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Buch von David Mayonga "Ein Neger darf nicht neben mir sitzen"

Wie absurd Rassismus ist, zeigt sich daran, dass selbst ein Deutscher, der in München geboren ist und tiefstes Bayrisch spricht, seit seiner Kindheit immer wieder schmerzhafte Ausgrenzungen erlebt. Nur, weil er dunkler ist ...

Von: Andreas Krieger

Stand: 26.03.2019

David Mayonga alias Roger Rekless arbeitet als Musiker, Moderator und Pädagoge. Er hat lange darunter gelitten, dass andere die Deutungshoheit über ihn übernommen haben. Nun hat Mayonga ein sehr persönliches und beeindruckendes Buch geschrieben. Darüber, wie sich Rassismus anfühlt, und was man dagegen tun kann.

"Ja, i hob mer denkt, der Rekless g’kehrt goa ned dazua. / Hochdeutsch rappt der normalerweis / I woas gwiss das de des duad. / I red nur boarisch mit da Mom, ja / und mit der Squad samma zamm, ja. / Also is fast wie dahoam / den Schwamm bin i gwohnt / Afro Bavaria."

aus dem Song „Bavarian Squad“

Roger Rekless ist der Denker und Poet unter den Münchner Rappern. Auf der Bühne: eine Wucht. Ein "Brackl", wie die Bayern sagen. In der Begegnung aber ein herzlicher, feinsinniger Mensch. Als wäre sanft die Steigerung von stark.

"Was am besten ist, weiß ich nicht. / Ich versuche Gutes zu tun, auch wenn es nicht immer das Leichte ist."

aus dem Song „Was bin ich für dich?“

Dieses Buch heißt "Ein N... darf nicht neben mir sitzen". Özlem Sarikaya spricht das Wort bewusst nicht aus, weil es ihr unangenehm ist. Warum hat David Mayonga das N-Wort mit in den Titel genommen? "Genau deswegen", sagt David Mayonga. "Weil es weh tut. Und weil diese Geschichte weh tut. Wenn jemand sensibel ist, wie du zum Beispiel oder ich auch, dann schmerzt dieses Wort. Indem ich das so nenne, baue ich sofort eine Situation auf zwischen dem Buch und dem Betrachter."

Woher stammt dieses Zitat?

"Das war das erste Mal, dass ich überhaupt bemerkt habe, dass ich anders bin. Das war mein erster Tag im Kindergarten. Wir mussten uns hinsetzen in einen Stuhlkreis. Da wollte ich mich auf einen freien Platz setzen, aber dann hat der Junge, der neben diesem freien Platz saß, beide Hände auf den Platz gelegt und hat mich angeschaut und hat gesagt: 'Ein Neger darf nicht neben mir sitzen.' Ich war total baff: 'Ja, neben mir auch nicht', sagte ich. 'Ja, wo ist er, der Neger?' Weil ich das ja noch nie gehört hatte und gar nicht wusste, dass ich das sein sollte. Ich war drei Jahre oder so. Dann schaut der mich an und sagt: 'Du bist der Neger!'"

David Mayonga

Auch in der Grundschule war David Mayonga dann mit Vorurteilen konfrontiert

"In der Grundschule ist mir eine Situation am meisten hängen geblieben. Ich hatte einen Bekannten, den Martin. Der trug eine Brille und dem wurde die Brille in der Pause von der Nase geschlagen. Und jetzt muss man sich das so vorstellen: Ich bin in einem relativ kleinen Ort großgeworden, als einziger meiner Art, und wurde sehr schnell ausgemacht. Das heißt, wenn auf dem Schulhof irgendetwas passiert ist und ich war in der Nähe, dann war ich meist der Schuldige, weil man mich halt am leichtesten hat ausfindig machen können. Wenn man da einfach schnell über eine Gruppe Kinder blickt, stellt man fest: 'Also, der Mayonga war auf jeden Fall mit dabei. Den habe ich gesehen.' Und bei dieser Geschichte, als dem Martin die Brille von der Nase geschlagen wurde, da war ich nicht mal in der Nähe. Aber es hat anscheinend irgendjemand gesagt, ich wäre das gewesen. Und dann gehe ich nach der Pause in das Schulhaus und vor mir - als sechsjähriger Junge - stehen zwei Erwachsene, meine Klassenlehrerin und der Direktor, und schreien mich an: 'In jeder Pause gibt es irgendwas mit dir.' Und brüllen auf mich ein. Und neben mir steht der Martin, dem das passiert ist, der die ganze Zeit sagt: 'Das war nicht der David. Das war der nicht.' Aber die hören das nicht. Die schreien mich weiter an. Ich heule. Der Martin schreit und versucht die Situation zu ändern. Ich war also mit diesem absoluten Gefühl der Ohnmacht in der Schule."

David Mayonga

Was macht das mit einem Kind?

