BR Fernsehen - puzzle


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Dokumentarfilm "Heimat sucht Seele"

Saher Ayyash war jahrelang in Gedanken bei Frau und Kindern. In der syrischen Heimat. Im Krieg. 2018 bekam er Asyl. Seine Familie durfte trotzdem nicht kommen. Seine Frau blieb alleine. Seine Söhne wurden älter und Saher wartete weiter.

Von: Andreas Krieger

Stand: 25.04.2021

"Ich habe Saher kennengelernt, weil er in mein altes, leerstehendes Kinderzimmer eingezogen ist", sagt die Regisseurin Hille Norden, die über Saher Ayyash und seine Familie den Dokumentarfilm "Heimat sucht Seele" gedreht hat, der nun in der Online-Ausgabe des "DOK.fest München" gezeigt wird. "Saher hat einige Zeit lang als Kirchenasylant in unserer Gemeinde gelebt. Und da hat meine Mutter ihn kennengelernt. Er ist dann ein Teil von unserer Familie geworden. Und die Freundschaft, die sich mit Saher entwickelt hat, war immer geprägt von dem Warten und Hoffen, dass seine Familie bald ankommt."

Hille Norden hat schon mit 18 einen Dokumentarfilm über zwei Geflüchtete gedreht. Diesmal wollte sie die Aufnahmen so direkt wie möglich, filmte mit ihrer Kamera einfach los. Vier Jahre hat Saher Ayyash seine Liebsten nicht gesehen. Der Film macht dort weiter, wo andere Filme enden, beim vorläufigen Happy End. Saher ist wieder mit seiner Familie zusammen. Aber was passiert dann?

Hille verbringt viel Zeit mit Sahers Familie. Die Kamera läuft nebenbei mit. Am Anfang merkt man kaum, wie belastet die Kinder sind. Sie haben vier Jahre länger den Krieg erlebt als ihr Vater. "Einmal wurde ein Kind auf der Straße getötet, weil es dort gespielt hat", erzählt Sahers Sohn. "Wurde es erschlagen?", will der Vater wissen. "Nein, es wurde erschossen." - "Wirklich?" - "Ja." - "Stimmt das?" - "Ja, war letztes Jahr. Als einmal bei uns auf der Straße ein Kind gerade gespielt hat, kam ein Mann und hat ihm sein Auge eingeschlagen." - "Wer hat das Kind geschlagen?" - "Ein Mann, den wir nicht kannten."

"Du kannst den Krieg nicht wegmachen aus deinem Leben", sagt Hille Norden. "Hast du ihn erlebt oder hat er dich vertrieben aus deinem Land? Hat er dich entwurzelt? Der bleibt doch, auch wenn du hier in Deutschland bist. Und hier in Deutschland sollst du dann so tun, als wäre jetzt alles super. Aber das, was das mit deiner Seele gemacht hat, das bleibt doch und das muss auch integriert werden. Also eigentlich findet eine doppelte Integrationsleistung oder ein doppelter Integrationsprozess statt in dem Sinne: Das eine ist das Ankommen hier in Deutschland. Das andere ist die Aufgabe, diese Erlebnisse, die diese Leute nicht selber verschuldet haben, zu integrieren in ihr eigenes Selbstverständnis, und ihnen zu helfen, anzuerkennen, dass es sie gemacht hat zu den Menschen, die sie jetzt sind."

Nach der langen Trennung hat auch das Paar unterschiedliche Bedürfnisse der Vergangenheit zu begegnen. "Ich bin dieser Familie sehr dankbar, dass ich sie ein Jahr lang begleiten durfte und dass sie ihre Herzen und ihr Haus für mich aufgeschlossen haben", sagt Hille Norden. "Vor allen Dingen nach so vielen Jahren in einer Umgebung, in der man von Menschen sowieso nur das Schlechteste erwartet, zu sagen: 'Ja, natürlich, die 20-jährige Filmemacherin, die ich nicht kenne, oder deren Sprache ich nicht spreche, die soll die Kamera anmachen und eine Doku daraus machen. Super Idee.' Das finde ich wahnsinnig."

Die Familie wächst wieder zusammen. Langsam. Der Film zeigt sehr sensibel das Zusammenfindenmüssen, den Schmerz. "Wir sind glücklich", sagt Saher Ayyash. "Wir leben hier, aber es fehlt uns etwas. Unser Leben ist gebrochen. Vier Jahre haben wir auseinandergelebt, meine Familie und ich. Und unsere Heimat ist zerstört."

Weiterführende Informationen

"Heimat sucht Seele"
Regie Hille Norden
DOK.fest München @home
05.-23.05.2021


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