BR Fernsehen - puzzle


3

Integration Paradoxe zwischen Toleranz und Panikmache

Gerade als man in Deutschland dabei war, über ein gemeinsames Wir-Gefühl zu sprechen, sah sich das Land mit einer neuen und dabei alten Herausforderung konfrontiert: Der Integration. Diesmal von Menschen, die in Deutschland Schutz suchten. Also sprechen alle wieder von: Integration.

Von: Katharina Wysocka

Stand: 27.11.2018

Integration. Ein Wort, das damals wie heute kaum einer mehr hören kann. Das Problem: Der Diskurs rund um das Thema ist auf ein ziemlich niedriges Niveau zurückgefallen. Der kleine, aber feine Unterschied unserer Gegenwart: Viele, die über Integration reden, haben selbst einen Migrationshintergrund.

"PUZZLE" fragt zwei von ihnen anerkannte Experten, die gerade Bücher zum Thema Integration geschrieben haben:

Aladin El-Mafaalani ist im Ruhrgebiet geboren, seine Eltern stammen aus Syrien. Er ist Professor für Politik und Soziologie und leitet am Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf die Abteilung für Integration.
Ahmad Mansour ist in Israel geboren und fühlte sich als junger Mann zum radikalen Islamismus hingezogen, sein Psychologiestudium hat ihm geholfen, sich von der Ideologie zu lösen. Seit 14 Jahren lebt er in Deutschland und gründete Anfang 2018 "Mind Prevention", eine Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention.

Was verstehen diese Experten unter Integration?

"Also Integration ist in erster Linie Bringschuld der Zugewanderten, sie müssen die Neugier mitbringen, sich auf diese Gesellschaft einzulassen, emotionale Zugänge zu finden und die Werte dieser Gesellschaft zu verinnerlichen."

Ahmad Mansour

"Gelungene Integration bedeutet, dass mehr Menschen teilhaben können und teilhaben wollen, und das heißt, dass mehr Menschen sich einmischen, mehr Menschen mitspielen."

Aladin El-Mafaalani

Und wo steht Deutschland heute bei der Integration?

"Was man sagen kann, ist, dass es nie so gut funktioniert hat wie heute. Das sehen wir daran, wie schnell Leute die deutsche Sprache lernen. Wir haben die Befunde jetzt, dass es Syrer gibt, die vor drei Jahren gekommen sind und besser deutsch sprechen als Gastarbeiter, die seit Jahrzehnten da sind. Wir sehen, dass die schulische Integration zumindest bei den Kindern viel besser vollzogen wird als in den vergangenen Jahrzehnten. Wir sehen, dass immerhin knapp ein Viertel der Flüchtlinge, die 2015 gekommen sind, am Arbeitsmarkt schon integriert sind. Das sind alles Ergebnisse, die sind besser als ich erwartet habe."

Aladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani sieht in Deutschland immer noch Benachteiligung. Aber gerade weil Integration gelingt, würde besonders heftig gestritten. Es sei ein Missverständnis, zu erwarten, gelungene Integration würde zu Harmonie führen.

"Zwei Gruppen wohnten in unterschiedlichen Stadtteilen, da waren die deutschen Arbeiter, da waren die türkischen Gastarbeiter. Beide fühlten sich irgendwie wohl und jetzt mischen sie sich, sie mischen sich heute ja mehr als früher. Und durch das Mischen merkt man erst, wie die anderen drauf sind. Und dann kommen beide Seiten und sagen irgendwie 'Nee, früher war es besser.'. Nee, früher war es nicht besser, früher habe ich einfach nur nicht mitgekriegt, was die anderen machen."

Aladin El-Mafaalani

Ahmad Mansour sieht große Herausforderungen bei der Integration, und dringenden Handlungsbedarf. Die Gesellschaft sei mit der großen Zahl der Geflüchteten, die in den vergangenen drei Jahren gekommen sind, überfordert.

"Hierher zu kommen, aber Distanz zu der Mehrheitsgesellschaft zu entwickeln, Angst vor diesen Werten, vor der Art und Weise, wie wir mit Sexualität umgehen, mit Meinungsfreiheit, mit Religionsfreiheit umgehen, das sind Sachen, die dazu führen, dass die Menschen in Parallelgesellschaften gehen, hier leben, aber emotional nie ankommen."

Ahmad Mansour

Ahmad Mansour fordert eine nationale Integrationsstrategie von der Politik, ein konkretes Maßnahmenpaket. Entscheidend dabei sind Schule und Bildung.

"Wir brauchen Integrationskurse, die absolut professionell sind, die den Menschen nicht nur Sprache und Mülltrennung beibringen, sondern auch Werte. Wir müssen über Werte diskutieren, auf Augenhöhe, die Ängste dieser Menschen wegnehmen, ihnen ermöglichen, Teil dieser Gesellschaft zu sein."

Ahmad Mansour

Gesetze müssen eingehalten werden, das ist klar. Doch für El-Mafaalani ist es gar nicht leicht, die Werte unserer Gesellschaft konkret zu erklären.

"Ein syrischer Flüchtling hat eine Frau kennengelernt und fragt mich: 'Ich lerne die Eltern kennen, wie verhalte ich mich jetzt?' Er erwartet, wie es in seiner Kultur typisch ist, dass man ihm jetzt sagt, nimm einen Blumenstrauß, und dieses und jenes, und genauso musst du dich verhalten. Und man muss ihm eigentlich sagen: 'Kommt auf die Familie an, hier gibt es keine Regeln, kein ABC, wie Du dich verhalten musst'."

Aladin El-Mafaalani

Beide Autoren plädieren für eine offene und konstruktive Debatte in Gesellschaft und Politik.

"Wir müssen die Debatte in der Mitte der Gesellschaft sachlich und differenziert führen, wir müssen vor allem Lösungen anbieten. Wir brauchen eine politische Ebene, die bereit ist, selbstbewusst zu entwickeln, was Integration bedeutet und wie man das leisten will. Solange die Ränder dieser Gesellschaft diese Debatte führen, und die Mitte nur still und unsicher bleibt, werden wir in Zukunft viel mehr Probleme haben als wir jetzt haben."

Ahmad Mansour

Wie kann sie aussehen, eine gute Zukunft in Deutschland?

"Streit wird es geben und zwar sowohl, wenn Integration nicht gelingt, als auch wenn Integration gelingt, aus der Nummer kommt man nicht raus. Wenn man sich das klarmacht, dann geht es eigentlich nur noch darum, WIE wir streiten. So eine Art Streitkultur, darauf kann man sich verständigen und ich glaube, das ist ein gangbarerer Weg als sich mit Leitkultur zu beschäftigen."

Aladin El-Mafaalani

Die Autoren sind sich einig, Integration ist machbar, sie muss nur ernsthaft gewollt sein - von denen, die hierherkommen, genauso wie von denen, die schon da sind.


3