man gerade abreist, noch mit sich. Die Reise ist vorbei oder sie beginnt. Im Geiste aber ist man gerade noch in der anderen Welt, die man verlassen hat. Ein spannender Moment und Ort, um Menschen zu treffen und sie zu fragen: Was trägst du mit dir - im Kopf, im Herzen, im Gepäck?

Flughafen München. Landen, endlich am Ziel. Der Mensch ist mit dem Kopf vielleicht noch am alten Ort, wird aber gleich in diese Welt hier geworfen. Wir sind gespannt auf die Ankommenden.

Wir sprechen eine Pflegerin an, gerade gelandet. "Ich war im Senegal, weil meine Mutter gestorben ist. Und ich war bei ihrer Beerdigung", sagt sie. Was fühlt sie in diesem Moment? "Ich fühle mich ein bisschen traurig, weil die Familie zu verlassen, das ist schon traurig. Aber hier habe ich auch eine Familie, weil hier wohnen mein Mann und mein Kind. Das heißt: Ich habe zweimal ein Zuhause. Dort ist traurig und hier ist glücklich. Weil hier werde ich meine Familie wiedersehen. Und dort habe ich meine Familie gelassen."

Was liebt sie an Deutschland? Was liebt sie am Senegal? "Ich liebe alles an Deutschland. Und ich liebe auch alles am Senegal. Dort sind 90 Prozent Moslems. Ich bin Moslem. Das sind zwei verschiedene Leben. Weil zum Beispiel hier in Deutschland darf ich in meinem Beruf bei älteren Leuten den intimen Bereich sehen. Bei uns zu Hause dürfen das die jungen Leute nicht. Dort gibt es auch kein Altersheim. Deswegen müssen ältere Menschen immer in der Familie versorgt werden. In Afrika ist der Respekt zu den Älteren größer. In Deutschland werden sie auf der Straße beleidigt, das ist bei uns nicht erlaubt. Man muss mehr Respekt geben."

Den Blick auf die Heimat nachjustieren. Menschen: verstehen. Hier am Flughafen treffen unterschiedlichste Schicksale aufeinander. Wir sehen einen Mann mit einem guten Freund. Ein ganz besonderer Tag. "Ich warte auf meinen Bruder. Er kommt, um hier zu leben. Er war schon als Minderjähriger in Griechenland als Flüchtling. Ich bin sein großer Bruder und jetzt kommt er zu mir. Und er wohnt mit mir zusammen hier." Sie kommen ursprünglich aus Pakistan und haben sich acht Jahre nicht gesehen. Man kann sich kaum vorstellen, was das bedeutet: Acht Jahre getrennt sein vom Bruder. Auch sonst ist sein Leben: Warten - dass er eines Tages arbeiten darf. Er ist Koch - und darf nicht. "Ich bin nur geduldet, deswegen darf ich nicht arbeiten." Und seine Eltern? "Die sind in Pakistan. Ich bin alleine hier. Sieben Jahre war ich allein. Aber noch eine Stunde, dann bin ich wieder zusammen mit meinem Bruder."

Die Tür zu einem Neuanfang. Das Ende einer langen Reise. Ankommen. Aus Erinnerung wird Wirklichkeit. Im Leben ist es normalerweise andersherum. Dem Bruder in die Armen fallen, nach langer Zeit - auch das ist Heimat. Die ganze Nacht hat der Bruder nicht geschlafen. Dass sie wieder zusammen sind, gibt ihnen Kraft für ihren schwierigen Alltag ohne Arbeit.

Fliegen ist auch Einschränkung. Man nimmt das Wesentliche mit. Wir treffen einen in München lebenden Ägypter, der Frau und Kind vom Flughafen abholt. Sie kommen gerade aus Ägypten zurück. Was bedeutet Heimat für ihn? "Familie, Freunde, Studienzeit, Kindheit auch." Seine Frau hat aus Ägypten Süßigkeiten mitgebracht, die es nur einmal im Jahr gibt. Eine Saison-Süßigkeit. "Es ist von unserem Propheten Mohammed, zu seinem Geburtstag. Die Menschen in Ägypten feiern damit." Heimat - in der Hand.

Je kleiner das Gepäck, desto größer die Möglichkeiten. Desto genauer der Blick. Kurzbesuch. Von einem Niederländer auf Geschäftsreise wollen wir wissen, was die Unterschiede sind zwischen den Deutschen und den Holländern. "Die Holländer sind direkter. Ein bisschen mehr transparent. Die Deutschen sind sehr höflich, aber es gibt noch immer viele Hierarchien."

Heute hier, morgen da. Flughafen sind auch Orte der Flüchtigkeit - eines Reisens, das schneller ist als der Mensch verstehen kann. Amerikaner sind bekannt für ihren sportlichen Reisestil. Europa im Speed-Dating-Modus. "Wir sind zwei Wochen in Europa", sagt ein Pärchen. "Wir waren schon in Dublin, Edinburgh, Berlin, Prag. Wien. Budapest. Jetzt sind wir in München." Und was hat die beiden überrascht? "Fast alles. Die Berliner Mauer steht noch! Die Bauten, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt haben. Es hat mich überrascht, wie diese kaputte Stadt wieder aufgeblüht ist. Das ist spannend."

Immer weiter. Nie bleiben. Das Gegenteil von Heimat? Was ist für die beiden Amerikaner Heimat? Was bedeutet das für sie? "Für mich bedeutet es, dass Menschen zusammenkommen und es egal ist, welche Religion oder Hautfarbe sie haben. Menschen, die in einer Gemeinschaft leben und voneinander lernen wollen. Gemeinsam wachsen. Und jeder strebt nach Liebe, nach Glück."

Das Glück, für die einen im Ankommen, für die Anderen im Gehen. Den Kopf mal aus den Wolken nehmen. Die Welt ist in Bewegung.


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