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Gleichberechtigte Teilhabe Diversität im Journalismus

Die Welt steht auf. Zeigt Trauer – und Wut. Nach dem Mord an George Floyd protestieren die Massen. Und auch medial findet das Thema "Rassismus" ein großes Echo. Aber die Berichterstattung dazu ist nicht immer zielführend.

Von: Andreas Krieger

Stand: 29.06.2020

"Ich war fassungslos in den letzten Wochen, als in der Berichterstattung über Rassismus aufgrund des Todes von George Floyd immer wieder Journalisten schwarze Menschen und People of Colour als erste Frage gefragt haben: 'Haben Sie schon mal Rassismus erlebt?'", sagt Ferda Ataman vom Verein Neue Deutsche Medienmacher*innen. "Das zeigt mir, wo wir in dieser Debatte stehen. Die richtige Frage müsste lauten: 'In welcher Form haben Sie schon einmal Rassismus erlebt?' Oder: 'Könnten Sie uns von Ihren Rassismuserfahrungen berichten?'"

Ein Viertel der in Deutschland lebenden Menschen hat eine Migrationsgeschichte. Bei der Auswahl von Themen, Protagonisten oder Interviewpartnern werden diese Menschen aber zumeist ausgeblendet. "Menschen mit Migrationsgeschichte kommen im nonfiktionalen Bereich kaum vor", sagt Prof. Christine Horz vom Lehrstuhl für Transkulturelle Medienkommunikation der Technischen Hochschule Köln. "Sie werden selten als Experten eingeladen. Wir haben aktuell das Beispiel des Rassismus. Da wurden Talkrunden gemacht und zunächst niemand eingeladen, der einen Migrationskontext hat oder der betroffen ist von Rassismus."

Deutschland ist selbstverständlich ein Einwanderungsland. Kulturell vielfältiger als es die Medien vermitteln. Christine Horz erforscht unter anderem die Entscheidungsmuster bei der Stellenbesetzung. Sie war maßgeblich beteiligt an der Studie "Viel Wille, kein Weg. Diversity im deutschen Journalismus". "Sehr viele Chefredakteurinnen waren sehr sensitiv, was das Thema angeht", sagt Christine Horz. "Sie wünschen sich, dass das Thema eine deutlichere Rolle spielt, und hier war auch ein bisschen meine Überraschung, dass Entscheider sich etwas wünschen. Denn Entscheider entscheiden und für den Wunsch sind eigentlich andere Leute zuständig."

Die Publizistin Ferda Ataman ist mit der Situation keineswegs zufrieden. "In den Nachrichten kommen Menschen mit Migrationshintergrund, Einwanderer, People of Colour fast immer nur dann vor, wenn es sie direkt betrifft. Also, wenn es um Migration geht, um Integration, darum ging es jahrelang. Neuerdings sprechen wir auch mehr über Rassismus und Diskriminierung. Aber da geht es auch darum, dass sie etwas persönlich erleben und das schildern dürfen oder dass es um sie geht. Auch beim Thema Kriminalität und bei migrations- und integrationspolitischen Debatten. Aber tatsächlich kommen sie nicht unbedingt vor, wenn Journalisten auf die Straße gehen und zum Beispiel einfach so Stimmen einfangen zum Thema 'Rentenpolitik' oder zum Thema 'Rettungsschirm für Griechenland'. Da könnte man ja alle fragen, auch Menschen aus Einwandererfamilien, was sie davon halten."

Ferda Ataman hat den Verein Neue Deutsche Medienmacher*innen mitgegründet. Dieser ließ nun in einer Studie die Struktur der Chefredaktionen in Deutschland untersuchen. Nur sechs Prozent des Führungspersonals hat Migrationsgeschichte. "Wenn eben nun diese Arbeitssituation derart homogen gestaltet und strukturiert ist, dass in vielen Redaktionen überhaupt kein Mensch mit Migrationsgeschichte arbeitet, obwohl in Deutschland ein Viertel der Menschen eine Migrationsgeschichte hat, dann fehlen da einfach diese Stimmen und das ist ein Problem, das sich exponentiell weiter spinnt", sagt Christine Horz. Denn wenn niemand da ist, der vielleicht darauf aufmerksam machen könnte, dass es eben Menschen gibt, die sich diskriminiert fühlen oder diskriminiert werden, dass sie Dinge anders erleben als vielleicht der Standarddeutsche, dann finden diese Geschichten eben auch nicht statt."

Serien, Nachrichten, Talkshows: eigentlich müsste, damit die Gesellschaft so dargestellt wird, wie sie ist, überall ein Viertel der gezeigten Menschen Migrationshintergrund haben. Das Problem fängt aber schon bei der Stellenvergabe an.

"Es gibt diesen Similar-To-Me-Effekt. Also 'ähnlich wie ich'", sagt Ferda Ataman. "Menschen neigen dazu, Leute einzustellen, die ihnen selber ähnlich sind. Das heißt, man muss einmal diesen Teufelskreis durchbrechen, indem man dafür sorgt, dass einfach relativ weit oben schon Diversität vorhanden ist. Das betrifft nicht nur den Migrationshintergrund, aber eben auch."

Es wird nicht ohne Lenkung, ohne Quote gehen, meinen die Expertinnen. Es funktioniert wohl nur mit politischem Druck und einem breiten Bewusstseinswandel, der vor allem auf der Entscheiderebene dringend gebraucht wird. "Die meisten finden Diversität super, wollen aber nichts dafür tun", fasst Ferda Ataman die Situation zusammen.

"Wenn wir uns nicht bewusst darüber sind, welche Privilegien wir haben als weiße Menschen", so Christine Horz, "dass wir entscheiden, reden, unsere Stimme erheben und unsere Perspektiven einbringen dürfen, dann kommen wir gar nicht dahin zu fragen, was möchte denn vielleicht ein Mensch sagen, der eine schwarze Hautfarbe hat, was möchte jemand sagen, der Diskriminierungserfahrung hat, weil wir uns dieser eigenen Privilegien in keinster Weise bewusst sind."

Für Menschen, die keine Rassismus- und Diskrimierungserfahrungen machen müssen, reicht es also nicht, einfach nur tolerant zu sein oder bewusst antirassistisch. Das einzige was hilft, ist wirklich zu handeln. Es braucht Diversität auf allen Ebenen.


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