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Anthologie "Eure Heimat ist unser Albtraum"

Seit vergangenem Jahr hat Deutschland ein Heimatministerium. Das könnte Gelegenheit sein, für mehr Zusammenhalt und Solidarität in der deutschen Gesellschaft zu sorgen. Doch der neue Heimatminister behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, Migration sei die Mutter aller Probleme und setzt sich für mehr Abschiebungen ein. Zum einjährigen Bestehen des Heimatministeriums halten 14 deutschsprachigen Autoren und Autorinnen mit migrations- und jüdischer Geschichte Deutschland einen Spiegel vor.

Von: Katharina Wysocka

Stand: 25.02.2019

"Eure Heimat ist unser Albtraum" heißt die Anthologie, in der sie schreiben, wie es ist in einem Land zu leben, das sich zwar als vorbildliche Demokratie begreift, gleichzeitig jedoch einen großen Teil der Gesellschaft ausgrenzt und kaum schützt.

"Heimat", der Begriff soll locken, warme Gefühle wecken, hoffen Politik, Marketing, Medien.
Dabei bedeutet Heimat für jeden etwas Anderes. Insbesondere, weil ein Viertel der Deutschen eine Migrationsgeschichte haben.
Für viele wird das Konzept Heimat zum Albtraum.

"Wenn der Heimatminister so Sachen sagt, das betrifft einen ja selbst, der Islam gehört nicht zu Deutschland, das bedeutet, ich gehöre auch nicht zu Deutschland. Das heißt, dieses Heimatministerium ist nicht mein Heimatministerium, weil das ist nicht meine Heimat."

Fatma Aydemir, Zeitungsredakteurin

"Wenn jemand mit einem politischen Amt gegen einen großen Teil der Bevölkerung wettert, das ist es etwas, was sich auch im Alltag dieser Menschen niederschlägt. Das ist etwas, was wir mitkriegen, was wir merken, eine Stimmung verändert sich, eine Stimmung wird schärfer. Diese Worte legitimieren eigentlich den Hass, den wir gerade auch auf den Straßen zu spüren bekommen."

Simone Dede Ayivi, Theatermacherin

"Was mich stärker überrascht und auch stärker besorgt, ist, dass die linken Parteien, oder die nominell linken Parteien, ebenfalls diesen Heimatbegriff so stark behandeln. Es gibt ja nicht eine Partei in Deutschland, die sagen würde, ihr macht mal alle Heimat, wir machen Zuhause, ihr macht mal alle Heimat, wir machen postmigrantisches Deutschland, wir machen radikale Vielfalt. Sondern alle probieren über diesen Heimatbegriff eine Art positiven Nationalismus aufleben zu lassen."

Max Czollek, Lyriker und Sachbuchautor

Deutschland ist tolerant und weltoffen - denken viele. Doch der Alltag von Simone Dede Ayivi sieht anders aus. Sie ist in Hanau geboren und arbeitet als Theatermacherin und Autorin. Rassismus erlebt sie täglich. Dann ist es wichtig, dass jemand zu ihr steht.

"Ich wurde zum Beispiel einmal im Bus rassistisch beleidigt von einer Frau, die erst nicht wollte, dass ich mich neben sie setze, und wirklich unmöglich geschimpft hat die ganze Zeit. Und interessanterweise erfuhr ich dann Solidarität vom Fahrkartenkontrolleur, der kam und als die Dame dann gesagt hat, dass es ja nicht sein kann, dass so eine wie ich ein gültiges Ticket hat, sehr straff auf sie eingeredet hat und am Ende gesagt hat: 'Wenn Sie einen Zeugen brauchen, wenn Sie die Frau wegen Beleidigung anzeigen wollen, ich bin hier, das können wir gerne zusammen tun!'.
Hätte ich vielleicht machen sollen, habe ich nicht gemacht. Mir hat in dem Moment gereicht, dass da jemand ist, der die Situation erkannt hat, mir zugehört hat und zu mir gehalten hat. Weil das, was oft passiert ist, dass Menschen einfach wegsehen oder wenn dann die Betroffenen sich aufregen sagen: 'Ja, ich weiß schon, was passiert ist, aber beruhige dich, du machst es nur noch schlimmer.' Ich will mich aber mit anderen Menschen gemeinsam aufregen, wenn ich sehe, dass derartige Ungerechtigkeiten passieren."

