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Grund-Sound unserer Zeit Kollektive Angst

Die Angst geht um in Deutschland. Sagt man so, liest man so. Heute wird vor allem von der kollektiven Angst gesprochen. Die Gründe für diese Angst sind oft diffus, werden manchmal gar nicht klar benannt - und trotzdem verbreitet sie sich wie eine Epidemie.

Von: Andreas Krieger

Stand: 28.01.2019

Die Menschen werden anfällig für diejenigen, die sie vermeintlich von der Angst befreien wollen. Dabei sind es oft genau jene, die ihnen diese Angst überhaupt erst einreden. Was macht Angst mit uns? Was sagt sie über uns? Und: Wie sollten wir mit ihr umgehen? Eine kreative und eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem mächtigen Gefühl.

Angst ist wichtig. Essentielles Warnsystem. Angst rettet. Warnt. Bewahrt vor Dummheiten. Macht wach. Wenn es einen direkt wahrnehmbaren Anlass für diese Angst gibt. Aber Angst ist auch das: seelische, nicht identifzierbare Not. "Angst entsteht, wenn etwas, das im Extremfall lebensnotwendig ist, nicht realisiert wird", sagt der Psychoanalytiker Dr. Dieter Sandner. "Ein Säugling, der schreit und nicht beruhigt wird durch das, was er braucht, entwickelt massive Ängste. Und später ist es auch so. Angst entsteht immer dann, wenn keine Perspektive besteht. Wenn man das Gefühl hat: Das geht nicht weg. Und wenn es nicht weg geht, dann wird die Angst nur noch größer."

Oft ist die Angst aber keine Reaktion auf etwas existenziell Bedrohliches, auf etwas, das tatsächlich passsiert. Sondern sie ist Stellvertretergefühl für eine diffuse, angesammelte Frustration. Dann kann es umschlagen und gefährlich werden. "Angst ist dann nicht gesund, wenn genau dieser Fall eintritt, dass ich vor etwas Angst habe, dem ich aber nie begegnen kann oder begegnen werde", sagt der Regisseur und Autor des Theaterstücks Emre Akal.

"Wenn ich etwa Angst vor einer Maus habe und ich sehe eine Maus, dann ist das ganz konkret, ich kann mich dagegen wehren. Aber wenn ich Angst habe, die ich zum Beispiel über ein Medium oder über eine Gesellschaft erfahre, der ich aber nie begegnen kann, dann ist dieser Schatten der Angst das Eigentliche. Die Angst ist der Schatten und dem Ursprung dessen werde ich nie begegnen, weil ich noch nicht einmal fähig bin in diesen Schatten reinzulaufen, weil ich davor schon Angst habe. Das ist das Diffuse, die Angst. Und das ist das Fatale daran, weil ich nie feststellen kann, wie richtig oder falsch, wie begründet dieses Gefühl ist, das ich habe."

Emre Akal, Autor und Regisseur

Die kollektive Angst ist wie eine Massenhysterie. Emre Akal erfoscht in seinen Theaterprojekten immer wieder die Mechanismen von Gruppen. Angst ist ein Instrument, macht den Menschen weich und formbar. "Fremdenangst ist natürlich keine Angst vor Fremden", sagt Akal. "Diese Angst vor Fremden bedeutet ja in erster Linie eigentlich nur, dass es meine ganz private eigene Angst ist vor Veränderung. Oder die eigene Angst vor dem Verlust meines Status oder meiner Lebensweise. Und dann kann ich natürlich einem anderen die Schuld geben und sagen, weil dieser Mensch kommt, laufe ich Gefahr meinen Status oder meine Lebensrealität zu verlieren."

"Die Angst soll weggehen, das Problem, das damit verbunden wird, soll irgendwie gelöst werden", erklärt Dr. Sandner den Mechanismus. "Und wenn es nicht gelöst wird, dann bleibt es latent. Dann springt es an, wenn irgendetwas als Lösung angeboten wird."

Emre Akal thematisiert dieses Problem in seinem Stück "Frau F. hat immer noch Angst". Auf der Bühne ist eine gleichgeschaltete, gruselig durchgetaktete Familie zu sehen. Ein geschlossenes System, in dem es scheinbar keine Möglichkeit gibt, dem Fremden zu begegnen. Und also auch keine Möglichkeit, den Druck abzubauen.

"Die kollektive Angst macht deshalb verführbar, weil sie ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Stärke erzeugen kann", sagt Akal. "Wenn ich weiß, es gibt noch viele andere Menschen, die die gleiche Angst teilen, fühle ich mich stärker. Ich fühle mich gesehen. Ich fühle mich wahrgenommen. Ich fühle mich nicht mehr alleine. Ich fühle mich verstanden. Und dadurch formiert sich eine Gewalt, eine große Kraft, die sehr gefährlich ist für unsere, für jegliche Gesellschaft. Das Gefährliche daran ist, dass man in diesem Gefühl der Stärke und Macht jeglichen Bezug zur Realität verliert."

Bei einem so starken, verbindenen, negativen Gefühl wie Angst ist Ausscheren aus einer Gruppe sehr schwer. Die Familie in Akals Stück ist die Wahnvorstellung und Manifestation der Ängste der alten alleinstehenden Frau F. Ihre größte Furcht: Es könnte sich etwas ändern. Das ist das Perfide an der kollektiven Angst: Sie kann nur wachsen und wachsen. Aber es gibt kein Ventil, um sie wieder kleiner zu machen.

"Die Politiker und wir alle sind gut beraten, dass man etwas dagegen tut, bevor das explodiert. Sie brauchen sich bloß vorstellen, in drei, vier Jahren bricht bei uns die Wirtschaft zusammen. Was meinen Sie, was da passiert? Was da für eine Aggression entsteht. Wenn es wirklich im Gang ist: kaum bremsbar."

Dr. Dieter Sandner

Ist dieses diffuse Gefühl wirklich Angst? Was soll Angst vor dem Fremden sein, also vor etwas, das man gar nicht kennt? Es ist die Verlagerung berechtigter sozialer Ängste auf Fremde. Das ist: Voruteil, keine Angst. Aufklärung und Begegnung ist alles.

Weiterführende Informationen

Literatur
Dieter Sandner
"Die Gesellschaft und das Unbewusste"
Springer Verlag

"Frau F. hat immer noch Angst"
HochX München 2019
Regie: Emre Akal


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