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"Tagasyl" Das Elend der Menschen aus Bulgarien

Auch in München gibt es eine große Gruppe obdachloser Menschen aus Bulgarien. Sie schlafen unter Brücken oder in Parks. Einige von ihnen leben so schon seit über zehn Jahren hier, gehen auf den sogenannten Arbeiterstrich, um als günstige Arbeitskraft etwas zu verdienen.

Von: Andreas Krieger

Stand: 05.06.2018

"Wir müssen wie die Hunde auf der Straße leben", sagen sie von sich selbst. Auch in München gibt es eine große Gruppe obdachloser Menschen aus Bulgarien. Sie schlafen unter den Brücken, in den Parks. Einige von ihnen leben so schon seit zehn Jahren oder länger, gehen auf den sogenannten Arbeiterstrich, wo man sie für die härtesten Arbeiten braucht - für einen Hungerlohn. Menschen aus Bulgarien sind EU-Bürger und haben jedes Recht hier zu sein. Aber haben sie wirklich jedes Recht? Die meisten von ihnen sind Roma. Sie kommen nach Deutschland, weil sie zu Hause hungern. Im Rahmen der Performance "Tagasyl", veranstaltet von der Galerie Kullukcu & Gregorian, nehmen sie uns mit auf einen Rundgang, um auf ihre Lebensumstände hinzuweisen.

Freitag, 18 Uhr. Das Infozentrum der Arbeiterwohlfahrt München. Treffen der Menschen aus Bulgarien. Savas Tetik berät sie, kümmert sich um diese Menschen, die hier kaum mehr haben als das, was sie am Leibe tragen.

"Ich besitze ein Haus und ein Grundstück in Bulgarien. Hätte ich dort Arbeit und Erwerb, würde ich mit meiner Ehefrau dort arbeiten. Nie im Leben würde ich hierher kommen. Nie im Leben würde ich nach München gehen. Sehen Sie, bei uns im Land werden Fremde gut aufgenommen. Hier hingegen werden wir nicht gut behandelt. Niemand hilft uns. Wir leben hier schlimmer als Tiere. Ich will auch wie jeder andere Mensch arbeiten, wohnen, essen, mich waschen. Sehen Sie, ich habe seit 20 Tagen meine Socken nicht gewechselt. Seit 20 Tagen trage ich diese an meinen Füßen."

Stefan Yankov

Manche von ihnen leben seit 15 Jahren in München. Auf der Straße. Sie lassen es sich nicht anmerken, wie müde sie sind. "Warum ich Angst habe auf der Straße", erklärt Penka Angelova. "Im Park gibt es Junkies, die sich spritzen, Drogen nehmen, sich schlägern, uns aggressiv angehen. So ist das."

"Stellen Sie sich mal vor, Menschen, die einen Job haben und den ganzen Tag arbeiten, bis acht Uhr, bis zehn Uhr auf der Baustelle, die dürfen um diese Jahreszeit nicht mehr in der Bayernkaserne schlafen. Sondern müssen auf der Straße schlafen oder im Park oder in einer Garage, oder wenn er das nicht hat, im Auto und das nach harter Arbeit, ohne Wohnung, ohne sich auszuruhen. Am nächsten Tag wieder um sechs Uhr aufstehen und noch mal diesen harten Job machen. Das ist sehr bitter."

Savas Tetik vom AWO-Infozentrum Migration und Arbeit

Die Menschen aus Bulgarien nehmen uns mit auf eine Erkundung durch das Münchner Bahnhofsviertel. In der Schillerstraße werden Berechtigungsscheine für einen Schlafplatz in der Bayernkaserne ausgegeben. Aber nur von November bis April.

"Wir können nicht alleine intim zusammensein. Wie soll das gehen, da draußen auf der Straße? Wie die Hunde? Das geht nicht. Das darf so nicht sein. Wir sollten als Mann und Frau ein eigenes, gemeinsames Zimmer haben. Ich verstehe nicht, warum das so organisiert wurde."