Simone Dede Ayivi, Theatermacherin und Autorin

Fatma Aydemir ist in Karlsruhe geboren, arbeitet als Zeitungsredakteurin und Buchautorin. Ihre Großeltern und Eltern haben als türkische Gastarbeiter ihr Leben lang hart gearbeitet. Für sie ist es unverständlich, dass noch die dritte Generation um gleiche Rechte am Arbeitsmarkt ringen muss.

"Mit einem ausländisch klingenden Namen ist es schwierig, überhaupt in Bewerbungsgespräche eingeladen zu werden. Wenn man diese Hürde geschafft hat, ist es beim Bewerbungsgespräch oft so, dass man mit Aussagen konfrontiert wird, die sehr irritierend sind, zum Beispiel: 'Ah, ich bin überrascht, dass Sie so gutes Deutsch sprechen.' Oder es kommen Fragen wie: 'Haben Sie überhaupt eine Arbeitserlaubnis in Deutschland?'
Das sind so Sachen, wo ich so merke, da sind scheinbar schon Zweifeln in Köpfen von vielen Arbeitgebern drin, die sich fragen, ok, eignet sich eine migrantische Bewerberin überhaupt für den Job oder nicht?"

Fatma Aydemir, Zeitungsredakteurin und Buchautorin

Max Czollek ist Jude und ist in Berlin geboren, sein Großvater war Widerstandskämpfer in Deutschland. Er ist Lyriker und Sachbuchautor. Er hadert mit dem völkisch-verklärten Heimatbegriff.

"Es gibt einen immensen Hype in Richtung Nationalismus, der ja einhergeht mit dem Hype in Richtung Heimatbegriff. Ich halte das für absurd, ich halte das auch für albern. Und ich glaube, daran wird sehr deutlich, dass es unterschiedliche Perspektiven auf die Frage von Heimat in Deutschland gibt, die alles andere als selbsterklärend sind. Und ich erlebe das aber häufig, dass, wenn ich Menschen, die diese Deutschlandfahne für gut und wichtig halten, damit konfrontiere und sage, also für mich ehrlich gesagt, fühlt sich das nicht so gut an, dass ich auf eine gewisse Form von Aggressivität treffe tatsächlich. Menschen, die sagen, ich lasse mir doch von dir jetzt nicht verbieten, meine Fahnen rauszuholen. Und da gibt es im Prinzip immer so eine Palette an Argumenten. Ein beliebtes ist: 'In anderen Ländern gibt es das doch auch. In Frankreich, da hängen die Leute doch auch die Fahne raus.' Da würde ich sagen, ja aber was bedeutet das genau? Es ist doch eine individuelle Entscheidung, warum hast du das Begehren danach, eine Deutschlandfahne herauszuhängen? Das muss man doch für sich selber erklären können. Liebst du dieses Land? Und was bedeutet es, dieses Land zu lieben?"

Max Czollek, Lyriker und Sachbuchautor

Max Czollek findet es falsch, wenn so getan wird als seien die Verbrechen der Nationalsozialisten durch Gedenkveranstaltungen und Denkmäler abgegolten. Statt Normalität zu behaupten, fordert er Gegenwartsbewältigung.

"Gegenwartsbewältigung bedeutet, sich bewusst zu machen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, dass wir auch heute noch in einer Gesellschaft leben, die geprägt ist vom Nationalsozialismus, die auch in ihren politischen Konzepten weiterhin in diesen Denkstrukturen operiert. Und dass das eine Vorsicht gebietet und ein weniger euphorisches Zugreifen auf so Symbole der nationalen Identifikation."

Max Czollek

Obwohl Muslime seit Jahrzehnten selbstverständlich Teil der deutschen Gesellschaft sind und viel zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen haben, scheinen sie für einige noch immer nicht dazu zu gehören. Müssen sich zum Beispiel rechtfertigen bei islamistischen Anschlägen.

