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Atelier La Silhouette Luises Zimmer

Eine Münchner Einrichtung beeindruckt uns immer wieder sehr, weil sie mit scheinbar leichter Hand und viel Menschlichkeit Wunder passieren lässt: Das Atelier La Silhouette.

Von: Andreas Krieger

Stand: 28.01.2019

Junge Frauen, die aufgrund ihres Lebensumfeldes, ihrer Geschichte, nicht privilegiert sind - und nicht selten mit einem schweren Paket durchs Leben gehen, bekommen hier die Möglichkeit, an sich selbst zu glauben. Bei La Silhouette können sie eine Ausbildung zur Schneiderin machen und schneidern sich ganz nebenbei ihre eigene Zukunft.

Scharfe Kommentare

Kleidung, Mode. Das ist: Hülle und Ausdruck. Das Notwendige - und das ganz Persönliche. Die Ausstellung mit dem Titel "Luises Zimmer" ist in einem Wohnprojekt in Berg am Laim verteilt. Hier leben Familien und Einzelpersonen mit Fluchthintergrund und Bleibeperspektive. Die Aufenthaltsräume wurden von den angehenden Schneiderinnen des Ateliers La Silhouette gestaltet. Mode-Schatzkammern. Und gleichzeitig: scharfe Kommentare zur Gesellschaft.

Rebel Girls

Für Maya Ramadanovic ist Alltagshandeln immer auch politisches Handeln. Kleidung und Leben: nicht zu trennen. Den von ihr gestalteten Raum hat sie "Rebel Girls" genannt. Warum? "Ich bin Roma-Zigeunerin und wir haben in der Kultur verankert, dass man früh heiratet und keine Karrierefrau wird. Da rebelliere ich dagegen, weil man das nicht machen muss. Man kann auch als Frau was Tolles arbeiten."

Vorbilder

Lieber Rebellin sein als eine Sklavin, sagt sie. Mit einer Riesencollage feiert sie den Feminismus, die Freiheit. Wer sind die Persönlichkeiten auf ihrer Tafel? "Das sind wundervolle Frauen, die mich auf dem Weg begleiten", sagt Maya Ramadanovic. "Vorbilder, die was verändert haben, sich eingesetzt haben, für andere mitgedacht haben. Teilweise meine Arbeiteskolleginnen. Und Ahninnen. Manche leben noch, manche nicht. Etwa Lina Morgenstern, meine Favoritin. Eine tolle Frau, die viel für Frauen gemacht hat, sich für die Kindergärten eingesetzt, Frauen ausgebildet und Kinderbücher geschrieben hat. Oder Wangari Maathai, die erste afrikanische Frau, die den Friedensnobelpreis bekommen hat, weil sie sich dafür eingesetzt hat, dass die Frauen in Afrika ihre Brunnen selber bauen und auf die Natur achten. In Afrika wird sie 'Mutter der Natur' genannt. Oder Tracy Chapman, kennt man. Vorbilder einfach. Jede hat mich irgendwo geprägt oder wird mich noch prägen."

Schuldig oder unschuldig?

Die Entwürfe von La Silhouette sind bezwingend schön. Und inspirieren zu Diskussionen. Nuray Hatun-Urucu ist Schneidermeisterin bei La Silhouette. Ihr Thema: Wer spricht Frauen schuldig, wer spricht sie frei? Sie stellt eine Frau im Brautkleid einem Richter mit Paillettenweste gegenüber. Mit dem Finger kann man "Schuld" oder "Unschuld" auf dessen Rücken schreiben. "Ist die Frau nun schuldig? Oder nicht? Und er darf das jetzt entscheiden." Hat die Arbeit mit ihren eigenen Erfahrungen zu tun? "Ich komme aus einer Kultur, in der die Frauen sich nicht so freizügig anziehen dürfen. Und wenn ihnen was passiert, heißt es: 'Selber schuld.' Oder: 'Das hättest du nicht anziehen dürfen. Du hast provoziert.' Ich wollte einfach beweisen, dass es nicht so einfach ist."

Was wünscht sich Nuray Hatun-Urucu, das sich dringend ändern sollte? - "Ich komme aus Südosten aus der Türkei. Da werden Frauen nicht so behandelt wie Männer. Sie sind nicht so wertvoll. Ich wünsche mir, dass sie dafür kämpfen. Und nicht nur den Kopf schütteln und weiter machen."

Die Verwandlung der Verwundung

Die Entwürfe schulen den Blick. Zweimal hinschauen. An der Wand: ein Tintenkleckstest. Instrument der Psycho-Diagnose. Damit wird die Persönlichkeit getetest: Was willst du sehen? Aus Klecks wird Kleid. "Die Verwandlung der Verwundung" nennt Shunita Girma ihre Räume. Sie wird sauer, wenn Leute sagen, psychische Erkrankungen seien Einbildung. Sie kennt genug Betroffene. "Wir haben in unserem Land, in unserer Gesellschaft viele Menschen, die mit vielen Traumata leben müssen, die sie erlebt haben." Wie groß ist dieses Thema bei La Silhouette? "Sehr groß. Wir haben auch einige Frauen bei uns, die aus anderen Ländern nach Deutschland eingereist sind, und ich finde es ist heutzutage ein sehr großes Thema. Ein Mensch ist von diesem Ort zu dem anderen Ort geflohen, aber man schaut gar nicht tiefer hinein, was dieser Mensch alles gespürt und erlebt hat. Es ist nicht so einfach, wie sich die meisten Menschen das vorstellen." Shunita Girma hat auch eine Zwangsjacke im modernen Stil entworfen. Das Leben ist wie diese Jacke: Fetzen, Stücke, zu eng, nie fertig.

Ungeschminkt

Maria-Luisa Chale drückt sich in fantastischen Entwürfen aus: Geometrie. Dreieck, Rechteck, Kreis. Diese abstrakten Formen füllt sie mit Gefühl. Ihr Raum hat den Titel "Ungeschminkt". Warum? "Weil man ohne Schminke auch hübsch sein kann." Wie fühlt es sich für sie an, ungeschminkt zu sein? "Natürlich. Klar. Einfach. Leicht. Das Schminken ermöglicht eine Fassade. Es gibt Leute, die sich verstecken und die Maske als Schutz benutzen."

Die Sehnsucht nach klarer Struktur. Kleidung als Statement. Die Mode der jungen Schneiderinnen ist wie sie selbst, wie jeder Mensch: einzigartig und etwas ganz Besonderes.

Weiterführende Informationen

In der Ausstellung treffen wir auch noch ein Mädchen. Sie ist noch klein, aber sie weiß auch, was sie will: "Du, Mama, ich will dir eines sagen: Ich mag dich sehr und du bist die beste Mama auf der ganzen Welt. Ich bin die Gulsum und bin neun Jahre alt. Ich gehe in die vierte Klasse. Und sagt euren Mamas: 'Ich liebe dich.' Wenn ihr es nicht so gern sagt, sagt es halt vielleicht einmal im Monat. Und eines will ich euch sagen: Ich mag meine Mama sehr. Ich sage es ihr. Da wird sie einfach sehr glücklich und wird lange leben."


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