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Mode Integriert und doch zum Nichtstun verdammt

Zillian aus Gambia und Roubs Style aus dem Senegal könnten Vorbilder für gelungene Integration sein. Die beiden Designer entwerfen stylische Mode, engagieren sich und sind längst in München heimisch geworden. Trotzdem will die Politik sie zum Nichtstun zwingen.

Stand: 26.02.2018

Afrikanische Mode "Made in Bavaria" ist ausgefallen und lässig. Der Designer Suleiman Jode, Künstlername "Zillian", mixt bunte Stoffe mit klaren, reduzierten Schnitten und kreiert Kleider für die junge Generation, wie er selbst sagt. Zu sehen ist Zillians Kollektion bisher auf Fashion-Shows, die er in angesagten Clubs wie dem Münchner "Backstage" oder im "Lovelace" veranstaltet.

In den Fußstapfen der Mutter

Die Kunst des Nähens und Entwerfens von Kleidern hat der 23-Jährige von klein auf erlernt, denn seine Mutter, eine Modedesignerin, hatte in Gambia ein eigenes Schneideratelier.

"Nach der Schule habe ich mich immer sofort an die Nähmaschinen gesetzt, meine Familie hatte viele Nähmaschinen. Wenn meine Mutter mal nicht im Atelier war, habe ich alles übernommen und war für alles verantwortlich - Maß nehmen, nähen, Entwürfe machen, einfach alles. Ich bin in die Fußstapfen meiner Mutter getreten."

Suleiman 'Zillian' Jode, Modedesigner

Das Geschäft läuft gut, Zillian beginnt mehr und mehr seine eigene Mode zu entwerfen und zu verkaufen. Doch dann legt sich sein Onkel, der als Minister für die Regierung Gambias arbeitet, mit dem damaligen Präsidenten Yahya Jammeh an und kommt ins Gefängnis. Auch die restliche Familie Zillians wird bedroht. Bewaffnete Soldaten der Regierung stürmen das Haus der Familie. Mit viel Glück können Zillian, seine Schwester und seine Mutter den Militärs entkommen. Aus Angst erwischt oder getötet zu werden, verlassen sie mitten in der Nacht ihre Heimat und fliehen vor dem brutalen Regime in Gambia.

Mode bedeutet mehr als nur schöne Kleider

Über Umwege und nach mehreren Monaten auf der Flucht kommt Zillian schließlich mit 17 Jahren in Deutschland an. Im Gepäck nicht viel mehr als der Wunsch, auch in Deutschland als Modedesigner arbeiten zu können. Doch weil die Münchner Modeschulen zu teuer sind und er sich die Studiengebühren nicht leisten kann, beginnt Zillian eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann.

So oft er kann setzt sich Zillian nach seiner Arbeit an die Nähmaschine und entwirft und näht neue Kleider, mitten im Aufenthaltsraum einer Studenten-Geflüchteten-WG, einem besonderen Wohnheimprojekt von Condrobs e. V. in München. Dass er dabei wenig Platz hat und er vor allem auf Stoff-Spenden angewiesen ist, das ist dem jungen Modedesigner egal, solange er nur nähen kann. Denn Mode bedeutet für ihn mehr als nur schöne Kleider.

"Mode ist etwas besonderes für mich, es gibt mir auch Kraft. Wenn ich hier sitze und nähe, bin ich in einer anderen Welt und das macht viel Spaß. Da vergesse ich alle Dinge, deswegen nähe ich oft. Wenn man dann rauskommt, dann sind die Leute begeistert, das motiviert mich auch weiter."

Suleiman 'Zillian' Jode

Abschiebung trotz Ausbildung

Zillian arbeitet, engagiert sich, hat Freunde und ist in München gut vernetzt. Er ist das, was man in der Politik wohl als "gut integriert" bezeichnen würde. Als er trotz allem vor einem Jahr einen Abschiebebescheid bekommt, ist er wie betäubt und hat das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dass ihn die hiesige Regierung nach knapp vier Jahren in Deutschland wieder abschieben will, obwohl er mitten in der Ausbildung steckt und arbeitet, das kann er nicht verstehen.

"Es ist crazy, weil manchmal denke ich, ich kann drei Monate lang ein Projekt machen und gleichzeitig denke ich, ich werde morgen vielleicht die Abschiebung bekommen und ich muss weg. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ist schwierig so zu leben, auch um was zu erreichen. Aber die Regierung sieht das nicht, die Politiker sagen einfach: morgen musst Du nach Hause gehen. Das ist eine Katastrophe." Suleiman 'Zillian' Jode

Arbeiten gegen die Ohnmacht

Weil Zillian in der Ausbildung ist und er nach der "3+2"-Regel des Integrationsgesetzes eigentlich nicht abgeschoben werden kann, hat er eine Klage angestrengt. Ob diese allerdings erfolgreich sein wird, ist noch ungewiss, denn Gambia gilt mittlerweile als sicheres Herkunftsland.

