BR Fernsehen - puzzle


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Bürgerbühnenstück "Home is where the heart is"

Migration hat viele Gesichter. Eines ist das der Menschen, die ihr Land, das sie lieben, verlassen, weil sie ihm dienen wollen: so etwa amerikanische Soldaten im Nachkriegsdeutschland. Sie zogen von Amerika in die Ferne, nach Deutschland - viele von ihnen sind geblieben, auch wenn sie nicht das Gefühl hatten, willkommen zu sein. Nun blicken sie in Augsburg im Rahmen eines Theaterprojektes zurück.

Von: Andreas Krieger

Stand: 25.02.2019

Catherine Richardson zeigt uns ein Foto von sich, auf dem sie 13 Jahre alt ist. "Das bin ich, kurz nach der Ankunft in Deutschland. Da sitze ich bei meiner Oma in der Küche, habe meine Handtasche neben mir liegen und bin fluchtbereit. Ich fühle mich nicht wohl. Ich bin bereit zu gehen, wenn ich kann."

1970 zieht Cathy mit ihren Eltern nach Deutschland. Der Vater ist Master Sergeant. Die Mutter: Hausfrau. Sie lassen ihr Dorf in Oregon zurück. Alles. Das Haus, das sie gebaut hatten. Und Nachbarn, die weinen: "Wir sehen uns wieder. Bestimmt."

Catherine zeigt ein Foto von ihrem Hund, den sie damals hatte.

"Es war mein bester Freund. Wir haben uns sehr geliebt. Scotty, ein Cocker-Pu. Eine Cockerspaniel-Pudel-Mischung. Und wir hatten diesen Hund an Bekannte weitergereicht. Die haben versprochen gut für ihn zu sorgen. Wir standen auf diesem Parkplatz und gehen zu unserem Auto und ich höre einen Hund bellen. Und schaue mich um und sehe, dass das Auto von unseren Bekannten ein Stückchen weiter wegstand und da war der Scotty drin. Der hat uns erkannt und er hat gebellt und wollte unbedingt raus und mit uns mit. Das hat mir schier das Herz zerrissen. Wir mussten dann in das Auto einsteigen und wegfahren und der Hund hat uns nachgesehen. Es war sehr, sehr traurig. Ja, da ging ein Stück Kindheit verloren."

Catherine Richardson

Amerikanische Soldaten schworen auf die Fahne, ihrem Land zu dienen: gingen nach Deutschland. Einige kehrten nie mehr in ihre Heimat zurück. Ein hoher Preis - auch für ihre Frauen und Kinder.

"In Augsburg sahen die meisten Deutschen so böse aus", erinnert sich der ehemalige Soldat James Belcher. "Die waren gar nicht so. Wenn man mit ihnen gesprochen hat, war das Eis gleich gebrochen. Aber in Augsburg sahen sie im ersten Moment böse aus."

"Die Stadt hat mich erschlagen. Das waren diese riesigen Steinblöcke, diese Bauten in der Stadt, die waren mir ungeheuer. Die haben mir Angst gemacht. Ich kann mich an meinen ersten Schultag erinnern. Da musste ich in die Innenstadt und mein Klassenzimmer finden. Und ich bin hin und her geirrt, habe mich in der Innenstadt verlaufen und zwei Stunden gebraucht, bis ich endlich mein Klassenzimmer gefunden habe in diesem Bau. Das war mir so peinlich. Ich habe mich so geschämt dafür, aber es war halt so. Es war mir so fremd. Ich war ein Ausländer. Ich war definitiv ein Ausländer und das hat mir gar nicht behagt. Das wollte ich nicht sein."