"In dem Moment, wo man als muslimisch gelesen wird, und ich bin Muslima, ich heiße Fatma, sehr klassischer, muslimischer Name, dass es direkt heißt: 'Stellst du nicht deine Religion infrage?' Oder: 'Heißt du es etwa gut, was die machen?' Und: 'Hast du mit deinen Eltern darüber gesprochen?' Also es wird dann sofort super-persönlich irgendwie, dann geht es plötzlich um meine Eltern und Großeltern, weil in Paris eine Bombe in die Luft geflogen ist. Es ist natürlich auch eine Form von Rassismus, gleichzeitig ist es auch Islamophobie, weil davon ausgegangen wird, dass alle Menschen in dieser Gruppe, die sich so bezeichnen, dasselbe denken, derselben Ideologie nachgehen und das gutheißen."

Fatma Aydemir

Menschen, die aussehen als wären sie Migranten, werden stigmatisiert. Auch von Sicherheitsbehörden. Spätestens der NSU-Prozess hat gezeigt, dass auch der Verfassungsschutz und die Polizei nicht frei sind von strukturellem Rassismus.

"Ich muss ganz ehrlich sagen, dass für mich als Tochter eines schwarzen Mannes, die gesehen hat, wie der Vater behandelt wurde, und wie oft er in Polizeikontrollen kam, wenn ich mit ihm unterwegs war, im Vergleich zu wenn ich mit meiner weißen Mutter unterwegs war. Deswegen mein Vertrauen, dass Menschen von der Polizei zum Beispiel gleich und fair behandelt werden, das gab es nie, dazu braucht es nicht Dinge, über die wir in den letzten Jahre gesprochen haben, das ist etwas, womit ich aufgewachsen bin und was schon immer meine Lebensrealität war.
Zum Beispiel, als ich vorhin davon gesprochen habe, wie es war, dass der Fahrkartenkontrolleur mit mir gerne zur Polizei gegangen wäre, um diese Beleidigung, die rassistische, anzuzeigen.
Ich habe es deshalb nicht gemacht, weil für mich davon auszugehen war, dass es bei der Polizei nicht ernst genommen wird oder ich dort dann andere Formen von rassistischer Beleidigung erfahre. Also für mich war es kein Option in dem Moment."

Simone Dede Ayivi

Was muss sich ändern, damit sich alle Bürger mit Deutschland identifizieren können?

"Das Wichtigste, woran man sich orientieren kann, ist die Demokratie, wir haben ein Grundgesetz und nach diesem Grundgesetz sind wir eigentlich alle gleichgestellt und sollten alle dieselben Rechte haben. Ich glaube, wenn man dem Ansatz folgt und weniger über kulturelle Unterschiede, die irgendwie angeglichen werden müssen, redet, dann wären wir viel weiter."

Fatma Aydemir

"Ich glaube, dass da ein Modell, wie ich es vorschlage, der Desintegration entscheidend ist oder eine Möglichkeit sein könnte, weg zu kommen vom Integrationsdenken, indem man sagt, Deutschland ist schon heute eine radikal vielfältige Gesellschaft. Das sieht man, wenn man sich Kultur anguckt, wenn man sich Theater anguckt, wenn man sich auch Politik zunehmend anguckt. Und stärker darauf beharrt, dass diese unterschiedlichen Gruppen und unterschiedlichen Positionen schon heute daran teilhaben, was Deutschland ist. Es ist also überhaupt nicht nötig, diese Bewegung in das Zentrum, die Integration zu vollziehen, sondern die Punkte, an denen wir uns jetzt befinden, sind schon Teil dessen, was wir Deutschland nennen können und sollten."

Max Czollek

"Wir müssen einfach akzeptieren und Differenz aushalten können und dann solidarisch sein mit denjenigen, die schwächer sind als wir, die weniger privilegiert sind, und diese Menschen unterstützen. Und es geht auf keinen Fall, indem wir wegsehen, indem wir Leuten sagen, sie sollen einfach Ruhe bewahren, indem wir irgendwie denken, dass sich dieses Problem irgendwie aussitzen lässt. Es gibt massive rassistische Gewalt und Bedrohung aktuell in Deutschland und wir müssen alle zusammen dagegen einstehen."

Simone Dede Ayivi

Dann könnte aus "eurer Heimat" unser aller "Zuhause" werden - ein deutscher Traum.


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