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Theaterregisseur Ersan Mondtag Bayern in 2023 und das Deutschland von heute

Er ist einer der bekanntesten Theaterregisseure Deutschlands - und dabei erst Anfang 30: Ersan Mondtag. Seine Inszenierungen sind poppig, poetisch, dicht und: er bezieht Position.

Von: Andreas Krieger

Stand: 27.05.2019

An den Münchner Kammerspielen hat er nun "Dr. Alici" auf die Bühne gebracht. Das Stück spielt im Bayern des Jahres 2023, ist aber eine Reflexion über unsere unmittelbare Gegenwart, eine Spiegelung der Stimmungen von heute. Wir haben mit dem Regisseur dieses hochpolitischen Stückes über Identität gesprochen, über Diskriminierung - und seine Sicht auf Deutschland.

Fahnenschwenkende Zombies. Des Freistaats nahe Zukunft. Überraschend: Eine türkischstämmige Frau ist Polizeipräsidentin von München. Wird aber von den Konservativen zermalmt. Die Dramatikerin Olga Bach hat ein Stück von Arthur Schnitzler in ein sehr gegenwärtiges Bayern verlegt.

Münchner Kammerspiele. Schauspielhaus. Regisseur Ersan Mondtag kann das: zwischen Komik, Groteske und Horror hin- und herschalten, als wären es drei Autogänge, drei Beschleunigungsstufen.

Seine neue Inszenierung handelt von Bayern im Jahr 2023. Was hält er heute von Bayern?

"Also, wenn ich an Bayern denke, dann denke ich erst einmal an schöne Naturbilder und schöne Gegenden. An Seen. An eine bestimmte Esskultur. An Fußball. Aber ich denke natürlich auch an eine bestimmte Form von katholischer Praxis. Ich denke auch an die CSU. Da gab es ja beispielsweise die Wortschöpfung von Markus Söder mit dem Asyltourismus. Wo er dann auch ein paar Schritte zurückgegangen ist, nachdem die Wahlumfragen so desaströs waren. Weil er auch gemerkt hat, damit kommen sie nicht weiter. Allein diese zwei Worte: Asyl und Tourismus nebeinander zu stellen und daraus ein Wort zu machen, hat was mit Propaganda zu tun. Asyl beschreibt einen ganz anderen Vorgang. Bei Asyl geht es um eine Notbedürftigkeit von Menschen, die aufgrund einer Extremsituation gezwungen sind, in einem Land um Schutz zu fragen und zu bitten. Und dann daraus Tourismus zu machen, das spielt ja darauf an, dass Asyl im Prinzip ein Missbrauchsmoment wäre, bei dem Menschen Asyl als Vorwand nehmen, um Tourismus zu betreiben in Deutschland. Das ist eine ziemlich perverse Aussage."

Ersan Mondtag

Schwere Stoffe haut Ersan Mondtag seinem Publikum wie Kirmes um die Ohren. Im unwiderstehlichen Groove serviert er Gegenwartsanalysen und Gesellschaftskritik.

"Es geht um Ressourcen. Die Leute nehmen sich bedroht wahr, weil sie merken, als die Kanaken noch Putzfrauen waren, waren sie uns völlig egal. Und jetzt, wo sie anfangen Akademiker, Ärzte, Abgeordnete zu werden, also in die Position der oberen Schichten reinzukommen, fühlen wir uns bedroht, weil uns das zu weit geht. Angenommen, wir würden uns darauf einlassen, was ist dann die Kosequenz? Sollen wir sie zurückschicken, aber wohin denn überhaupt? Man müsste mich ja dann in die Vagina meiner Mutter zurückschicken, weil da komme ich her. Weil das Einzige, was ich als Herkunft bezeichnen kann, ist der Bauch meiner Mutter. Aber nicht irgendwie die Türkei. Das ist völlig absurd. Angenommen man würde mich dahin schicken, dann wäre ich da in einem fremden Land. Vermutlich würden die mich dann dort noch verhaften, weil ich eine politische, gesellschaftliche Figur bin, die auch irgendwie Erdogan-kritisch ist. Das heißt, das ist eine völlig skurille, absurde Vorstellung und ich finde es völlig falsch und vermessen, dass man sich überhaupt auf diese Diskussion einlässt."

Ersan Mondtag

Er hat bei den Regie-Berserkern Frank Castorf und Vegard Vinge gelernt, sein Regie-Studium in München abgebrochen - und schnell seinen eigenen Stil gefunden. In seinen Inszenierungen schichtet Ersan Mondtag Bilder und Bedeutungsebenen übereinander. Wie ein Kontrapunkt. Stimme und Gegenstimme, Entwurf und Gegenentwurf lassen sich klar auseinander halten.

"Wir haben ja gerade den Fall mit dem Oberbürgermeister von Tübingen, dessen Namen ich nicht aussprechen will, um ihn nicht weiter populär zu machen, der aufgrund einer Bahnwerbung, wo sehr erfolgreiche prominente Deutsche mit Migrationshintergrund abgebildet wurden, sich diskriminiert gefühlt hat, weil er aufgrund der Hautfarbe darauf schloss, dass das keine Deutschen sind wie er. Da manifestiert sich dieses Grundproblem des direkten Rassismus. Das heißt: Deutschland bedeutet in seiner Wahrnehmung die weiße Hautfarbe. Und darüber hinaus ist man dann halt nicht wirklich deutsch. Sondern deutsch mit irgendwas. Was ja auch das Grundproblem der Debatte um das Deutschsein insgesamt abbildet. Natürlich bin ich deutsch, weil deutsch ist man per Staatsbürgerschaft und nicht per Hautfarbe oder Blut. Wir haben ja nicht mal mehr ein Blutrecht. Das zu tun wäre gewissermaßen sogar verfassungsfeindlich. Weil die Verfassung ganz genau klärt, wer deutsch ist. Nämlich der, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat."

