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Kinofilm "Kleine Germanen"

Was richtet eine Erziehung an, die darauf aus ist, Kinder zu radikalisieren? Was wird aus diesen Kindern, wenn sie erwachsen sind? "Kleine Germanen" mischt Animation mit Dokumentarfilm und erzählt die Lebensgeschichte von Neonazi-Aussteigerin Elsa, die in einem rechtsextremen Umfeld aufwächst.

Von: Michaela Paul

Stand: 07.05.2019

Der teils animierte Dokumentarfilm "Kleine Germanen" von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh erzählt das Schicksal von Neonazi-Aussteigerin Elsa. Elsas Kindheit ist geprägt vom rassistisch-völkischen Denken des Großvaters und dessen autoritärer Erziehung. Seiner Enkelin lehrt der alte Nazi Gehorsam und Pflichtbewusstsein. "Hart wie Kruppstahl" - so soll sie werden. Mit seinen entmenschlichenden Geschichten schürt er die Angst vor dem Fremden und das Feindbild des Mädchens. Amerikaner, Ausländer, Kommunisten - sie alle bedrohen die heile Welt der kleinen Familie. Allen voran: Juden.

"Es gibt stolze edle Tiere wie den Adler und es gibt schäbiges Ungeziefer wie die Ratte. Und weißt du auch, wie diese menschlichen Ratten heißen? Das sind Juden!"

Der Großvater

Politisches Denken beginnt im Kinderzimmer

Die Nazi-Pädagogik, nach der der Großvater Elsa erzieht, wirke bis heute fort, sagt Regisseur Mohammad Farokhmanesh. Die Radikalisierung und Instrumentalisierung von Kindern aus rechtsextremen Familien werde von der Gesellschaft und der Politik unterschätzt und habe lange als ein Problem der Vergangenheit gegolten.

"Man ist nicht an die Wurzel gegangen, an den Ursprung dieses Problems, und das ist die Erziehung. Politisches Denken beginnt schon im Kinderzimmer."

Mohammad Farokhmanesh, Regisseur „Kleine Germanen“

Paramilitärischer Drill im Jugendlager

Neben der animierten Geschichte Elsas, die den roten Faden des Filmes darstellt, lassen die Regisseure Aussteiger, Rechtsextremismus-Experten, aber auch rechte Aktivisten zu Wort kommen.

Zudem zeigt "Kleine Germanen" in beklemmenden Aufnahmen, wie Kinder - genau wie Elsa und später ihre eigenen Kinder - in Jugendlagern noch heute nach Hitlerjugend-Prinzip auf Gehorsam gedrillt werden - ideologische Schulungen inklusive.

Die erwachsene Elsa hat sich zunehmend radikalisiert. Sie schließt sich einer völkischen Gemeinschaft auf dem Land an, in der sie völlig aufgeht. Hier lernt sie einen brutalen, gewaltbereiten Neonazi kennen, den sie heiratet. Ihre Kinder erzieht sie entsprechend ihrer Gesinnung.

Die braune Parallelwelt bekommt Risse

Erst als Elsa einen behinderten Sohn zur Welt bringt, bekommt ihre braune Parallelwelt Risse. Das Kind passt nicht in die "reine" Gemeinschaft und wird ausgegrenzt und gemobbt. Allein Tochter Marit hat den Mut, den Bruder zu verteidigen und sich damit gegen die Ideologie der Gemeinschaft zu stellen. Dafür wird sie nicht nur von der Gemeinschaft ausgeschlossen, sondern auch vom Vater hart bestraft.

Psychische Folgen der Erziehungsmethoden

Körperliche Gewalt, vor allem aber auch psychische Gewalt wie Liebesentzug, seien in rechtsextremen Familien gängige Erziehungsmethoden, um Kinder gefügig zu machen und sie mit der Masse "gleichzuschalten", sagt Farokmanesh. Individualität und eine freie Entfaltung der Persönlichkeit seien in rechtsextremen Familien und Gemeinschaften nicht erwünscht. Oft mit gravierenden Auswirkungen für die betroffenen Kinder.

"Viele Kinder, die in so einem Umfeld aufwachsen, bekommen psychologische Probleme - Borderline ist so eine Krankheit. Weil sie ständig auf dem Prüfstand stehen und durch die autoritäre Erziehung immer wissen müssen, was mache ich richtig, was mache ich falsch."

Mohammad Farokhmanesh

Kinder werden politisch instrumentalisiert

Elsa flieht schließlich mit ihren Kindern aus der rechten Szene und taucht unter. Ein Ausstieg, der für Elsas Tochter Marit zu spät kommt ...

Mohammad Farokhmanesh, Regisseur

"Kleine Germanen" ist ein eindringlicher, bedrückender Film, der den Zuschauer mit einem gesellschaftlich unterschätzen Problem konfrontiert: mit Kindern rechtsextremer Eltern, die politisch instrumentalisiert und zur Gefahr für die demokratische Gesellschaft werden können.

Weiterführende Informationen

"Kleine Germanen"
Regie: Frank Geiger, Mohammad Farokhmanesh
Kinostart: 09.05.2019

Mehr Infos auf Facebook:
https://www.facebook.com/kleinegermanen/

Infos und Unterstützung für Aussteiger aus der rechten Szene:
https://www.exit-deutschland.de/


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