BR Fernsehen - puzzle


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Eine Geschichte von Vielen Vom schwierigen Umgang mit der Vielfalt

Ja, die Wirklichkeit. Leicht hat sie es noch nie gehabt. Vor allem nicht, wenn sie abgebildet werden soll: Im Fernsehen, im Film, in politischen oder öffentlichen Diskursen. Der Zuschauer soll es einfach haben. Schnell verstehen, wer gut oder böse, schwarz oder weiß, deutsch oder nicht-deutsch ist.

Stand: 26.02.2018

Aber die Welt, sie ist komplexer als das. Sie lässt viele Wahrheiten zu. Aber inwieweit wird dem Abbild dieser gesellschaftlichen Realität in der Medienlandschaft Rechnung getragen? Welche Perspektiven werden immer wieder erzählt und gehört, während andere konsequent vernachlässigt werden?

Ethno-Abklatsch statt Vielschichtigkeit

Schauspieler Murali Perumal kennt nur allzu gut, wie das Schablonendenken funktioniert. Schneller als man sich versieht, wird man vom Castingdirektor mal eben zum Ethno-Abklatsch reduziert.

"Am Anfang waren es wirklich die totalen Klischees: Rosenverkäufer, Taxifahrer, Terrorist, Ayurvedamasseur. Aber absurd war vor allem teilweise die Bezeichnung der Rollen. Teilweise stand da im Drehbuch einfach die Bezeichnung 'Inder'. Ich hatte schon einmal die Chance, einen Staatsanwalt zu spielen,  ich wurde vorgeschlagen von der Castingabteilung. Regie, Produktion, alle wollten mich dafür haben, aber der Fernsehsender sagte: 'Nein, Deutschland ist noch nicht so weit. Wir wollen den Zuschauer nicht überfordern'."

Murali Perumal

Seit 2013 kämpft er gegen die Benachteiligung von Darstellerinnen und Darstellern mit sichtbarem Migrationshintergrund und für ein realistisches Abbild unserer vielfältigen Gesellschaft im deutschen Kulturbetrieb.

Beschreibungen wie Naturkatastrophen

Medien schaffen Wirklichkeit. Auch mit Worten. Ganz hoch im Kurs ist bei Berichten über Migration der Naturkatastrophen-Stil: Menschen werden zu "Wellen", "Massen", "Strömen". Einzelne Biographien dahinter: werden "verschüttet", "verwässern". Die Wissenschaftlerin Margreth Lüneborg erforscht an der Fachuniversität Berlin solche Darstellungsmuster:

"Wir können in Analysen, die es durchaus über lange Zeiträumen gibt, sehen, dass das, was explizit als Migrationsberichterstattung gelabelt wird, ganz stark negativ überwiegt. Und wir kennen aus der Nachrichtenwertforschung bestimmte Selektionsmuster, die für journalistische Entscheidungen, was wird zur Nachricht und was nicht, relevant werden. Negativität, Konflikt sind ganz zentrale Muster."

Prof. Dr. Margreth Lünenborg, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin

Wertfreie Begriffe werden durch einseitige Berichterstattung verzerrt.

Lebenswelten auf der Bühne

Auch viele Jugendliche aus Migrantenfamilien ärgert das verzerrte Bild über sie.
Junge Teilnehmer der Berliner Akademie der Autodidakten nehmen in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Laia Ribera Cañénguez ihre Geschichten in die Hand und tragen ihre Realitäten selbst auf die Bühne - "polyphonisch, multi-eckig, multidimensional. Denn eine Gesellschaft von vielen braucht auch die Geschichten vieler."

In dem Stück "Eine Geschichte von Vielen" erzählen sie von Normalität, dem, was sie wirklich bewegt: Liebeskummer, Leistungsdruck, Emanzipation - ganz normale Jugendsorgen!

"Zuschreibung sind Erfindungen, aber dass man damit die ganze Zeit Erfahrungen macht, das ist ganz real und ganz konkret."

Laia Ribera Cañénguez, Theaterregisseurin

Zuschreibungen schaffen Abgrenzungen, durch die Andere erst zu anderen werden. Selbstverständlich gelebte gesellschaftliche Vielfalt, in den unterschiedlichen Medien ist sie noch nicht richtig angekommen.

Und die geschriebenen Welten? Ist man hier wenigstens im Heute angekommen? In Romanen, Kinder- und Geschichtsbüchern oder Unterhaltungsliteratur?

"In den geschriebenen Krimis würde ich mir wünschen, dass Figuren mit Migrationshintergrund nicht nur in Täter- oder Opferrollen auftauchen, sondern eben zum Beispiel auch im Kommissariat dazugehören. Und wir gewinnen auch noch Zuschauer, weil der Migrant schaltet ein, weil er sich repräsentiert fühlt, er sieht, guck mal, wir können auch Anwälte sein. Wir können auch als Polizisten hier arbeiten. Wir können es hier schaffen."

Murali Perumal, Schauspieler

Nichts ist unglaubwürdiger als die Wirklichkeit - soll Dostojewski einmal gesagt haben. Aber wenn die Wirklichkeit längst bunt ist, dann wird es Zeit, dass die Medien endlich aufholen.

Buchtipp

Wir und die Anderen?
Eine Analyse der Bildberichterstattung deutschsprachiger Printmedien zu den Themen Flucht, Migration und Integration
Prof. Dr. Margreth Lünenborg, Tanja Maier
Verlag Bertelsmann Stiftung
Gütersloh 2017

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/wir-und-die-anderen/

Autorin des Filmbeitrags: Birgit Eckelt


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