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Gesellschaftsprojekt Mit dem "DemokratieBus" durch Bayern

Einen Tag lang begleitet Moderatorin Özlem Sarikaya ein ganz besonderes Projekt: den DemokratieBus. Dieser Bus fährt einmal quer durch Bayern und kommt mit den Menschen ins Gespräch. Wie wichtig ist Demokratie heute? Ist sie vielleicht sogar gefährdet?

Von: Andreas Krieger

Stand: 24.07.2018

Der Martin-Luther-Platz in Augsburg um halb elf. Demokratie auf Rädern. Der Berliner Shai Hoffmann ist Sozialunternehmer und hat sich das mit Freunden ausgedacht. Sieben Städte in sieben Tagen. Und davon ein Videotagebuch für die Welt.

"Grüß dich, Augsburg", moderiert Shai Hoffmann in die Kamera seines Videoteams. "Wir sind heute hier in der bunten Stadt und finden, dass die Demokratie ganz schön unter Beschuss geraten ist."  

Echokammer. Echte Welt?

Eine Tour durch Bayern, um auch Menschen außerhalb der eigenen Filterblase zuzuhören und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Shai Hoffmann kam vor der jüngsten Bundestagswahl die Idee mit einem "Bus der Begegnungen". Wie denken die Menschen da draußen – offline, in der Alltagswelt?

"Der Demokratiebus versteht sich als Plattform. Wir stellen uns auf Marktplätze, machen die Luken und Türen auf, schieben Tische und Stühle raus und möchten den lokalen Initivativen vor Ort, die pro-demokratische Arbeit leisten, die Möglichkeit geben, in den Austausch zu kommen mit Mitbürgerinnen und Mitbürgern."

Shai Hoffmann

"Mit welchem Ziel, was ist die Intention dahinter?", fragt Özlem Sarikaya.

"Mir ist es immer wichtig, dass die analogen Räume, die wir hier schaffen, auch wieder zurückgespiegelt werden in die sozialen Netzwerke, in denen bekanntlich extrem viel Hass kursiert. Und dadurch, dass wir hier Videotagebücher drehen, möchten wir einen Gegenentwurf zurückschicken in die Online-Welt, in die Online-Blase und zeigen: 'Guckt mal, hier gibt es ganz viele lokale Initiativen, die tolle Arbeit machen und die immer noch Demokratieverfechter sind.'"

Shai Hoffmann

Jeder Tag, jede Stadt bekommt einen eigenen kurzen Film. Shai Hoffmann und Regisseur Christian Fischer schneiden das Videotagebuch direkt im Bus. Finanziert werden die Clips per Crowdfunding.

Bedingungsloses Zuhören

Ein Passant in Altdorf bei Nürnberg findet harte Worte: "Wir haben die Diktaktur gehabt und ich meine, das war gar nicht schlecht. Da hat zumindest eine deutsche Frau nachts auf die Straße gekonnt. Was sie heute nicht mehr kann - wegen der Demokratie. Wo sollen wir die Leute unterbringen, die zu uns kommen? Das haben wir doch schon mal gehabt. Was von der früheren DDR rübergekommen ist. Das sind Deutsche. Und das ist ein Gschwerlzeug."

Anfangs sei es für ihn wahnsinnig schwer gewesen, sagt Shai Hoffmann, solche  Argumente, diesen Hass oder diese Wut, die viele Menschen in sich tragen, nicht persönlich zu nehmen.

"Wir hören erst mal bedingungslos zu. Und am Ende positionieren wir uns auch ganz klar dagegen und sagen: 'Du hast das jetzt geäußert. Aber ich sehe es anders.'"

Shai Hoffmann

In Augsburg gibt es ein Platzkonzert für die Demokratie. Die Trommelgruppe aus dem Grandhotel Cosmopolis lockt die Leute an. Der Bus fährt immer ins Herz einer Stadt. Sichtbar sein. Reden. Spielen. Kleine Road-Movies aus Deutschland - für alle.

Von Wut. Und dem Mut, sich aufeinander einzulassen

Was war für Shai Hoffmann der emotionalste Moment auf einer seiner Touren?

