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Vom Schwarzsein und Deutschsein Ijoma Mangold und "Das deutsche Krokodil"

Ijoma Mangold erzählt in seinem autobiografischen Roman vom lästigen, kräftezehrenden Dilemma zwischen schwarzer Haut und Deutschsein, dem er weder durch angepasstes Verhalten noch durch überdurchschnittliche Leistung entkommt.

Von: Birgit Eckelt

Stand: 25.10.2018

Seine Mutter ist Deutsche und lebt in Heidelberg. Sein Vater kommt aus Nigeria, um sich in Heidelberg als Facharzt ausbilden zu lassen. Nach Ijomas Geburt kehrt er in seine Heimat zurück. Die Mutter, eine emanzipierte, selbstbestimmte Kinder- und Jugendtherapeutin zieht ihren Sohn alleine groß. In den 70er-Jahren ist Ijoma in seiner Stadt das einzige dunkelhäutige Kind. Alle begegnen ihm freundlich, dennoch scheint irgendetwas für ihn weniger selbstverständlich und anstrengender als für andere Kinder zu sein. Eine Holzskulptur aus Afrika wird zum Symbol seines Unbehagens.

"Auf dem Fenstersims im Wohnzimmer steht ein Krokodil, das der Junge dort lieber nicht sähe. Aus Ebenholz. Wie der Abgesandte jenes fernen, fragwürdigen Landes. Wie ein Wappentier des Äquators. Als wäre es seine Pflicht, jeden daran zu erinnern, dass dieser Haushalt eine besondere Verbindung zu Afrika pflegt. Es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass die Holzskulptur die Rolle eines Botschafters spielt, der darüber wacht, dass niemand die Existenz des Kontinents, der ihn entsandt hat, verdrängt oder vergisst. (…) Aber damit nicht genug. Das Krokodil ist auch noch aus Ebenholz: Keine heimische Baumart, sondern ein Holz, aus dem man in Afrika Werkzeug und Schmuck herstellt, und obendrein schwarz, als hätte das Krokodil in einem Akt der Solidarität mit den Menschen seines Lebensraumes deren Hautfarbe angenommen. Statt einer weißen Marmorbüste eine schwarze Holzskulptur. Damit auch noch der letzte Depp mit der Nase darauf gestoßen wird. Da kann man sich ja gleich selbst bei der Polizei anzeigen."

Auszug aus 'Das deutsche Krokodil'

Zwischen Zugehörigkeit und Assimilation 

Im Schutzraum des weltoffenen Heidelberger Bildungsbürgertums erscheint ihm nach außen hin alles normal. Doch insgeheim stellt er seine Zugehörigkeit aufgrund seiner dunklen Hautfarbe infrage.

"Ich selber hatte als 4-, 5-, als 6-Jähriger immer so einen Moment von 'ob das mal gut geht', also so eine innerliche Alarmbereitschaft. Das habe ich aber erst später als Erwachsener und dann auch beim Schreiben des Buches so richtig durch Selbstbeobachtung gemerkt. Ich glaube schon, dass ich ein stärker energieverbrauchendes Leben geführt habe, weil ich immerzu so eine Art Gegenperformance laufen lassen musste, um den äußeren, optischen Eindruck durch sozialen Habitus zu korrigieren. … zum Beispiel mein Hochdeutsch, das fiel natürlich schon sehr früh auf in Schulzeiten, da zerbrachen sich alle den Kopf darüber, inklusive mir selber, warum ich so ein extrem gestochenes Hochdeutsch spreche."

Ijoma Mangold

Bevor er aufgrund seiner Hautfarbe zum "Opfer" wird, treibt Ijoma sein Deutschsein auf die Spitze. Als Teenager schwärmt er zum Erstaunen seiner Mitschüler für Thomas Mann, "den deutschesten der deutschen Schriftsteller" und für Wagners Musik. Doch von da an hat Ausgrenzung "nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit meiner Neigung zu Literatur und klassischer Musik".

Deutsch oder afrodeutsch - wem nützt der Unterschied?  

"Ich selber habe mich immer als Deutscher gesehen, also nicht nur in dem Sinne, wie man jetzt politisch korrekt dann sagen würde als deutscher Staatsbürger, sondern als Deutscher, also der emotional, affektiv auch im Sinne des kulturellen Gedächtnisses mit diesem Land, in dem ich aufgewachsen bin, verbunden ist."

Ijoma Mangold

Ijoma Mangold kommt zum ersten Mal als Jugendlicher mit gleichaltrigen Schwarzen in Kontakt. Doch deren gesellschaftskritische Ansätze kollidieren mit seinem Selbstverständnis.

"Eine Junge aus einer anderen Schule, Kofi*, der kam auf mich zu und sagte, er habe eine Gruppe gegründet für Afrodeutsche, ob ich da nicht mitmachen wollte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich aus allen Wolken fiel, weil ich hatte den Begriff noch nie gehört. Ich fand ihn auch bedrohlich. Ich wollte auf keinen Fall etwas mit Afrodeutschen zu tun haben, denn eines schien mir vollkommen klar: Wenn ich jetzt plötzlich als Afrodeutscher gehandelt werde, dann bin ich ja eines offensichtlich nicht mehr, nämlich Deutscher."

Ijoma Mangold

*) Kofi Yakpo gelingt 1992 mit seiner Band "Advanced Chemistry" und dem Song "Fremd im eigenen Land" der Durchbruch: https://de.wikipedia.org/wiki/Advanced_Chemistry

... und immer wieder grüßt "Das deutsche Krokodil"

Ijoma Mangold hat in Bologna und München studiert und sich als Kulturjournalist bei der Süddeutschen Zeitung einen Namen gemacht. Jetzt lebt der 48-Jährige in Berlin, wo er das Literaturressort der Wochenzeitung DIE ZEIT leitet. Eine Bilderbuchkarriere. Doch wenn er ein Nobelrestaurant betritt, schwingt durchaus die Sorge mit, wegen seiner Hautfarbe erst mal als Spüler in die Küche geschickt zu werden.

Je multikultureller die Gesellschaft, desto paradoxer erscheinen fremdenfeindliche und rassistische Verhaltensmuster. Vor allem sind sie überflüssig und kosten Energie. Die augenzwinkernde Leichtigkeit, mit der Ijoma Mangold seine Geschichte erzählt, ist hart erkämpft. Für genau diese Leichtigkeit lohnt es sich auch, in unserer Gesellschaft zu kämpfen. 


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