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Gedenkfeier für Theodoros Boulgarides "Das Hauptgefühl war Wut"

Ein hinterhältiger Mord. Eine Familie, die bei aller Trauer auch noch verdächtigt wurde. Am 15. Juni 2005 wurde Theodoros Boulgarides getötet.

Von: Andreas Krieger

Stand: 29.06.2020

Wie erinnert sich Constantinos Gianacacos, Leiter des Evangelischen Migrationszentrums im Griechischen Haus, an diesen Tag? "Ich war im Büro im Griechischen Haus. Es war später Nachmittag. Plötzlich hörten wir Sirenen, die Polizei. Wir haben nie daran gedacht, dass so etwas passieren könnte. Das Ausmaß erfuhren wir ein paar Tage später. Wir waren in gewisser Weise alle wie gelähmt, weil alle Indizien in Richtung der organisierten Kriminalität gingen."

Die griechische Gemeinde in München war unter Schock. Fassungslos. Wie hat Apostolos Malamoussis, Erzpriester des Ökumenischen Patriarchats, den Tag des Mordes erlebt? "Das Ganze ist fest eingraviert in meine Gedanken, meine Seele. Ich war am Tatort. Die Polizei hat mir erlaubt vor der Leiche ein Gebet zu sprechen. Theodoros lag am Boden. Verblutet. Das Gesicht war verunstaltet von den Schüssen. Es war ein schreckliches Bild. Das bleibt in meiner Erinnerung bis heute."

Sein Schlüsseldienstgeschäft hatte er erst zwei Wochen vorher eröffnet. Er war 41 Jahre alt, hinterließ eine Frau und zwei Kinder.

"Wir haben Vertrauen zur Justiz. Und zu den Ermittlern", sagt Constantinos Gianacacos. "Wir leben in einem äußerst gut organisierten Land. Es war also undenkbar, was wir da erlebt hatten. Als wir das ganze Ausmaß erfahren haben, hatten wir Misstrauen gegenüber der Justiz, den Ermittlern, dem Staat. Enormes Misstrauen. Es gab sogar Unterstellungen, dass es absichtlich gemacht worden ist. So weit ging unsere Fantasie. Das Hauptgefühl aber war: Wut."

Zwischenzeitlich war der Bruder des Ermordeten nach Griechenland ausgewandert, weil er selbst verdächtigt wurde. "Es war unerträglich. Auch für uns. Wir haben uns auch geschämt. Als Community. Dass wir es nicht begriffen hatten. Unterwegs bis zu diesem Offenbarungstag, an dem wir es erfahren haben, haben wir tatsächlich geglaubt: 'Was? Wir? Die ruhige griechische Community in München ist involviert in organisiertes Verbrechen?' Wir hatten auch eine gewisse Scham." Die Scham, einen kurzen Moment doch gedacht zu haben, dass das Opfer mit Kriminalität zu tun gehabt haben könnte.

In der Auferstehungskirche im Münchner Westend hat der Künstler und Mitbürger im Viertel, Wolfgang Gebhard, eine Installation eingerichtet – mit dem Titel: "Ich bin: Theodoros Boulgarides." Es werden viele Namen von Menschen eingeblendet. Was sind das für Namen? "Theodoros Boulgarides ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Installation", sagt Wolfgang Gebhard. "Ich bin dann aber einen Schritt weiter gegangen. Seit 1990, seit der Wende, wurden 182 Menschen Opfer rechtsextremen Terrors. Diese 182 Namen sind zu sehen. Darunter ist auch der von Theodoros. Auch das weitere Opfer in München, Habil Kilic, und auch alle Opfer des NSU, des Nationalsozialistischen Untergrundes, werden genannt."

Der rechtsradikale Terrorismus wurde viele Jahre unterschätzt. Die Ermordeten werden hier mit Namen genannt. Zu jedem Namen gehören auch: Familie, Freunde, Gefährten: Trauernde!
Für was steht das "Ich bin"? – "Das 'Ich bin' ist für mich der größtmögliche Anknüpfungspunkt", sagt Wolfgang Gebhard, Mitorganisator des Gedenktages. "Die Möglichkeit, Empathie zu zeigen und sich mit ihm und seiner Situation und seinem Schicksal zu verbinden."

Genau 15 Jahre später wird an diesen Mord erinnert. Es ist wichtig, dass diese Taten und die Opfer nicht vergessen werden. "Das liegt an uns", sagt Apostolos Malamoussis, Erzpriester des Ökumenischen Patriarchats. "Wir veranstalten diesen Gedanktag, um nach außen ein Zeichen zu setzen. Wir müssen alle miteinander und mit großer Kraft die Ideologien der Neonazis bekämpfen."

Christen – griechisch-orthodoxe, evangelisch-lutherische und katholische – erinnern gemeinsam mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinden Münchens an den Mord und beten zusammen. Vereint in Trauer und Fassungslosigkeit, auch 15 Jahre nach dem Mord. "Wir wollen als Griechen, als Deutsche, als Türken und Menschen mit verschiedenen nationalen Identitäten hier friedlich miteinander leben", sagt Apostolos Malamoussis. "Und schöpferisch unseren Beitrag in die bayerische Gesellschaft einbringen. Angst haben wir keine. Aber aufpassen müssen wir." Das Zusammentreffen der Weltreligionen ist ein Statement, ein Bekenntnis für den Menschen. Es gibt nichts Wichtigeres als Menschlichkeit.

Wie geht es der Familie heute? "Die Familie ist nach wie vor emotional belastet", sagt Constantinos Gianacacos. "Weil jetzt der Familie – und ich nehme an, das ist nicht nur bei Boulgarides, sondern bei allen Opferfamilien so –, auch eine öffentliche Rolle abverlangt wird. Es handelt sich hier um einfache Menschen. Ob sie in der Lage sind, diese Rolle zu übernehmen, ist fraglich. Wir gehören in dieses Land hier. Da können der NSU und wer auch immer machen, was sie wollen: Dieses Land ist inzwischen auch unser Land. Und in dem Moment, an dem wir hier Opfer bringen, ist es noch dringender, genau das zu unterstreichen, damit es alle endlich verstehen. Dieses Land ist jetzt auch unser Land. Das ist auch unsere Heimat."

Theodoros hatte die Tür seines Geschäftes weit offen. Und keine Angst vor dem Unbekannten.


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