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Berührender Film "Hörst Du, Mutter?"

Mit 19 Jahren beschloss Tuna Kaptan Filmemacher zu werden. Nachdem er den Film "Gegen die Wand" von Fatih Akin gesehen hatte. Zunächst hat er Medienwissenschaft studiert und daran noch ein Studium der Münchner Filmhochschule angeschlossen. Gerade hatte sein Abschlussfilm Premiere: vor 1.500 Zuschauern in Frankreich, auf einem der weltweit wichtigsten Festivals für internationale Kurzfilme. Tuna Kaptans Film: "Hörst Du, Mutter?"

Von: Fatema Mian

Stand: 25.02.2019

Seine Geschichten findet Tuna Kaptan im wahren Leben. So las er in der Zeitung über eine Syrerin, die auf der Flucht immer ihre Schildkröte bei sich trug, und die ihr an der Grenze zu Deutschland abgenommen wurde. Daraus wurde der Film "Schildkröten Panzer".

Den Stoff zu seinem Abschlussfilm "Hörst Du, Mutter?" bekam er von einem Dokumentarfilmemacher erzählt. Es ist die wahre Geschichte von Nazife Babayiğit, einer kurdischen Mutter, die von einem türkischen Gericht zu sechs Jahren Hausarrest verurteilt wurde: mit einer elektronischen Fußfessel.

Kaptan hätte einen Film über die politische Situation und Willkür in der Türkei machen können. Der Regisseur konzentrierte sich aber auf die Figur des ältesten Sohnes, der sich um seine Mutter kümmert und sich sorgt. Damit wird der politische Stoff auch zu einer Geschichte über eine Mutter-Sohn-Beziehung.

"Mein Zugang ist, mir Fragen zu stellen. Wie verhält man sich in so einer Situation? Wenn man geprägt ist von der Angst, von der Unsicherheit, von der Sorge vor Repression, vor weiteren Repressionen? Wie verhält man sich, wenn man jemanden schützen möchte? Wann ändert sich dieser Schutz in eine Bevormundung? Wo ist der Unterschied zwischen Schutz und Bevormundung?"

Tuna Kaptan

Die Anklage lautet auf Unterstützung terroristischer Aktivitäten. Die Mutter hatte ihrem anderen Sohn, einem untergetauchten PKK-Kämpfer, selbstgestrickte Pullover geschickt. Kaptan erzählt in seinen Filmen nie den bloßen Inhalt einer Geschichte, auch in diesem Fall nicht: Es bleibt auch eine politische Geschichte.

"Es ist ein sozialkritischer Film. Aber ich habe kein Interesse daran, Türkei-Bashing zu betreiben. Dazu liebe ich das Land viel zu sehr. Aber es gibt natürlich Situationen gerade jetzt, die bedenklich sind."

Tuna Kaptan

Die Mutter wird immer wieder die Grenzen übertreten, die ihr durch die Fußfessel gesetzt wurden und die nun um ihr Haus herum sind, wenn auch unsichtbar. Und dabei wird sie immer wieder einen Alarm auslösen, der die Gendarmen herbeiholt. Die Geduld des Sohnes wird dabei auf eine Zerreißprobe gestellt und wird zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit. Der Sohn schwankt zwischen Gehorsam und Auflehnung. Am Ende wird er handeln müssen, selbstständig. Was er dabei genau ausheckt, wird hier nicht verraten.

Tuna Kaptan interessiert sich für Geschichten, die, wie er sagt, "erzählt werden müssen, die nicht alle erzählen, die anders sind".

Auf jeden Fall sind seine Filmgeschichten immer speziell. Und immer universell.

"Eine alte Frau, die in Handschellen nach Hause gebracht wird, der Fußfesseln angelegt werden, das ist international verständlich. Da braucht man nicht großartig zu erklären. Da braucht man auch nicht zu wissen, ob das in der Westtürkei ist oder Ost oder ob es in Pakistan ist, das ist erst mal ein Bild, was international verstanden wird."

Tuna Kaptan

"Hörst Du, Mutter?" ist ein wunderlich-schöner und ein berührender Film.

Der Film "Hörst Du, Mutter?" ist zu sehen bei den "Türkischen Filmtagen" im Gasteig München am 31. März in Anwesenheit des Regisseur Tuna Kaptan und des Hauptdarstellers Aziz Çapkurt.

Die "Türkischen Filmtage" werden 30!

21. bis 31. März 2019 im Gasteig, Carl-Orff-Saal und Carl-Amery-Saal

Zur Feier dieses Jubiläums präsentiert das SinemaTürk Filmzentrum e. V. mit 12 Spielfilmen, 5 Dokumentarfilmen, 8 Kurzfilmen und einem Kinderfilm ein besonders reichhaltiges Programm.

Es war das Jahr 1989, ein besonderes Jahr in mehrerer Hinsicht. In München trafen sich filmbegeisterte Münchnerinnen und Münchner mit türkischen und deutschen Wurzeln. Die erfolgreichen "Griechischen Filmtage" gab es schon. Also sagte sich die Gruppe, warum nicht auch mal "Türkische Filmtage"?

Gesagt, getan. Die Filmfans schlossen sich zum Verein SinemaTürk Filmzentrum e. V. zusammen. Und seitdem zählt dieses kleine, aber feine Filmprogramm fest zum Bestandteil der Münchner Filmkultur. Bis dahin hatte man hierzulande erst Yılmaz Güneys mit der Goldenen Palme prämierten Film "Yol" aus dem Jahr 1982 wahrgenommen. Den "Türkischen Filmtagen" ist es zu verdanken, dass dem Publikum weit mehr künstlerisch und inhaltlich hochwertige Filme aus der Türkei bekannt wurden.

Drei Jahrzehnte Filmtage! Das ist nicht nur ein cineastisches Erlebnis. Das kleine Filmfestival ist auch ein Treffpunkt für türkische und türkischstämmige Filmschaffende, ein schöner Ort des Kennenlernens und des Austausches.

Infos unter: WWW.TUERKISCHEFILMTAGE.DE


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