"Es hat mich immer wieder zu der Frage gebracht: 'Wer bin ich?' Ich habe dann Strategien entwickelt, wie ich zum Beispiel anders auf Menschen wirken kann. Ich habe lange anders gesprochen. Ich habe eine viel höhere Stimme gehabt, als ich eigentlich habe, nur damit die Leute weniger Angst haben. Oder manche Schwarze, die groß sind, machen sich kleiner, damit sie nicht so überlegen wirken. Was diese ständige Ausgrenzung mit einem macht, ist, dass man versucht, sich in dieser Position zu arrangieren und sich selbst zu finden, um in die Gesellschaft reinzupassen."

David Mayonga

"Ich bin ein Sohn, ein Bruder, ein Vater. / Wenn die Zeit reif ist und bis dahin ein Partner. / Ein Mann. Ein Akademiker. Ein Musiker. / Ich hab' die Welt erlebt und ich hab' etwas dazu gesagt."

aus dem Song „Was bin ich für dich?“

Seine Mutter ist eine weiße Deutsche, sein Vater ein Schwarzer aus dem Kongo, die beide in Markt Schwaben gelebt haben. Sein Vater galt in Markt Schwaben als "Schwarze Perle". "Also, erst galt er als Afrikaner", sagt David Mayonga. "Als er meine Mutter geheiratet hat, hieß es: 'Die Fleischerin, die hat jetzt einen Neger.' Und dann hat er Fußball gespielt im FC Falke Markt Schwaben, und zwar wahnsinnig gut. Mit ihm ist der Aufstieg gelungen. Und ab da war er die 'Schwarze Perle'. Auf einmal war er nicht mehr 'der Afrikaner', der 'Neger'. Er war die 'Schwarze Perle'. Was immer noch ein Rassismus ist, weil es eine Reduzierung ist auf seine Hautfarbe. Das war aber von den Leuten eher positiv besetzt."

"Wer bin ich und wer will ich sein. / Wie will ich reimen? / Wie will ich schreiben? / Und wie steig ich ein? / Am besten steig ich wieder aus. / Ich habe keine Lieder drauf und schreib vom Herzen / schreib vom Bauch. / Mein Verstand ist zu langsam, mir gehen die Scherze noch nicht aus. / Ich habe eine Knarre und ich dachte: Ich knips die Lichter aus. / Fuck drauf, was du sagst. / Fake auch wie du denkst. / Weil du mich nicht kennst. / Und mich nichts mehr drängt."

aus dem Song „X“

"Wenn mich jemand beim ersten Aufeinandertreffen fragt, wo ich herkomme, dann sage ich: aus Markt Schwaben. Weil ich weiß, was die Frage will. 'So, bist du zufrieden oder nicht?' Und wenn der Mensch nicht zufrieden ist, dann sage ich noch dazu: 'Ich bin in München geboren. In der Maistraße.' Das sage ich dann immer noch dazu. Das ist am Sendlinger Tor. Aber dann will es der Fragende immer noch nicht verstehen: 'Nein, ich meine so ... so wirklich?' Und dann sage ich: 'Was willst du denn?' - 'Ja, wo deine Eltern herkommen.' - 'Meine Mama ist in Markt Schwaben geboren. Eine Hausgeburt.' - 'Ja, okay. Und dein Vater?' - 'Der ist aus dem Kongo.' - 'Aaaah.'"

Ist die Frage nach der Herkunft verkehrt?

"Diese Frage als Eingangsfrage, wenn man sich gerade kennengelernt hat, ist per se doof. Definitiv! Sie ist dann nicht doof, wenn man sich bereits kennengelernt hat und sich das Gespräch gerade um die Eltern dreht. Dann ist das was Anderes. Aber wenn ich jemanden zum allerersten Mal treffe und die Frage stelle: 'Woher kommst du?' - dann ist das eine Sache. Die Antwort anzunehmen ist die andere Sache. Weil, wenn ich die Antwort, die mir der Mensch gibt, nicht annehme und sage: 'Aber du kommst doch nicht wirklich aus Markt Schwaben. Sag' doch mal ehrlich, wo du herkommst.' Ab da bin ich mittendrin im Auschließen des anderen. Und mittendrin im Rassismus."

David Mayonga

"Was bin ich für dich / ein Terrorist, ein Migrant / ein bisschen verrückt, zu sick, wenn ich's bin? / Was bin ich für dich?"

aus dem Song „Was bin ich für dich?“

David Mayonga schreibt in seinem Buch, dass er sich immer wieder gewünscht hat, ein Weißer zu sein.

