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Historiker Jan Plamper "Das neue Wir. Warum Migration dazugehört"

Angst verkauft sich immer noch am besten. Das belegen viele Bestseller, die Ängste schüren. Der Historiker Jan Plamper wollte dem etwas entgegensetzen, das Mut macht. Sein Buch heißt "Das neue Wir. Warum Migration dazugehört". Es ist auch eine "andere Geschichte der Deutschen" - so der Untertitel des Buches.

Von: Andreas Krieger

Stand: 27.05.2019

In seinem Buch beschreibt Plamper, wie Deutschland schon immer ein Land der Migration und Migranten war. Wie die Deutschen selbst mehr als andere ausgewandert sind und wie ein Deutschland von heute ohne Einwanderer gar nicht denkbar wäre. Der Historiker fordert ein neues Denken und sagt: "Beruhigt euch mal!" Und das ist ziemlich aufregend.

Deutschland. Eine Gesellschaft, so bunt an Vielfalt und Kultur! Als Reichtum und Chance - so werten es die einen. Als Risiko und Gefahr, vor der man die Mehrheit schützen müsse - so wollen es andere sehen. Es ist alles eine Frage, wie man etwas betrachtet - und wie man darüber redet.

"Ich glaube ja, dass das Zusammenleben in der Realität gar nicht so schlecht funktioniert. Aber ich glaube auch, dass die Sprache, wie über Migrierte und wie über Migration gesprochen wird, meilenweit hinterher hinkt hinter dem Zusammenleben. Dass Leute immer noch den Begriff 'Ausländer' benutzen für Menschen, die seit zwei, drei Generationen ebenso Staatsbürgerinnen sind wie sie selbst."

Historiker Jan Plamper

Die markantesten Begriffe für Menschen mit kurz zurückliegender Migrationsgeschichte waren: erst "Ausländer", dann "Menschen mit Migrationshintergrund". Warum nennen wir sie nicht einfach "Deutsche plus"? Oder - gleichbedeutend: "Plus-Deutsche"?, fragt Jan Plamper. "Das neue Wir" heißt sein Buch, in dem es auch darum geht: Wie sprechen wir über uns? Wer wollen wir sein?

"Das große Problem ist, dass wir noch kein Nationsmodell haben, das es erlaubt, von irgendwo her zu kommen, und es ist auch gut, es ist cool und toll, dass man noch eine weitere Sprache kann, super. Und dass man gleichzeitig Deutsche/Deutscher ist", sagt Jan Plamper. "Deutsche Staatsbürgerin und deutscher Staatsbürger. Das müssen wir zusammenbringen. Das Modell, wo wir hinmüssen, ist das, das in Amerika mit der Metapher der Salatschüssel beschrieben wird, das heißt, dass es viele bunte Blätter eines Salates gibt, aber dass er zusammengehalten wird durch die Zugehörigkeit zur Staatsbürgernation."

Jan Plamper ist kein Träumer. Er ist Wissenschaftler. Historiker. Er wollte mit seinem Buch eine - so der Untertitel - "andere Geschichte der Deutschen" schreiben. Deutschland war immer: Einwanderungsland.

"Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen innerhalb von sechs Jahren zwölfeinhalb Millionen Vertriebene aus Ost-Mitteleuropa und auf die wurden die Rassismen aus der nationalsozialistischen Zeit eins zu eins übertragen. Man sprach von Mulattenzucht. Man dachte, die riechen anders, die sehen anders aus. Und so weiter. Dann um 1950 interessanterweise kam man eigentlich schon bei dem Salatschüsselmodell an. Dann hat man also gesagt: 'Pflege deine sudetendeutsche, pommersche, schlesische Partikularkultur, aber du bist auch Deutsche, du bist auch Deutscher, das kann beides zusammengehen.' Brauchtumspflege hieß das mal, hat sogar Geld gegeben dafür."

Jan Plamper

Zwölfeinhalb Millionen Vertriebene! Sie waren bald integriert. Weil man das richtige Modell fand. Etwa: deutsch und schlesisch. 14 Millionen Gastarbeiter für das Wirtschaftswunder - von denen elf Millionen zurückgingen. Hier galt die Formel: Deutscher oder Ausländer. Bis heute fehlt es an Respekt, an Augenhöhe. "Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Nachfahre von Gastarbeitern aus Italien oder Vertragsarbeitern in der DDR, aus Vietnam, aber Sie finden sich nie in diesen Geschichtsbüchern wieder. Was tut es mit Ihnen, mit Ihrer Identität?"

Die "Gastarbeiter". Ein widersprüchlicher Begriff. Als arbeitende "Gäste" waren sie willkommen, aber mit der Bezeichnung sprach man ihnen gleichzeitig ab, bleiben zu dürfen. Das Leben war komplizierter als das Juristendeutsch - Menschen verlieben sich, bekommen Kinder, schlagen Wurzeln, wollen teilhaben an dem, was sie mit harter Arbeit mitaufgebaut haben.

"Deutschland ist eigentlich ein klassisches Einwanderungsland. Aber die Erzählung, die es über sich selbst pflegt, ist eine des Nichteinwanderungslandes. Eine Erklärung, die immer angeführt wird, ist, dass die Deutschen eben so spät zur Nation wurden. Erst 1871 mit dem Kaiserreich und dass sie sich deshalb mit so einem Mythos der Homogenität, der Einheitlichkeit überkleistern mussten. Wozu überhaupt Nation? Sind wir nicht postnational, hat die Nation nicht nur Furchtbares gebracht seit dem 19. Jahrhundert? So viele Kriege, Genozide und so weiter. Tatsache ist aber, dass Nation als Identitätsressource weiter nachgefragt wird."

Historiker Jan Plamper

Auch der Begriff "Nation" ist problematisch. Aber er könnte doch völlig neu besetzt werden. Warum nicht gemeinsam daran arbeiten, was das "neue Wir" sein könnte? Plamper hat keine Streitschrift geschrieben. Es ist eine Einladung.

"'Das neue Wir' ist diese auf demokratische Wege gefundene Kollektividentität, die einhergehen kann mit Einzelidentitäten. Herkunftskulturen, anderen Sprachen und so weiter. Keine festgezurrte kollektive Identität, sondern eine, die auf demokratische Wege herausgefunden wird. Das Inhaltliche wird demokratisch bestimmt" Historiker Jan Plamper

Leidenschaftlich diskutieren. Gemeinsam überlegen, was man sein will. Vielleicht ein Land, in dem nicht Angst die Grundstimmung ist, sondern: Neugierde, Offenheit. Lebensfreude. Es ist doch alles da. Die Zutaten stimmen. Da haben wir den Salat.

Buch

Jan Plamper
"Das neue Wir. Warum Migration dazugehört"
S. Fischer Verlag


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