BR Fernsehen - puzzle


7

Koloniale Spuren Das dunkle Erbe des Kolonialismus

Der deutsche Kolonialismus war brutal und kostete mehreren hunderttausend Menschen das Leben. Trotzdem wurde das dunkle Kapitel deutscher Geschichte bisher nicht hinreichend aufgearbeitet. Die Schatten und Auswirkungen des kolonialen Erbes reichen bis in die Gegenwart.

Stand: 27.03.2018

Die deutsche Kolonialherrschaft unter Kaiser Wilhelm II. war eine düstere Zeit, die von Gewalt, Rassismus, Landraub und Völkermord geprägt war. Bis heute spukt der koloniale Geist durch die Gegenwart, begegnet uns in Straßen, auf Schildern, in Denk- und Verhaltensmustern und prägt das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland.

Doch eine offensive Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands und dessen Nachwirkungen hat es bisher kaum gegeben. Oft sind es verklärte, nostalgische Bezüge, die zur Kolonialgeschichte führen, während die Verbrechen, die damals begangen wurden, aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht zu sein scheinen.

Münchens koloniale Vergangenheit

Simon Goeke ist Mitbegründer des Webprojekts "mapping.postkolonial.net", das ganz bewusst die Opfer des Kolonialismus in den Mittelpunkt stellt. Auf der Seite zeigen die Macher Münchens koloniale Spuren auf, liefern dazu Hintergründe und Wissen und machen auf die Schatten, die sogenannten "Gespenster" der kolonialen Vergangenheit aufmerksam.

Eingezeichnete Wissens-Touren machen ein Stück kolonialer Geschichte für den User via Smartphone erlebbar und zeichnen ein differenziertes Bild des kolonialen Erbes. So führt eine dieser Touren zum Alten Südlichen Friedhof, an dessen Außenmauer eine Gedenktafel hängt, die an die in Kolonialkriegen gefallenen deutschen Soldaten erinnert. Ein einseitiges Erinnern, das nur der Täter und nicht der Opfer gedenkt, sagt Simon Goeke.

"Es ist ja nichts Anrüchiges dabei, gefallenen Soldaten zu gedenken. Aber dieser Kolonialkrieg in Namibia, das war der erste deutsche Völkermord, der da verübt wurde, und das wird hier eben mit keinem Wort erwähnt."

Simon Goeke, Mitinitiator von 'mapping.postkolonial.net'

Verdrängung von Verbrechen, statt Aufarbeitung

1904 begann ein gezielter Vernichtungskrieg gegen das Volk der Herero und Nama. Kaiserliche Truppen ließen Männer, Frauen und Kinder in der Wüste verdursten. Zehntausende Menschen wurden erschossen oder kamen in Konzentrationslagern um.

Doch bis heute tut sich der deutsche Staat schwer mit der kritischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und der begangenen Verbrechen. Eine Entschädigung für den Genozid an den Nama und Herero verweigert Deutschland bis heute.

In München erinnert heute die "Hererostraße" an die Opfer. Doch wenige Straßenzüge weiter stehen unkommentiert Straßennamen, die an Orte kolonialer Verbrechen und Täter erinnern.

Das Fortbestehen von kolonialem Rassismus

Naomi Lwanyaga ist Antirassismus-Trainerin in München. Ebenso wenig wie die koloniale Vergangenheit seien deren Nachwirkungen auf die Gesellschaft Gegenstand des öffentlichen Bewusstseins. So existierten heute noch koloniale Überlegenheitsvorstellungen, nach der Menschen rassifiziert und nach äußeren Merkmalen beurteilt und auf Basis derer Weiße an die Spitze der sozialen Hierarchie gestellt wurden, sagt Lwanyaga:

"Ich denke, dass heutzutage eher unbewusst, versteckt im Hinterkopf, dieses Besser und Schlechter vorhanden ist. Das beginnt schon früh bei Kindern, dass die wahrnehmen, dass es Unterschiede gibt, und dass diese Unterschiede tief in unserer Gesellschaft verankert sind. Wenn da keine Sensibilisierung stattfindet, dass diese Denkstrukturen fortbestehen."

Naomi Lwanyaga, Anitrassismus-Trainerin

Ein verzerrtes Selbstbild und verdrehte Schönheitsideale

Kolonialer Rassismus ist bis heute allgegenwärtig und wird kaum reflektiert. Er begegnet uns in Sprachgewohnheiten oder in Bildern, die in den Medien oder der Werbung ganz selbstverständlich kursieren. Es sind kolonialrassistische Bilder, die schwarze Menschen abwertend als "anders" darstellen und Weiß-Sein als Norm beschreiben.
Das habe zur Folge, dass besonders heranwachsende schwarze Deutsche unter einem verzerrten Selbstbild leiden würden und oft auch ein völlig verdrehtes Konzept von Schönheit und Schönheitsidealen hätten, sagt Lwanyaga.

"Frauen mit Afrohaaren oder mit Locken, denen wurden in der Kolonialzeit die Haare abrasiert. Da hieß es immer, das ist zu unordentlich, zu wild. Und viele Frauen mit Afrohaar unterziehen sich heute noch gesundheitsgefährenden Maßnahmen für glattes Haar. Denn es war immer Konsens: Je heller umso schöner und je glatter desto schöner das Haar."

Naomi Lwanyaga, Anitrassismus-Trainerin

Zeit für ein kritisches Vergangenheitsbewusstsein

Um koloniale Kontinuitäten, wie das Fortbestehen von kolonialem Rassismus, verstehen und durchbrechen zu können, ist ein kritisches Vergangenheitsbewusstsein wichtig - besonders im Zeitalter der Globalisierung und dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien.
Simon Goeke von "mapping.postkolonial.net" ist es deshalb wichtig, Spuren der kolonialen Vergangenheit im öffentlichen Raum zu bewahren, statt diese auszulöschen.

"Wichtig fände ich nur einen anderen Blick darauf. Dass man sich bewusst ist, dass das im Prinzip eine der Grundursachen ist für Rassismus, der noch immer existiert, und für Ausbeutung, die heute noch existiert."

Simon Goeke, Mitinitiator von 'mapping.postkolonial.net'

Höchste Zeit also, Deutschlands koloniale Vergangenheit endlich offensiv aufzuarbeiten.

Autorin des Filmbeitrags: Michaela Paul


7