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Lange Nacht der Demokratie Augsburg Ist unsere Demokratie in Not geraten?

Müssen wir uns um die Zukunft der Demokratie sorgen? Ereignisse, wie der fremdenfeindliche Aufmarsch in Chemnitz, zeigen: Wir dürfen nicht länger wegsehen. Warum und wie wir die Grundwerte unserer liberalen, demokratischen Gesellschaft verteidigen können, erklären Augsburger Kulturschaffende.

Von: Michaela Paul

Stand: 25.09.2018

Donald Trump als US-Präsident, die Zustimmung der Briten zum Brexit und rechtspopulistische Töne im Bundestag - all das war kaum für möglich zu halten, trotzdem ist es genauso passiert. Auch jüngste Ereignisse, wie der fremdenfeindliche Aufmarsch in Chemnitz, zeigen: Unsere Demokratie und die damit verbundenen Freiheiten sind kostbar, aber sehr fragil und keineswegs selbstverständlich.

Die Demokratie ist ins Wanken geraten

Wachsende soziale und ökonomische Ungleichheit, das Erstarken rechter Parteien, menschenfeindliche Äußerungen und Hass, der sich ungehemmt auf den Straßen Deutschlands entleert, haben unsere Demokratie ins Wanken gebracht. Wie konnten wir es so weit kommen lassen? Auch Künstlerin und Rapperin Sophie Te aus Augsburg sucht auf diese Frage Antworten.

"Wir haben alle sehr schön unseren kleinen Mikrokosmos eingerichtet und in dem kriegt man das Böse gar nicht so sehr mit, wenn man nicht will. (...) Es ist außerhalb meiner Wahrnehmung und da muss drauf hingewiesen werden, damit ich hinschaue und ich mich auch traue hinzuschauen."

Sophie Te, Rapperin, Künstlerin und Workshop-Leiterin bei Radio Reese

Dialog zwischen Politik und jungen Menschen notwendig

In Workshops des Augsburger Radiosenders Radio Reese arbeitet Sophie Te mit jungen Menschen zusammen. Mit gemeinsam geschrieben Texten, Rapsongs und Posts in sozialen Medien will sie Jugendliche für politische Themen sensibilisieren und ihnen Mut machen, sich aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen.

74 % der unter 25-Jährigen sind mit der Demokratie in Deutschland zufrieden, so die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie 2015. Allerdings fühlen sich 69 % der Jugendlichen von der Politik unverstanden und nicht ernst genommen. Politisch interessiert seien Jugendliche aber durchaus, sagt Sophie Te.

Um den Dialog zwischen Politik und Jugendlichen zu fördern, brauche es eine zeitgemäße Kommunikation seitens der Politik, etwa über passende digitale Kanäle oder Werkzeuge wie Hashtags. Doch eine solche Kommunikation finde bisher kaum statt, bedauert die Künstlerin.

Demokratie lebt von Partizipation und vom Vertrauen in den Rechtsstaat

Dejun Liu ist chinesischer Menschenrechtsaktivist und Blogger. Nachdem er sich in China für die Rechte von Wanderarbeitern eingesetzt hatte, wurde er vom chinesischen Staat mehrfach verhaftet und misshandelt. Heute lebt Dejun Liu in Nürnberg und bloggt weiterhin für Menschenrechte.

Dejun Liu ist davon überzeugt, dass Demokratie nicht nur von der Partizipation der Bürger lebt, sondern auch vom Vertrauen in den Rechtsstaat. Als er nach Deutschland gekommen sei, habe er lange geglaubt, die deutsche Demokratie sei perfekt.

"In diesem Jahr habe ich beobachtet, dass etwas schief gelaufen ist, besonders nach dem Polizeiaufgabengesetz. Die Polizei hat jetzt mehr Macht und sie ist außerhalb der Kontrolle."

Dejun Liu, chinesischer Menschenrechtsaktivist und Blogger

Auch polarisierende oder fahrlässige Aussagen von Politikern und Staatsdienern beschädigen die Demokratie. Ebenso seien Falschinformationen und das Leugnen von Fakten für eine Demokratie brandgefährlich, sagt Dejun Liu und erinnert an die Causa Chemnitz-Maaßen. Der Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen bezweifelte gegenüber der Bild-Zeitung, dass es fremdenfeindliche Hetzjagden in Chemnitz gegeben haben könnte. Er sei über diese Aussage geschockt gewesen, sagt Dejun Liu und appelliert an die deutsche Gesellschaft, den demokratischen Staat aktiv zu verteidigen.

Demokratie ist nicht selbstverständlich, sondern muss verteidigt werden

Um die Zukunft der Demokratie sorgt sich auch Illustratorin Nontira Kigle. Als politische Karikaturistin würde sie sich selbst nicht bezeichnen. Trotzdem setzt sie sich in vielen ihrer Zeichnungen künstlerisch mit dem Gespenst der Demokratie-Krise auseinander, das um die Welt geht. Mit ihren Bildern möchte sie den Blick der Menschen erweitern und sie auf die Gefahren, Herausforderungen und Probleme aufmerksam machen, die unsere Demokratie auf den Prüfstand stellen.

"Die rechte Welle, das ist nicht ein Problem, das erst seit gestern existiert. (...) Nur weil ich nicht in Chemnitz bin, heißt das nicht, dass es mich nichts angeht. Es macht mir definitiv Angst und ich mache mir Sorgen. Ich hoffe, (...) dass wir sagen 'Nein: So etwas, was in Chemnitz passiert ist, das lassen wir hier nicht zu.'"

Nontora Kigle, Illustratorin aus Augsburg

Freiheit, Gleichheit, Toleranz - unsere Demokratie und die damit verbundenen Werte sind nicht selbstverständlich und unumstößlich. Für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft muss die Demokratie geschützt und verteidigt werden.

Oder, um es frei nach Altkanzler Willy Brandt zu sagen: Es ist höchste Zeit, mehr Demokratie zu wagen!

Weiterführende Informationen

Blogger und Menschenrechtsaktivist Dejun Liu auf Facebook:
www.facebook.com/dejun.liu

Webseite von lllustratorin Nontira Kigle
www.nontirakigle.de

Sophie Te gibt Workshops für Jugendliche bei Radio Reese
www.radio-reese.de


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