"Ich hatte eine Begegnung in Chemnitz mit einem besorgten Bürger, der vor Kurzem seinen Job verloren hatte und kurz vor der Bundestagswahl Angela Merkel dafür verantwortlich gemacht hat. Wir haben uns zweieinhalb Stunden unterhalten und irgendwie hat er mich mal gefragt: 'Sag mal, jetzt habe ich so viel von mir erzählt. Wer bist du eigentlich?' Und dann habe ich ihm erzählt, dass ich das Enkelkind von Holocaust-Überlebenden bin und dass mir unter anderem Aussagen von gewissen Politikern zu einem Mahnmal in Berlin, das als Schandmal bezeichnet wird, große Sorgen machen. Und dass ich Angst habe vor der Zukunft. Und dann passierte etwas Magisches. Er drehte sich zu mir und verstand wohl auf einmal, dass ich  jüdisch bin, und nahm mich in den Arm und sagte mir: 'Wenn ich dich einen Tag früher getroffen hätte, dann hätte ich mein Wahlbriefkreuz woanders gesetzt.'"

Shai Hoffmann

Die Videotagebücher zeigen, dass die Leute sehr unterschiedlich auf das Wort "Demokratie" reagieren. "So wie das jetzt ist, ist das Vertrauen total weg. Ich gehe zu keiner Wahl mehr", sagt ein älterer Herr. "Das hat der Hilter so gemacht, dass der die Renten für die Rüstung verwendet hat. Und die verwenden das jetzt halt für andere Zwecke." Ein anderer hält die Redefreiheit hoch: "Wenn man mal Länder kennengelernt hat, wo man nicht alles sagen darf: Hier kann ich alles sagen. Und das ist doch das höchste Gut, dass man wirklich machen kann, was man will, solange es den anderen nicht stört."

Begegnungen, das ist das Wichtigste

"Wir laden Menschen zum Sprechen mit uns ein. Auf einen Kaffee. Und irgendwann saßen wir in der Stadt an diesem Tisch und ich sehe mich um, wer so an dem Tisch sitzt. Und da sitzen eine Universitätsmitarbeiterin, ein Geflüchteter, ein Obdachloser und ein Deutscher. Ich denke mir, hätten wir den Moment gerade nicht kreiert, diesen Tisch vor diesem Bus, dann wären die in ihrem ganzen Leben nicht zusammengekommen."

Shai Hoffmann

Auch die jungen Generationen assoziieren sehr unterschiedlich zum Thema "Demokratie" - das macht die Videotagebücher so interessant. "In meiner Generation ist es zum Beispiel so, dass sie nie eine Diktatur erlebt hat. Dass Demokratie was Selbstverständliches ist und da sollten wir uns nicht darauf ausruhen. Wir sollten immer wieder dafür eintreten", sagt ein junger Mann. Und eine junge Frau ist enttäuscht: "Ich fühle mich auf jeden Fall nicht repräsentiert, ehrlich gesagt, also nicht sonderlich demokratisch."

Mehr vom "Wir", bitte!

"Meine Botschaft ist es, dass wir versuchen, bei jedem Menschen seine Einzigartigkeit wahrzunehmen. Mir fehlt so ein 'wir'. Es ist mehr so ein 'ihr' geworden. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder so ein Narrativ kreieren, in dem wir alle mit eingeschlossen sind. Du als Türkin, Deutschtürkin, ich als Jude, als Deutschjude und ganz viele andere Menschen."

Shai Hoffmann

Der Bus ist eine Einladung - zum Redendürfen, für eine neue Diskurskultur. Im September fährt und sendet er wieder.

Weiterführende Informationen

Im Zeitraum vom 15. bis 22. September rollt der DemokratieBus wieder durch Bayern

15.9. Selb zur Langen Nacht der Demokratie
16.9. Münchberg
17.9. Ansbach
18.9. Pegnitz
19.9. Fürth
20.9. Nürnberg
21.9. Bamberg
22.9. Erlangen

https://www.startnext.com/demokratiebus


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