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Buch von Mohamed Amjahid "Der weiße Fleck"

Die Debatten der letzten Monate über Rassismus, Black Lives Matter oder Racial Profiling haben einmal mehr die Missstände in diesem Kontext aufgezeigt. "Der weiße Fleck" heißt das neue Buch von Mohamed Amjahid. Es ist eine Anleitung zu antirassistischem Denken.

Von: Andreas Krieger

Stand: 27.03.2021

Rassistisches Denken ist für die weiße Mehrheitsgesellschaft oft unsichtbar. Mohamed Amjahid verweist in seinem Buch auf diese blinden Flecken und gibt 50 Empfehlungen, was man gegen Rassismus tun und was man lassen kann.

Die Auflösung des sogenannten "weißen Flecks" ist Grundlage für eine diverse Gesellschaft, sagt Mohamed Amjahid beim Gespräch im Berliner Kulturzentrum "Oyoun". Rassistische Phänomene, die bislang für die Mehrheitsgesellschaft unsichtbar waren, macht sein Buch klar sichtbar. "Wenn man strukturelle rassistische Probleme in der Gesellschaft anspricht, nehmen das viele weiße Menschen persönlich und sagen: 'Was hast du gegen Deutschland? Du musst ja hier nicht sein. Gehe doch irgendwo anders hin!'", sagt Mohamed Amjahid. "Weil viele Menschen nicht gewohnt sind mit diesen rassistischen Strukturen konfrontiert zu werden."

Wer die Augen vor rassistischen Missständen verschließt, unterwirft sich dem weißen Fleck. Mohamed Amjahid hat eine Anleitung zu antirassistischem Denken geschrieben. 50 Empfehlungen. Die erste Regel: Man sollte als Individuum anerkennen, dass es weiße Privilegien und eine damit verbundene mächtige Struktur gibt. "Die Wissensproduktion hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer sehr eurozentristisch funktioniert. Weiße Wissenschaftler/innen haben mich studiert und Wissen über meinen Körper generiert. Und jetzt ist es halt andersherum. Jetzt blicke ich zurück. Und auch ganz viele andere von Rassismus betroffene Menschen blicken kritisch zurück. Und das ist gut für die Gesellschaft. Dass dieser vermeintliche Außenblick dafür sorgt, dass man sich besser versteht. Der weiße Fleck beschreibt diese Konstellation, dass sich viele weiße Menschen nicht selbst einfach im Spiegel betrachten können. Das übernehme ich für die sogenannte Mehrheitsgesellschaft."

Noch eine Empfehlung: Von Rassismus betroffene Menschen müssen zu oft über ihre eigene Ausgrenzung berichten. Wir können diesen Menschen eine Pause gönnen, wenn wir uns das nötige Wissen selbständig erwerben. Amjahids Verhaltenskodex ist auch eine Entlastung für die Betroffenen.

"Meine Mutter hat mir, als ich ein Jugendlicher war, davon erzählt, wie sie einmal in der S-Bahn von einem mutmaßlichen Neonazi geschlagen worden ist", sagt Mohamed Amjahid. "Sie ist dann zur Polizei gegangen und dort ausgelacht worden. Ihr wurde gesagt: 'Das gehört nun einmal dazu, wenn man als Ausländerin in Deutschland wohnt.' Und solche Geschichten. Damit bin ich aufgewachsen."

Mohamed Amjahid wurde als Kind marokkanischer Einwanderer in Frankfurt am Main geboren. Seine Geschwister und er erfahren schon früh Stigmatisierung. "Wir gingen in einen klassischen Problemkindergarten. Und dann gab es einen Test in der Vorschule. Ich kann mich erinnern, dass ich einen Fisch ausmalen sollte. Und die Lehrerin war mehr als erstaunt, dass ich den Stift halten kann und hat meiner Mutter damals gesagt: 'Wie kann das sein, dass ihr Kind mit fünf Jahren schon einen Stift halten kann?' Weil sie immer davon ausgeht, dass kleine Mohameds das nicht können."

Buch

Mohamed Amjahid
"Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken"
Piper Verlag

Um antirassistisches Denken zu erlernen, hilft es, den eigenen Bildungs-Kanon zu erweitern. Mal etwas anderes lesen als nur die Klassiker der Weißen. Lieber Interesse für das im ersten Moment Unbekannte entwickeln. "Ich hab mal einen Journalistenpreis für meine Texte bekommen. Auf der Bühne hat mir dann jemand von dieser Organisation, die diesen Preis ausgelobt hat, zu meinem Deutsch gratuliert. Dass ich doch so gut Deutsch könne. Das dies doch fein sei. Und das Ganze auf Englisch. Da musste ich wirklich lachen, dass ich für meine Texte ausgezeichnet werde und gleichzeitig ein Lob bekomme, dass ich überhaupt Deutsch kann."

Mohamed Amjahids Anleitung zum antirassistischen Denken ist von großer Klarheit. Kein Privilegierter kann sich jetzt noch herausreden: Das sei viel zu kompliziert. "Achten Sie in Gruppen darauf, dass Sie nicht überproportional viel Redezeit und Raum in Anspruch nehmen. Vor allem weiße Männer tendieren dazu, länger als andere zu sprechen und mit ihren Körpern schlicht mehr Platz einzunehmen als sie brauchen."

Seien Sie eine Verbündete, ein Verbündeter, ist die letzte Empfehlung im Buch. Und zwar ohne Vorbedingungen.


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