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Buch "Wir Strebermigranten"

In Deutschland leben rund zwei Millionen Menschen, die aus Polen zugewandert sind oder deren Familie aus Polen stammt. Damit sind Polen nach Türken die zweitgrößte Migrationsgruppe in Deutschland. Das erstaunt viele, denn Polen fallen kaum auf.

Stand: 29.01.2018

Sie scheinen sich perfekt in die deutsche Gesellschaft eingefügt zu haben. Viele Politiker setzen genau das als Ziel. Doch ist so eine Anpassung wünschenswert? Oder führt so eine Anpassung vielmehr zu inneren Konflikten der Menschen, die einen Teil ihrer Identität wegdrücken? Und ist so eine Anpassung nicht auch ein Verlust für die Vielfalt unserer Gesellschaft? Emilia Smechowski stammt aus Polen und hat zu diesem Thema das Buch "Wir Strebermigranten" geschrieben, es ist sehr persönlich und gleichzeitig erkennen viele in Deutschland lebende Polen darin genau ihre Geschichte.

Die Journalistin und Buchautorin Emilia Smechowski und die Fotografin Ania Szkoda sind beide mit ihren Familien als Kinder nach Deutschland emigriert. Dass sie in dem deutsch-polnischen Buchladen "Buchbund" stöbern können, ist etwas Besonderes. Denn Polen waren in Deutschland lange Zeit wie unsichtbar. Viele Eltern haben ihren Kindern verboten, in der Öffentlichkeit laut Polnisch zu sprechen.

"Es gab Kinder, die genauso wie ich vor einem Jahr gekommen sind und auch noch perfektes Polnisch sprachen, aber sie sprachen kein Wort mehr mit mir. Sie haben es quasi komplett verleugnet und abgelegt und es war ihnen peinlich, auf Polnisch mit mir zu sprechen."

Ania Szkoda, Fotografin

"Die alte Sprache wegzuwerfen, das habe ich nicht verstanden als Kind, ich war fünf. Zu Hause haben wir natürlich schon noch polnisch geredet, die erste Zeit jedenfalls. Aber das war dann auch schnell vorbei."

Emilia Smechowski, Buchautorin und Journalistin

Die unsichtbaren Migranten

Von den unsichtbaren Polen erzählt Emilia Smechowski in ihrem Buch "Wir Strebermigranten". Ihre Familie kam kurz vor der Wende aus dem sozialistischen Polen - in dem die Läden leer waren. Erste Station in Deutschland: Asylbewerberheim. In der neuen Heimat erschien ihnen alles bunt und glitzernd. So schnell wie möglich wollten sie aufsteigen, konsumieren, dazugehören. Aus einem Gefühl der Minderwertigkeit kam der unbedingte Wille zum Erfolg: Die Eltern machten als Ärzte Karriere - fuhren bald Audi statt Polski-Fiat, bauten ein Haus, wollten mustergültige Deutsche sein.

"Es macht definitiv etwas mit einem, wenn so ein großer Teil der Persönlichkeit und zwar die ganze Herkunft, wo man her kommt, wo man geprägt wurde, die Sprache, wenn man das wegdrückt. Ich hatte das Gefühl, ich bin eine Schauspielerin und ich mache mich in meinen Augen auch besser, als ich bin. Da gab es schon so einen Werteunterschied zwischen Polen und Deutschland, was ja auch fragwürdig ist."

Emilia Smechowski

Ihre Eltern hatten den Eindruck, sich entscheiden zu müssen, nicht beide Identitäten nebeneinander leben zu können. Diesen Eindruck haben viele Zuwanderer noch heute.

"Es ist immer noch das gängige Paradigma, dass der gute Ausländer am besten unsichtbar ist oder sich so anpasst, dass er quasi irgendwie Deutscher geworden ist."

Emilia Smechowski

Als weiße Katholiken konnten Polen in Deutschland gut untertauchen. Doch viele Migranten haben alleine durch ihre Hautfarbe gar nicht die Möglichkeit, unsichtbar zu werden. Prof. Wolfgang Kaschuba vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung weiß  um die Folgen, wenn der Versuch der Anpassung vergeblich ist.

"Dort, wo sich dann eben ethnische Gruppen oder auch religiöse Gruppen zurückziehen und sagen, wenn ihr mich nicht so haben wollt, wie ich bin und ich bemühe mich ja, dann gehe ich zurück auf Formen der nicht Angepasstheit. Und das ist natürlich heute in hohem Maße spürbar, etwa bei muslimischen Gruppen, die sagen, wenn meine Religion nicht akzeptiert wird, dann bin ich eben der Muslim, den ihr an die Wand malt, obwohl ich vorher vielleicht gar nicht so religiös war."

Prof. Wolfgang Kaschuba, Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung

Obwohl Polen nach den Türken die zweitgrößte Migrationsgruppe in Deutschland sind, haben sie jetzt erst das Gefühl, sich präsentieren zu können, zum Beispiel im hippen polnischen Street-Food-Laden "Tak Tak".

"Sich zu verstecken tut niemals gut, vor seiner eigenen Identität oder vor dem was war wegzulaufen, kann nicht gut tun. Das liegt schon in der Sache an sich, es ist einfach befreiend und schön sich ehrlich zeigen zu können, ganz wie man ist."

Ania Szkoda, Fotografin

Als Erwachsene will Emilia Smechowski nicht mehr einen Teil von sich verstecken, sie lernt Polnisch, reist öfter nach Polen. Auch ihre Tochter soll zweisprachig aufwachsen. Ihr ist es wichtig, beide Identitäten zu leben. Auch wenn das nicht unbedingt einfacher ist.

"Ich bin jetzt Deutsche und Polin, mit allen Schwierigkeiten, die das mit sich bringt und auch allem Unverständnis, was Polen angeht, was gerade dort passiert. Auch Scham für das eine, für das andere Land, je nachdem. Das ist überhaupt nicht so, dass ich sagen kann, es ist jetzt ein Happy End daraus geworden, es ist einfach echter."

Emilia Smechowski, Buchautorin und Journalistin

Polnisches Design, polnische Plakatkunst ist in letzter Zeit auch in deutschen Städten zu sehen - das Nachbarland wird vertrauter. Emilia Smechowski will jetzt mit ihrer Tochter für ein Jahr in Polen leben und ein Buch über die aktuellen Geschehnisse schreiben. Damit das Nachbarland Polen den Deutschen nicht länger so fremd bleibt.

Buchtipp

"Wir Strebermigranten"
Emilia Smechowski
Hanser Berlin Verlag

Autorin des Filmbeitrags: Kathrina Wysocka


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