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Kammerspiele München Miunikh - Damaskus

Bis vor Kurzem haben sie versucht, unter schwierigsten Bedingungen mit ihrer Kunst zu überleben. Vier syrische Schauspieler aus Damaskus. Seit zwei Monaten sind sie in München. Aus ihren persönlichen Erfahrungen entsteht ein Theaterstück an den Kammerspielen.

Stand: 23.04.2018

Leben im Ausnahmezustand. Alltag in einer vom Krieg umzingelten Stadt. Wie geht das? Dass man in Damaskus morgens zur Arbeit fährt und abends durchaus auch mal Partys feiert, ist eine Realität, von der wir hier nichts mitkommen – genauso wenig davon, was es mit einem macht, wenn die Welt um einen herum zusammenbricht. Vier syrische Schauspieler reflektieren aus dem sicheren München über ihren Alltag im Krieg.

"Krieg zerstört den Horizont. Wenn Du im Krieg lebst, entwickelst Du einen Überlebensmechanismus, um Dich und die Deinen zu schützen. Die Art zu denken und zu arbeiten verändert sich. Du hast das Gefühl, dass die Dinge einfach passieren, während sie in Wahrheit extrem kompliziert sind. Man feiert jeden Tag das Überleben, Überleben im Krieg."

Majd Feddah

"Man lebt in permanenter Angst. Man verliert z. B. das Gefühl für die Zeit. Die Zukunft verschwindet, die Gegenwart reduziert sich auf ein Jetzt. Ein Überlebensmechanismus, den ich entwickelt habe, war zu vergessen, die Zeit auszuradieren - egal ob Vergangenheit oder Gegenwart. Ich wurde ein leeres Blatt."

Kamel Najman

May Al Hares ist die einzige, die aus Damaskus geflüchtet ist. 2015. Majd Fedda, Kamel Najma und Kinan Hmeidan haben sich entschieden zu bleiben. Sie sind vor zwei Monaten mit einem Arbeitsvisum nach München gekommen und nur für dieses Projekt hier. Sie wollten die Heimat, die Familie und Freunde nicht ganz zurücklassen. Mit ihrer Arbeit haben sie versucht, in all der Hoffnungslosigkeit einen Unterschied zu machen.

"Ob man flüchtet oder bleibt, in beiden Fällen ist es schwierig. Im Krieg gibt es keine Gewinner. Wenn man bleibt, zahlt man natürlich einen Preis. Aber man bekommt auch etwas: eine Widerstandsfähigkeit, die einem die Kraft gibt, den Tod zu konfrontieren und die Stadt und ihre Zivilgesellschaft zu verteidigen. Und manchmal kann man Menschen Hoffnung geben, dass es noch etwas anderes gibt als zu sterben oder sich in die politischen Wirren hineinziehen zu lassen."

Majd Feddah

Um sie herum Zerstörung, und doch haben sie versucht, Normalität zu leben. Jetzt sind die Syrer Teil des "Open Border Ensembles" der Kammerspiele. Aus ihren persönlichen Erfahrungen entsteht ein Theaterstück. "Miunikh - Damaskus" will Stereotype auflösen, sei es unsere medial geprägte Vorstellung vom Krieg in Syrien oder unseren Blick auf "die" Flüchtlinge.

"Als ich in Beirut auf die Schauspieler getroffen bin, habe ich mich selber ertappt gefühlt, weil sie mir erzählt haben von ihrer sehr komplizierten Fahrt nach Beirut. Der eine hatte noch einen Studiotermin als Synchronsprecher am Abend vorher, der andere hat aufgelegt als DJ. Und ich dachte: Wie könnt ihr denn Partys machen und im TV-Studio arbeiten? Gleichzeitig habe ich mich extrem geschämt, weil ich dachte: Natürlich! Menschen leben Alltag, egal in welcher Situation!"

 Jessica Glause, Regisseurin

Von zu Hause in die Arbeit, von der Arbeit nach Hause ...

Überlebenstechniken im Krieg, aber auch im Frieden, das ist Inhalt des Stücks "Miunikh - Damaskus". Es geht nicht nur um die Erfahrungen der Syrer in Damaskus, sondern auch um ihre Eindrücke von München. Zwei Städte, zwei Realitäten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch versuchen die Künstler Überschneidungen zu finden zwischen ihrem Leben hier und dem Alltag dort.  

"Obwohl ich das Gefühl für die Zeit verloren hatte, war ein Weg mich und meine Menschlichkeit zu bewahren, mir ein bestimmtes Zeitkorsett aufzuerlegen: Von zu Hause in die Arbeit zu gehen und von der Arbeit nach Hause. München ist eine Stadt, in der die Arbeit eine große Rolle spielt. Das Leben der Menschen hier ist auch von dieser Routine geprägt."

Kamel Najma

"Was viele Menschen, die nach München migrieren, erfahren, ist Zeitstress! Und im Laufe der Arbeit haben unsere Kollegen aus Syrien gesagt, sie haben das Gefühl, sie können nicht mehr atmen, weil die ganze Stadt hetzt, weil man immer nur in bestimmte Verabredungen eingebunden ist. Der Ausdruck 'killing time', einfach faul sein zu können oder die Zeit passieren zu lassen, in einen Flow zu kommen, das finden sie hier in der Stadt nicht."

Jessica Glause

Alltagsprobleme wie diese greift das Stück auf und macht sie zu einer Theaterperformance auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Während sich in Syrien nach sieben Jahren Krieg eine Apathie und Depression über die Menschen gelegt hat und sie das Gefühl für die Zeit verloren haben, haben die Menschen hier keine Zeit für Muse und die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Beides ist tödlich.

"Miunikh - Damaskus"

Gespielt wird nicht in den Kammerspielen, sondern auf einer mobilen Bühne an verschiedenen Plätzen in der Stadt.

Weiterführende Informationen

04. und 05. Mai: Hanns-Seidel-Platz, Neuperlach

25. und 26. Mai: Vor dem Kulturzentrum, U-Bahn Hasenbergl

05. und 06. Juni: Schweizer Platz, U-Bahn Fürstenried West

29. und 30. Juni: Isargärten, U-Bahn Thalkirchen

https://www.muenchner-kammerspiele.de/inszenierung/miunikh-damascus

Autorin des Filmbeitrags: Friederike Kühn


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