"Ich weiß noch immer, wie sich das Gefühl anfühlt, dass man sich selbst anguckt und sagt: 'Das will ich alles nicht. Ich will das nicht.' Weil man keine positive Verbindung hat. Weder mit dem Kontinent Afrika, auf den man immer wieder reduziert wird, noch eben mit seiner Hautfarbe. Weil alle Stereotypen, die ich im Fernsehen gesehen habe, sich nicht geändert haben. Das letzte Mal, wo ich weiß sein wollte, war wahrscheinlich kurz bevor ich HipHop kennengelernt habe. Da habe ich zum ersten Mal erkannt, dass es eine Community gibt, auf der anderen Seite der Welt, die all das besingt, was mir widerfährt. In der deutschen Musiklandschaft ging es nicht um alleinerziehende Mütter, nicht um Kids aus dem Hochhaus. Da ging es um Bauernhöfe, Reihenhaussiedlungen. Da war alles heile Welt. Und auf einmal kommt Rapmusik und die reden von den Blocks und 'all the single moms' und ich so: 'Oooh. Das ist meine Geschichte.' Ich habe das verschlungen. Das war als ob die Tür zu einer Welt aufgeht, zu der ich dazugehöre, und in der ich mich nicht verstellen muss, und wo ich ich selbst sein kann. Seitdem habe ich mir nie wieder gewünscht weiß zu sein. Selbst als ich älter geworden bin und Sachen wie Polizeikontrollen angefangen haben. Nie wieder! Nie wieder wollte ich weiß sein."

David Mayonga

"Weißt du denn, wie scheiße das ist / wenn du dich fühlst wie ein X / aber nicht die Lösung der Gleichung besitzt? / Weißt du denn, wie scheiße das ist / wenn du dich fühlst wie ein X / aber nicht die Lösung der Gleichung besitzt."

aus dem Song „X“

Wie war seine letzte Polizeikontrolle, die nicht gewesen wäre, wenn er ein Weißer gewesen wäre?

"Ich war auf dem Weg nach Hause und komme beim Friedensengel in München vorbei. Dort haben sie im Zufallsprinzip die Leute rausgezogen. Eine Polizeikontrolle. Da wurde das Auto vor mir rausgezogen. Kurz gesprochen. Weiter gefahren. Dann kam ich dran. 'Wo kommen wir her?' - Ich so: 'Ich komm' von der Arbeit.' - 'Wo fahren Sie denn hin?' - 'Nach Hause.' Und dann schaut er dann schon so durchs Auto. 'Führerschein. Fahrzeugpapiere.' Dann gebe ich ihm die. Er geht weg. Kommt wieder. 'Wo fahren Sie hin?' - 'Ich fahre nach Hause. Das habe ich Ihnen schon gesagt. Haben Sie die ganzen Fragen dem Fahrer vor mir auch so gestellt?' - 'Wieso?' - 'Weil ich habe das Gefühl, dass Sie das mich fragen, weil ich so aussehe wie ich aussehe.' Da wird der Polizist pampig. 'Also, ich muss Ihnen da überhaupt nichts sagen.' - 'Ja, ok, dann ...' Was soll ich auch sagen?"

David Mayonga

Gibt es denn Chancengleichheit?

"Für Menschen mit Migrationshintergrund gibt es keine Chancengleichheit. Ich würde auch sagen, dass wir da noch lange nicht sind, dass wir die haben werden. Aber wann hat man sie erreicht? Wenn es keine Rolle mehr spielt, welchen Hintergrund ein Mensch hat. Für mich ist der Begriff 'Migrationshintergrund' ganz schwierig. Ich bin nicht migriert und mein Vater ist Bildungsmigrant. Er kam zum Studieren nach Deutschland. Ich habe den Eindruck, dass man früher gesagt hat: 'Ihr seid Ausländer.' Und dann haben sich die sogenannten Ausländer gewehrt: 'Hey, wir sind keine Ausländer. Wir sind hier geboren.' - 'Ja, aber ihr seid nicht deutsch.' - 'Doch, wir sind deutsch. Wir sind hier geboren und aufgewachsen. Wir leben hier unser Leben.' Aber die müssen irgendwas finden, damit sie uns sagen können: 'Ihr gehört nicht dazu.' Und das ist für mich der 'Migrationshintergrund'. Wenn man diese Bezeichnung nicht mehr braucht, wenn sich eine Nation, wenn sich Menschen nicht mehr dadurch definieren, dass sie durch irgendwelche Äußerlichkeiten oder durch völkisches Gengut 'dazugehören', dann kann man auf Chancengleichheit hoffen."

David Mayonga

"Und was am besten ist, weiß ich nicht. / Ich versuche Gutes zu tun, auch wenn es nicht immer ein Leichtes ist. / Ich bin ein Freund, ein Feind, ein vergesslicher Mensch. / Früher Joints, eins, zwei, drei Grasblättchen und Pennen. / Heute Action mein Man. Magister. Promovieren. / Und trotzdem wegen Hautfarbe und Bart im Visier. / Die Karten gebt' ihr und ich spiel das Spiel. / Doch ich bin kein Spieler, ich bleib' real. / Für alle die, die sich freuen, dass es mich gibt."

aus dem Song „Was bin ich für dich?“

Weiterführende Informationen

Buch
"Ein Neger darf nicht neben mir sitzen"
David Mayonga, Nils Frenzel
Verlag Komplett Media

Album
Roger Rekless
"Über die Natur der Dinge" 
Label: Mucke ausm Mietshaus


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