Catherine Richardson, als Jugendliche von Augsburg überfordert

Bürger mit amerikanischen Wurzeln, Angehörige und Nachbarn der ehemaligen Augsburger Kasernen. Am Jungen Theater im Kulturhaus Abraxas berichten sie in sieben persönlichen Szenen von ihren Erfahrungen. Hier - in diesem Gebäude - war Hal Bauerfeind fast zwei Jahrzehnte lang der Entertainment Director für die US-Soldaten. Er ist in Sachsen geboren, ging nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA, nahm die Staatsbürgerschaft an und kam nach Augsburg. Von Geburt war er Deutscher. Jetzt: ein Fremder. "Wir haben uns nicht durch irgendwelche Protzereien herausspielen wollen", erinnert sich Hal Bauerfeind. "Überhaupt nicht. Wir haben uns zurückhaltend benommen. Die haben gesagt: 'Gell, ihr Mann arbeitete ja gar nichts.'"

Die Bevölkerung tuschelte viel. Die Soldatenkinder sollten für ihre deutschen Klassenkameraden amerikanische Süßigkeiten besorgen, dafür wurden sie gerne ausgenützt. Sowohl die Militärs als auch ihre Angehörigen bekamen auch Feindseligkeiten zu spüren. "Seit ich hier bin, habe ich den Eindruck: Sie wollen uns nicht. Sie mögen uns nicht und wir verschwenden hier nur unsere Zeit.", heißt es in einer Umfrage aus den Siebzigern. "Sicher werden wir hier diskriminiert." Oder: "In der Stadt gibt es eine Bar, die lassen schwarze GIs nicht hinein."

James Belcher kann sich an einen Vorfall erinnern: "Einer von meinen Kumpels hat den Wirt von der Kneipe blöd angemacht und der sagt dann: 'Das ist Scheiße.' Er zieht eine Pistole raus und will meinen Kumpel erschießen. Und wir alle hatten Angst. Und rannten zur Tür. Wir hatten alle Angst."

James ist ein Augsburger Urgestein. "Ich kam 1971 in die Reese-Kaserne. Danach arbeitete ich als Schneider." Er ist heute Rentner, macht Musik, wo und wann immer er kann und malt abstrakte Gemälde. Amerika hat er nie vermisst. "Black Power. Power für die Leute!" In Augsburg gab es eine starke Black Community. Die aber blieb unter sich. "Ich fühlte mich toll, machte immer Witze, hatte Spaß", sagt Belcher. "Ich hatte keine Sorgen, weil mein Leben in Ordnung war. Ich arbeitete als Schneider bei der Armee. Das war sehr gefährlich für mich, weil ich Agent Orange abgekommen habe. Das klebte an den Uniformen, die ich gewaschen habe. Und es ging einfach nicht raus. Und ein bisschen was davon gelangte in mein Blut. Ich wurde damals sehr krank."

Nach über 50 Jahren Dienst ging Hal Bauerfeind in Rente. Aber er spielt noch immer viel. Er hatte den Swing mit nach Augsburg gebracht. James Belcher hatte wegen des Kontakts mit Agent Orange bis heute unzählige Operationen. Aber er hat seinen Frieden geschlossen. In die Staaten hat er fast keinen Kontakt mehr. "47 Jahre bin ich nun schon in Deutschland. Ich bin in Amerika geboren und war dort 20 Jahre. Ich habe keine Verbindungen mehr nach Amerika."

Cathy hat Oregon nie vergessen. Sie hat in Deutschland geheiratet, zwei mittlerweile erwachsene Kinder. Sie ist glücklich. Und gespalten. "Ich kann weinen, wenn ich an drüben denke. Wenn ich drüben bin, kann ich auch weinen, wenn ich an hier denke. Ich bin eine Pflanze, die man versetzen kann, die überall wächst, aber im Herzen habe ich beide Länder."

Als sie 1970 mit dem Flugzeug in Deutschland landet, ist es kalt, grau und trostlos. Wie soll sie hier jemals ankommen? Die Wärme, die Weite, der Horizont - alles zurückgelassen. Sie ist 13, müde, unglücklich. Sie versucht zu lächeln. Sie kann sich nicht vorstellen zu bleiben.


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