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Filmreihe mit neuen Perspektiven auf Deutschland Fiktionsbescheinigung

"Fiktionsbescheinigung. 16 filmische Perspektiven auf Deutschland" ist der Titel einer wichtigen neuen Reihe der Berlinale. Jeder Film ist ein Vorschlag, den weißen deutschen Blick mit vielfältigen Perspektiven zu begegnen. Deutsche Filme, die bislang keine große Beachtung fanden.

Von: Andreas Krieger

Stand: 26.06.2021

Wir sind, was wir sehen. Filme prägen unsere Vorstellung von der Wirklichkeit - und unser Urteil. Deshalb ist es wichtig, dass Filme die Gesellschaft widerspiegeln. Tun sie aber nicht genug. "Die Filmbranche repräsentiert nicht die ganze Bevölkerung Deutschlands und das ist ganz offensichtlich", sagt Enoka Ayemba, Kurator der Berlinale-Reihe "Fiktionsbescheinigung". "Wenn wir genauer hinblicken, sind repräsentativ auf allen Ebenen der Filmbranche immer noch weiße Männer oder weiße Frauen vorrangig vertreten und weniger Personen aus Minderheiten. Das ist ein Fakt."

25 Prozent der Deutschen haben Migrationshintergrund. Nicht mal fünf Prozent sind im Film vertreten, weder vor noch hinter der Kamera. Oft wird es ihnen nicht zugetraut. "Ich kann Ihnen eine Liste aufzählen, was mir an den Kopf geworfen wird. Welche unverschämten Fragen mir gestellt werden, wenn ich einen diversen Stoff anbiete", sagt die Regisseurin und Autorin Biene Pilavci. "Zunächst werde ich gefragt: Kann ich überhaupt Regie führen, weil ich eine Frau bin? Weil ich alleinerziehend bin? Kann ich mit großen Budgets umgehen? Kann ich mit großen Teams umgehen? Und warum ist meine Hauptfigur eine Deutsch-Türkin? Warum trägt die deutsch-türkische Hauptfigur kein Kopftuch? Können wir daraus auch eine Dramedy machen? Weil das ist uns zu hart. Haben Sie noch etwas anderes anzubieten? Solche Fragen werden mir gestellt. Das Beste kommt noch: Können Sie Ihr eigener Ghostwriter sein? Weil Ihr Name ist ja schließlich kein Erfolgsgarant."

Die Berlinale-Reihe "Fiktionsbescheinigung" möchte den Blick weiten mit Filmvorschlägen, die nicht mit dem Mainstream gehen. Etwa mit einem Film über Dirndl, Schleier und alternatives Leben in Teheran. Oder mit einem Film, der mehr erzählt als das Auge sehen kann.

Das Ziel muss sein: Gemeinschaften zu bilden, sich gegenseitig zu unterstützen. Und einen Pakt mit den Zuschauern zu schließen. "Wir müssen uns wirklich formieren. Wir müssen uns vernetzen", sagt Pilavci, die das Programm "Fiktionsbescheinigung" mit kurartiert hat. "Wir müssen eigene Bilder, eigene Geschichten schaffen. Wir brauchen nicht mit dem Mainstream mitzulaufen, sondern wir haben das Potenzial und die Kraft einen neuen Mainstream zu schaffen. Wir sollten versuchen, diesen Weg zu gehen. Und wir müssen unsere Forderungen auf jeden Fall laut stellen, sonst werden wir nicht gehört."

Der Film "Exil" erzählt als Paranoia-Thriller, wie sich ein Pharmaingenieur aus dem Kosovo zunehmed gemobbt und diskriminiert fühlt. "Exil" ist ein Positivbeispiel für einen Film mit vielschichtiger Hauptfigur. Gleichzeitig geplant für ein großes Publikum. So geht es auch. "Die Figuren müssen reichhaltiger werden", sagt Pilavci. "Und sie können nur reichhaltiger werden, wenn es Menschen machen, die davon Ahnung haben."

"Es muss einfach normal sein, dass ein Mensch mit türkischem Namen einen Arzt spielt oder einen Polizisten oder einen Kriminalbeamten", sagt Enoka Ayemba. "Oder warum nicht einen Kanzler oder eine Kanzlerin und so weiter? Sie sind in der Lage, alles zu spielen. Es sollte eine gewisse Normalität hergestellt werden, damit solche Fragen gar nicht mehr kommen."

16 Filme aus vier Jahrzehnten werden nun in der Berlinale-Reihe "Fiktionsbescheinigung" gezeigt. Einigen Filmen wurde bislang die Teilhabe am deutschen Filmkanon verwehrt. Jetzt endlich: Sichtbarkeit. "Es gibt fünf oder sechs große Förderanstalten in Deutschland", sagt Ayemba. "Sie könnten durchaus Einfluss ausüben, indem sie sagen, wir geben zum Beispiel 20 Prozent der Gelder an Filme, die die Diversität fördern."

Quoten sind sinnvoll. Der beste Motor aber ist Neugier, der Wille sich einzulassen. Die Produzenten sind in Verantwortung. Aber auch wir, die wir hoffentlich bald wieder im Kino sitzen.

Weiterführende Informationen

Berlinale-Forum-Zusatzprogramm
"Fiktionsbescheinigung. 16 filmische Perspektiven auf Deutschland"

"Fiktionsbescheinigung"


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