BR Fernsehen - puzzle


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Der Hauptbahnhof Begegnungen zwischen Ankunft und Aufbruch

Der Münchner Hauptbahnhof steht - wie sonst kaum ein anderer Ort - für die Willkommenskultur, von der allerdings nicht mehr viel übrig geblieben ist. Vor rund drei Jahren sind hier Menschen mit offenen Armen empfangen worden. Dieser Ort ist auch ein Ort, an dem Menschen aneinander vorbeigehen. Ohne sich wirklich miteinander auszutauschen. Dabei ist dieser Ort ein ganz wunderbarer für tolle Begegnungen.

Von: Andreas Krieger

Stand: 24.09.2018

Ein Bahnhof ist ein Paradox. Man kommt an, aber man wird nicht bleiben. Wir halten inne, sammeln Zufallsbekanntschaften.

Wir sprechen einen Mann an, mit seiner betagten Mutter. "Woher kommen Sie?" - "Heute kommen wir aus Stettin. Das ist in Polen." - "Und dort haben Sie Urlaub gemacht oder Freunde, Familie besucht?" - "Nein, meine Mutter hat einen Bruder im Krieg verloren und wir haben über die Volksfürsorge erfahren, dass er dort begraben liegt und jetzt haben wir ihn besucht. Und da bin ich mit meiner Mama hingefahren, dass sie da an dem Platz, wo er begraben wird, Abschied nehmen konnte." - "Ich bin noch die Einzige von der Familie, die das machen konnte mit meinem Sohn", sagt die Mutter.

Uns geht es zu gut

Der Krieg hat die Geschwister getrennt. Tiefe Wunden für ein Leben. Heute zerreißen Kriege wieder Familien. "Was denken Sie, wenn Sie Geflüchtete sehen, die nach einer neuen Heimat suchen oder nicht mehr in ihre Heimat zurückgehen können?" - "Ich habe zum Beispiel in Ulm Syrer kennengelernt, die sind mit dem Schiff hierher gekommen. Und wir haben den ganzen Tag miteinander geschwätzt. Es war richtig schön. Und zu erleben, wie die erzählt haben, wie es auf dem Schiff war. Wir sehen das im Fernsehen und essen nebenher Chips. Das ist für uns nicht nachvollziehbar, was die Menschen mitmachen. Weil es uns so gut geht. Wir haben den vollen Aldi, wir haben die Bundesliga. Brot und Spiele, wie der alte Julius gesagt hat. Uns geht es zu gut. Und wir wissen nicht, wie schlecht es anderen Menschen gehen kann. Und das muss man immer in die Waagschale werfen, wenn man über Flüchtlinge schimpft und behauptet: Die kriegen alles. Das ist alles gar nicht wahr."

Drei Jahre später

Vor drei Jahren kamen am Münchner Hauptbahnhof zigtausende Menschen nach einem unvorstellbaren Fußmarsch über die Balkanroute an. Unter ihnen ein junger Mann, den wir kennenlernen, der mittlerweile in Stuttgart lebt. "Wie erinnern Sie sich an diesen Moment zurück?" - "Ich habe sehr viele Leute gesehen, die sehr nett waren. Und ich habe mich gefreut, dass es so viele nette Menschen auf der Welt gibt."

Genau drei Jahre später ist er wieder hier am Münchner Hauptbahnhof. Genau heute hat er die Zusage zu seiner Ausbildungsstelle bekommen. Und in ein paar Stunden trifft er hier nach langer Zeit wieder einen Freund, den er auf der Balkanroute kennengelernt hat. "Ich habe mir so viel Mühe gegeben, habe Deutsch gelernt. Und es gibt so nette Leute. Unterschiedliche Leute. Nicht jeder ist gleich. Wie bei Afghanen auch. Wenn irgendein Asylbeweber einen Fehler macht, sollen die Deutschen nicht gleich denken, alle Afghanen oder alle Ausländer sind gleich. Nicht alle sind gleich."

Es geht um etwas anderes

Ein Mann mit kleiner Tochter fällt uns auf. Sie sind im Partnerlook gekleidet und beobachten die Züge. "Was bedeutet für Sie der Begriff 'Heimat'?" - "Ich bin in München geboren, obwohl man das vielleicht nicht so hört. In Schwabing. Ich bin hier auch aufgewachsen, war aber auch viel unterwegs in der Welt. Heimat ist dort, wo meine Familie ist." - "Was denken Sie über die Stimmung, wie wir sie aktuell in Deutschland haben?" - "Schwierig. Es ist ja noch nicht so lange her, dass hier am Hauptbahnhof Menschen gejubelt haben und geholfen haben, das war toll. Ich arbeite auch in dem Bereich und unterstütze immer wieder Flüchtlinge, die hierher kommen. Ich bin Psychotherapeut und behandele da auch. Vor zwei Jahren haben viele Freunde und Kollegen noch gesagt: 'Toll, was du machst!' Jetzt ist es eher irgendwie: 'Muss das denn sein?' Ich glaube nicht, dass es irgendwie um Flüchtlinge geht. Weil uns geht es gut, wir haben alles. Ich glaube eher, dass es um andere Themen geht. Und man sucht sich dann irgendwie einen Schuldigen."

Jeder hat es eilig

Der Bahnhof ist ein Ziel, das gleich verlassen wird. Ankunft und Aufbruch. Wir lernen ein Model aus Namibia kennen. Sie ist für Fotos-Sessions in München - das erste Mal in Europa. "Was gefällt Ihnen an diesem Land, dieser Stadt?" - "An München? Mag ich vor allem das Essen. Ich liebe das Brot. Es schmeckt toll. Aber ansonsten: Die Leute sprechen nicht sehr viel miteinander. Jeder hat es eilig, irgendwo hinzugehen." - "Sie fühlen sich also nicht unbehaglich als schwarze Frau hier zu sein?" - "Nein, nicht wirklich. Ich mag es, wenn mich die Leute ansehen und fragen wollen. Dann antworte ich gerne. Ich fühle mich gar nicht unbehaglich. Es fühlt sich toll an herumzulaufen und man wird nicht angefasst und dumm angesprochen. Ich mag es als schwarze Frau in einem europäischen Land zu sein."

Jeder Mensch steckt voller Überraschungen, hat seine Geschichte. Man muss nur den kleinen Schritt wagen und reden. Ein Stück miteinander gehen, statt einfach nur aneinander vorbei.


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