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Dokumentarfilm Mein Vietnam

Bay und Tam müssen aus Vietnam nach Deutschland fliehen. Wie geht es ihnen heute, 30 Jahre nach der Flucht? Ist Deutschland für sie zur Heimat geworden? Der Dokumentarfilm "Mein Vietnam" geht diesen Fragen nach und erzählt vom Spagat zwischen der alten und der neuen Heimat, aber auch von der Liebe.

Von: Micha Paul

Stand: 25.01.2021

Voller Feingefühl porträtiert das Regie-Duo Hien Mai und Tim Ellrich im Dokumentarfilm "Mein Vietnam" das Leben des Paares Bay und Tam. Es ist gleichzeitig auch Regisseurin Mais eigene Familiengeschichte, denn Bay und Tam sind Mais Eltern.

Ende der 80er-Jahre muss das Paar aus Vietnam nach Deutschland fliehen. Sie hoffen auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder.

Ankommen in der Fremde

Für ihren Traum und für eine neue Existenz arbeiten sie hart. Frühmorgens und nachts reinigen sie verlassene Büros in München und kommen dadurch kaum in Kontakt mit der deutschen Gesellschaft.

"So ist es gekommen, dass man auch immer unsichtbar war. Du musstest den Raum pikobello hinterlassen und man durfte ja auch nicht bemerken, dass jemand da war. Es gab keine Interaktion." Hien Mai, Regisseurin von 'Mein Vietnam'

Es ist ein schmerzhafter Prozess des Ankommens, von dem "Mein Vietnam" erzählt. Denn Bay und Tam fühlen sich oft fremd und hilflos im neuen Land.

"Als wir dich am ersten Tag in die Schule gebracht haben, standen wir da, ohne richtig Deutsch zu können. Da hast du uns so leid getan! Du warst die einzige Vietnamesin. (…) Uns sind die Tränen gekommen. Wir konnten uns mit niemandem unterhalten. Wir fuhren heim und haben dich alleingelassen."

Zitat Bay Mai in 'Mein Vietnam'

Unsichtbar sein wider Willen - ein Teufelskreis

Aufgrund der Sprachbarriere und ihres azyklischen Jobs, sei es ihren Eltern nur schwer möglich gewesen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sagt Hien Mai. Wissend, dass sie sich mit anderen nicht unterhalten konnten, hätten ihre Eltern nicht unangenehm auffallen wollen. Dadurch hätten sie sich immer mehr zurückgezogen und die Kontakte seien noch rarer geworden. Ein Teufelskreis, den die Regisseurin als Gefühl der Ohnmacht beschreibt.

Kann es eine virtuelle Heimat geben?

Über Chatrooms und Skype hält das Paar engen Kontakt zu Freunden und der Familie in Vietnam. Freudige, traurige, banale Ereignisse - fast immer leuchtet der Screen. So werden Bays und Tams eigene vier Wände zur virtuellen Version Vietnams. In fast quälend ruhigen Bildern macht der Film den täglichen Spagat der beiden zwischen der alten und neuen Heimat spürbar. Schließlich müssen sich beide die Frage stellen, ob sie jemals in Deutschland angekommen sind. Wo gehören sie hin? Und lässt sich ein Heimatgefühl virtuell erschaffen?

"Hier ist das Leben sehr einsam und wir sprechen immer noch kein Deutsch. Ich finde, wir sind Vietnamesen geblieben."

Zitat Tam Mai in 'Mein Vietnam'

Jeder Mensch hat eine Daseinsberechtigung, egal welche Geschichte er hat

Der Film "Mein Vietnam", der kürzlich auf dem Filmfestival "Max Ophüls Preis" Premiere feierte, führt dem Zuschauer vor Augen, wie viel Mut und Kraft es braucht, um sich eine neue Heimat in der Fremde zu schaffen - und dass das trotz aller Anstrengung nicht immer gelingt. Dabei zeigt der Film am Beispiel von Bay und Tam die vielfältigen Facetten von Migration und Integration.

"Es gibt viele Gründe, warum man woanders hingegangen ist und dass es nicht schwarz/weiß ist, wie es zu laufen hat. Jeder hat quasi 'ne Daseinsberechtigung und sollte nicht unsichtbar sein."

Hien Mai, Regisseurin von 'Mein Vietnam'

Trotz des ernsten Themas ist "Mein Vietnam" voller Lebensfreude und macht bewusst: Heimat ist mehr als nur ein Ort. Für manche bedeutet Heimat an der Seite der Menschen zu sein, die man liebt.


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