Ersan Mondtag

Ersan Mondtag wurde in Berlin geboren. Oft macht er Regie, Bühne und Kostüme gleichzeitig. Starke Bilder, in sich geschlossene Systeme.

Hat er denn selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht?

"Bei der Einschulung saßen wir im Stuhlkreis und dann fragte mich die Lehrerin: 'Bei uns ist es ja so ... und wie ist es dann bei euch?' Mit 'uns' meinte sie natürlich die ganzen weißen Mitschüler und sich selbst. Und ich war dann halt: der Andere. Und dann habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ich anders bin als die. Was ich vorher nie gedacht habe. Das sind dann so Kleinigkeiten, die einen natürlich prägen, weil man sich dann nicht mehr den anderen Kindern zugehörig fühlt, die bis dato einfach komplett identisch waren mit einem. Es waren Freunde, mit denen man gespielt hat, und plötzlich waren sie anders. Und das Andere wird konstruiert durch diese Gespräche. Dann wird gesagt: 'Ach ja, bei euch isst man ja Weißbrot. Und Weißbrot macht dumm. Und wir essen Schwarzbrot. Und Schwarzbrot macht halt nicht dumm.' Das sind so Erfahrungen, die man dann so macht. Als sechsjähriges Kind ist das dann einfach gravierend. Weil das prägt dein Empfinden über deine Zugehörigkeit zu einem eigenen Standpunkt. Zu deiner eigenen Heimat. Natürlich, heute fühle ich es anders. Aber ich habe heute auch die deutsche Staatsbürgerschaft, dafür musste ich mich ja sogar bewerben, obwohl ich hier geboren bin. Was ein erniedringender Akt war, weil der damalige Bürgermeister von Neukölln quasi alle gezwungen hat, in einem Ritus alle zwei Monate gemeinsam einbürgern zu lassen im Rathaus. Und da musste man sich dann eine Rede anhören, dass man hier in Deutschland Frauen respektiert und nicht angrapscht und wie es hier halt so ist in Deutschland. Und dann sitze ich so dort und lasse mir von diesem alten weißen Mann, der teilweise rassistische Züge hat, sagen, wie man Frauen behandelt und dann denke ich mir: 'Wahnsinn, ich bin viel weiter als du. Und lasse mir doch nicht von dir erklären, dass ich Frauen nicht angrapschen darf.' Und dann muss man die Urkunde von ihm persönlich annehmen und dann ein Foto machen und dann ist man erst eingebürgert. Das ist für mich so ein absurder Vorgang. Ich bin hier geboren, ich bin hier aufgewachsen und dann muss ich das tun. Das hat mich über 1000 Euro gekostet, der ganze Prozess. Ich musste beweisen, dass ich deutsch spreche, dass ich ein Einkommen habe und mir hier das Leben leisten kann. Und deutsch sprechen kann. Als mich die Frau in der Behörde fragte, ob ich denn überhaupt deutsch spreche, habe ich ihr gesagt: 'Offensichtlich besser als Sie!' Und gleichzeitig ist es einfach ein bürokratischer Vorgang. Sie muss diese Dinge überprüfen, aber dass man sich als hier Gebürtiger um die Staatsbürgerschaft bewerben muss, sich dafür komplett nackt ausziehen muss, bitten muss und sein Einkommen offenlegen muss und dann irgendwelche Einbürgerungstests machen muss, dann auch noch absurde Fragen gestellt bekommt, ist sehr erniedringend."

Ersan Mondtag

Erniedrigung! In "Dr. Alici" von Olga Bach ist die Titelheldin: Lesbin, Türkischdeutsche, Chefin. Der bayerische Politik-Zirkel wird sie erst stutzen, dann vernichten. Macht hat, wer die Macht anderer verhindern kann. Provinzposse mit Shakespearschen Dimensionen und Abgründen.

Das aktuelle Stück behandelt ganz viele rasssistische Themen, aktuelle Themen, politische Themen. Wenn die Zuschauer nach diesem Stück nach Hause gehen, was würde er sich wünschen, dass sie mitnehmen?

"Ich versuche im Theater immer einen Raum zu bauen, der die Leute erst mal aus ihrer eigenen Wirklichkeit entbindet. In diesem Stück geht es um ganz konkrete Themen, die wieder mit dem Alltag zu tun haben, deswegen ist es für meine Verhältnisse schon eine neue Form, die ich da ausprobiert habe. Einfach mal die Perspektive dieser weiblichen Polizeipräsidentin zu erzählen, mit allen Absurditäten. Und zeigen, wie die Diskurse, die wir teilweise sehr aggressiv führen, konkrete Auswirkungen auf die Lebensentwürfe von Menschen haben. Und dadurch will ich im Idealfall ein Bewusstsein erzeugen, dass die Leute die Diskurse vielleicht anders führen oder noch mal darüber nachdenken, dass das, was sie sagen, vielleicht im Radikalen eine Konsequenz für die Lebensrealität von Menschen haben könnte."

Ersan Mondtag

Ersan Mondtag macht politisches Theater wie Konfetti: Es knallt im Augenblick, fliegt weit - und man bekommt es ewig nicht mehr raus. So kann Theater vielleicht etwas verändern.

Termin

"Doktor Alici" von Olga Bach
Regie: Ersan Mondtag
Münchner Kammerspiele
am 02.06.2019


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