Trotz aller Unsicherheit: Aufgeben will Zillian nicht. Statt zu resignieren, hat er mit Freunden "Mad Music Design" gegründet. Ein Kollektiv junger Künstler mit Fluchtgeschichte aus dem Mode-, Musik- und Kunstbereich, die gemeinsam Mode- und Musikevents organisieren und sich gegenseitig unterstützen.

Genau wie Zillian hat auch Roubs Style aus dem Senegal mit Deutschlands Asylpolitik zu kämpfen - und gegen seine Ohnmacht. Denn auch er ist Modedesigner, auch er hat in Deutschland eine Ausbildung begonnen, hat Freunde gefunden, Steuern gezahlt und ist das, was man wohl "gut integriert" nennen würde. Trotzdem will die Politik ihn zum Nichtstun verdammen und ihn vom gesellschaftlichen Leben ausschließen. Dabei war sein Start in Deutschland vielversprechend.

"Nach drei Monaten in Deutschland habe ich eine Arbeitserlaubnis erhalten und habe über eine Lehrerin erfahren, dass eine Konditorei hier in der Gegend eine freie Lehrstelle hat und keinen Auszubildenden findet. Also habe ich die Konditoren-Ausbildung angefangen. Nach vielleicht zwei Wochen kam ein Brief und mein Chef sagte: 'Du darfst hier leider nicht mehr arbeiten, du bist aus dem Senegal und die Regierung verbietet Menschen aus dem Senegal, eine Ausbildung zu machen.'"

Roubs Style, Modedesigner

Ein Leben für die Mode

Roubs stammt aus einer Familie von Schneidern und Modedesignern. Während seine Brüder vor allem traditionell afrikanische Kleider genau nach den Vorgaben der Kunden schneidern, schlägt Roubs einen neuen, anderen Weg ein. Er liebe zwar afrikanische Mode, er habe aber nicht das Gefühl gehabt, seine ganze Kreativität nutzen zu können:

"Ich habe einfach angefangen, eigene Sachen zu entwerfen, was nicht typisch afrikanisch war, zum Beispiel Caps oder Taschen im europäischen Stil, gemischt mit kleinen Details aus diesem typisch afrikanischen Wachs-Stoff. Es ist ein Stoff, der für Afrikaner wie eine zweite Haut ist, ein Stück Identität."

Roubs Style, Modedesigner

Da er für sich und seine Modekreationen keine Zukunft in Afrika sieht und auf ein besseres Leben in Europa hofft, besteigt Roubs ein altes Fischerboot und fährt, zusammengepfercht mit 86 Menschen, acht Tage und Nächte übers Meer.

Ausbildungs- und Arbeitsverbot statt Integration

Als er 2013 nach Deutschland kommt, "laufen die Dinge zunächst für ihn gut", wie er sagt, denn er findet schnell eine Arbeit und ist beliebt. Weil der Senegal als sicheres Herkunftsland gilt, lehnt die Ausländerbehörde Roubs Asylantrag ab und erteilt ihm ein Arbeits- und Ausbildungsverbot. Roubs muss die Ausbildung abbrechen und ist verzweifelt. Er flüchtet sich in seine Arbeit, schneidert Tag und Nacht, denn das Kreieren von Mode lenkt ihn ab. Als ihn eine Professorin als Referent für afrikanische Mode an eine Universität einlädt, versteht er die Welt nicht mehr und will das Angebot zunächst ausschlagen, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

"Die Professorin sagte: 'Nein, das ist keine Arbeit, weil Du kein Geld bekommst. Aber wir brauchen einen Referenten und Du könntest uns also helfen.' Ich sagte: 'Okay, wenn ich euch so helfen kann, dann mache ich das. Ich dachte nur, wenn ich in Deutschland überhaupt nicht arbeiten darf, dann kann ich auch nicht zu euch an die Uni kommen. Aber wenn das bei euch so läuft, dann mach ich das. Vielleicht kann ich damit eurer Regierung zeigen, dass wir alle, die ganzen Ausländer, der Gesellschaft auch etwas zu geben haben.'"

Roubs Style, Modedesigner

Hoffen auf eine faire Chance

Dass er unentgeltlich an einer Universität arbeiten, aber weder seine Ausbildung beenden noch Geld verdienen darf, diese widersprüchliche Politik kann Roubs nicht verstehen. Doch genau wie Zillian möchte auch er der deutschen Gesellschaft und der deutschen Regierung beweisen, dass Geflüchtete einen positiven Beitrag leisten wollen und können - wenn man sie nur lässt.

Bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass beide Modedesigner, Zillian und Roubs, doch noch eine faire Chance in Deutschland bekommen.

Autorin des Filmbeitrags: Michaela Paul


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