BR Fernsehen - puzzle


5

Dokumentarfilm "Global Family"

Captan Shaash war eine über die Grenzen hinaus bekannte Persönlichkeit. Der blutige Bürgerkrieg Somalias aber zwang ihn 1990 zu fliehen. Nicht nur ihn, sondern seine gesamte Familie. Und diese ist nun über die ganze Welt verteilt.

Von: Michaela Wilhelm-Fischer

Stand: 25.06.2018

Captan Shaash hatte Glück. Er fand in Deutschland ein Zuhause und mit ihm seine Töchter und Enkelkinder. Ein anderer Teil der Familie ist in Kanada, ein Bruder versucht sein Glück in Italien. Was sie alle eint, ist der Traum vom Ankommen. Ein Traum vom Anderswo.

Und dann steht die Familie vor einem riesigen Problem: Die über alles geliebte Großmutter ist fast 90 Jahre alt und harrt seit 30 Jahren mit dem jüngsten Bruder im äthiopischen Exil aus. Sie wird älter und älter, braucht Pflege und kann nicht mehr in Äthiopien bleiben. Diesen so schwierigen, so aussichtslosen Moment einer in der Welt zersprengten Familie haben die Filmemacher Melanie Andernach und Andreas Köhler in ihrem Dokumentarfilm "Global Family" eingefangen.

"Die Geschichte geht der Frage nach, was mit der Ältesten in der Familie passiert, wenn sie krank wird und wenn sie nicht mehr zu Hause leben kann. Und das ist eine Frage, die jeder von uns kennt und mit einem Mal bekommt das Ganze aber eine globale Ausrichtung. Weil es eine Familie ist, die auf der Welt verteilt ist. Aufgrund eines Konfliktes. Weil sie Flüchtlinge sind."

Melanie Andernach, Regisseurin

Das "Was wäre, wenn" der Geschichte

Die Tochter von Captan Shaash, Yasmin, ebenso wie seine Enkelkinder, kennen nur Deutschland als ihre Heimat. Vor allem die jüngste Generation; die Kinder haben ein heimatliches Selbstverständnis in Bonn. Yasmin träumt sich dennoch gerne in das "Was wäre, wenn" ihrer Geschichte. Schließlich wären sie ohne den Krieg in Somalia die "Töchter Beckenbauers", sie wären Elite. High Society. Hier sind sie die "Scheiß Ausländer". Yasmin und ihre Kinder überlebten nur knapp einen Brandanschlag. Die Kinder haben so starke Verbrennungen davongetragen, dass die seelischen und körperlichen Wunden sowie medizinische Therapien zu ihrem und Yasmins Alltag gehören.

Abenteuerreise

Kann die Familie je wieder zusammen sein? Hat die Großmutter eine Chance auf Asyl in Deutschland? Und: Will sie das überhaupt? Um sich ein Bild der Lage zu machen, begeben sich die Shaashs auf eine abenteuerliche Reise - und die jüngere Generation entdeckt dabei auch, dass sie längst deutscher sind als gedacht. Die Verwandten genießen das Wiedersehen - nach 30 Jahren hat man sich aber auch voneinander entfernt. Und trotz eines gewissen Galgenhumors: Es wird immer klarer, dass nichts mehr klar ist.

"Man sieht es auch an den verschiedenen Generationen, dass sie ja alle wirklich von etwas träumten, was nicht in ihrer Nähe ist. Die Großmutter in Äthiopien hat immer von diesem Europa geträumt, was ihr alle Sorgen nimmt, was ja ein sehr idealisierter Blick ist, aber sie weiß, da könnte es ihr besser gehen. Captan Shaash träumt wieder genau umgekehrt. Der ist jetzt hier, hat aber seine glorreiche Zeit in der Vergangenheit in Afrika gehabt. Das war schon schmerzhaft zu sehen, dass vor allem die älteren Generationen nicht im Hier und Jetzt versuchen Fuß zu fassen, sondern immer in so einem Traum gefangen sind."

Andreas Köhler, Regisseur und Kameramann

Wie bleibt man eine Familie?

Als ältester Sohn ist es Captan Shaashs Aufgabe, wichtige Entscheidungen zu treffen. Aber das klassische Konzept von Familie - die Flucht hat es verändert.

"Leben tun sie eigentlich schon noch diesen romantischen Begriff von: wir sind ja blutsverwandt. Allerdings ist es so, wie die Situation sich für sie ergeben hat, ist die Familie für sie auch so ein Überlebensventil, ein eigenes Sozialsystem, wo man nicht wieder rauskommt."

Andreas Köhler

Der Dokumentarfilm "Global Family" erzählt viel mehr eine Familien- als eine Flüchtlingsgeschichte. Dabei gibt er seinen Zuschauern den Einblick in eine Welt, die immer näher zusammenwächst und genau dadurch die gewaltige Kraft hat, auch auseinanderzureißen.

"Das ist kein Film, der eine Lösung bietet. Es ist kein Film, der sagt 'So müssen wir das Asylproblem lösen', sondern der einfach vielleicht einen Moment nachvollziehbar macht, was da für Schicksale sind, was da für Menschen sind und worum es eigentlich geht."

Melanie Andernach, Regisseurin

So gelingt Melanie Andernach und Andreas Köhler ein zartes und scharf beobachtetes Familienporträt. Eine Geschichte, die so viel Kleines und Dazwischenliegendes zeigt, und ganz nebenbei vom großen Ganzen erzählt.

Weiterführende Informationen

Ab 28. Juni 2018 im Kino

www.globalfamily-film.de

Ab 26.6. in München: Studio Isabella
Am 15./16./17.7. in Erlangen: Lamm-Lichtspiele


5