Nevena Arnaudova über die Lebenssituation mit ihrem Mann

Gleich um die Ecke ist der sogenannte Arbeiterstrich. Hier bieten sie ihre Arbeitskraft an - für sechs bis zehn Euro die Stunde. Manchmal werden sie am Ende eines anstrengenden Tages gar nicht bezahlt. Sie sind Ausbeutern schutzlos ausgeliefert. Und werden - nach eigenen Aussagen - oft anlasslos von der Polizei kontrolliert.

"Auf meinem Weg vom Hauptbahnhof hierher werde ich gleich am Anfang von der Polizei kontrolliert. Dann werde ich kurz darauf an der nächsten Ampel nochmals kontrolliert. Wenn ich mich mit einem Freund auf der Straße unterhalte, kommen die Polizisten, lassen mich meine Kleidung ausziehen und kontrollieren mich. Sehen sie mich als einen Menschen, der irgendwie anders ist als sie selbst? Bin ich denn nicht auch ein Mensch wie sie? Das ist doch eine rassistische Diskriminierung!"

Boris Zlatkov

"Im Grunde genommen ist es so, dass die gar keine andere Chance haben als wegzugehen, von dort sie eigentlich herkommen, weil es mit dem EU-Beitritt nicht wirklich besser geworden ist. Im Gegenteil, es ist schlimmer geworden. Es haben viele Firmen, ob sie jetzt aus Deutschland sind oder aus anderen Ländern Westeuropas, die Firmen und Kombinate, die es da noch gab, aufgekauft, haben aber dann nicht die Leute weiter beschäftigt, sondern die Firmen einfach zugemacht."

Karnik Gregorian, Regisseur des Stückes 'Tagasyl'

Das Elend, der Hunger treibt sie nach Deutschland. Sie sind keine illegalen Einwanderer, nein: Sie sind EU-Bürger. Sie haben das Recht, hier zu leben und zu arbeiten. Viele von ihnen haben Familie, Kinder, eine eigene Wohnung in Bulgarien zurückgelassen. Das Wenige, was sie am Tag verdienen, brauchen sie für Essen. Eigener Wohnraum hier: undenkbar. Da die Bayernkaserne Ende April für sie schließt, bleibt nur das Leben als Odachlose. Selbst im Park werden die Schlafplätze knapp.

"Das ist der Ort, an dem ich die letzte Nacht verbracht habe", zeigt uns Angel Damyanov den Platz unter Bäumen im Park. "Ich habe im Regen geschlafen. Bin ich anders als ein deutscher Staatsbürger? Ich bin EU-Bürger, ich arbeite und zahle meine Steuern hier. Ist das in Ordnung, dass ich hier schlafen muss? Bin ich ein Tier? Ein Ochse? Was bin ich? Das soll mir die Kanzlerin bitte beantworten! Angela Merkel, sie soll mir antworten!"

"Ich hoffe, dass die Leute bei der Bayernkaserne durch diese Aktion aufwachen und dieses Elend und das Leid dieser Menschen sehen, hier uns in dieser reichen Stadt. Die Bayernkaserne sollte ganzjährig offen sein. Das Schlimmste daran ist, dass dieses Gebäude in der Zeit, wo es geschlossen ist, leer steht. Es würden ja Betten für diese Menschen da sein, die stehen ja da. Die sind einfach nur leer. Man lässt sie nur einfach nicht rein."

Angel Damyanov

Unter der Reichenbachbrücke. Eine klare Frühlingsnacht. Aber selbst mit Jacke: kalt. Neulich wurde ihr Lager von Unbekannten angezündet. Während sie dort schliefen. "Ich habe in dieser Nacht in der zweiten Reihe gelegen", erinnert sich Georgi Lazarov. "Ich war von der Arbeit erschöpft. Es brach ein großes Feuer aus. Mein Sohn kam angelaufen mit einem Freund und hat mich genommen und gerettet. Dann kam die Polizei. Alles, was ich hatte, ist verbrannt. Alles verbrannt. Alles ist weg. Danach haben die Polzeibeamten bis zum Morgen auf uns aufgepasst."

Oben: die Touristen und Partygänger. Unten: das perspektivenlose Elend. Sie arbeiten, zahlen Steuern. Und müssen leben wie die Straßenhunde.


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