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Neues Buch Deniz Utlu: "Gegen Morgen"

In "Gegen Morgen" geht es um die Geschichte einer Freundschaft und ihre Möglichkeiten, um die Tragweiten von Entscheidungen. Wie verhalte ich mich richtig? Und gleichzeitig behandelt Utlu das essentiellste gesellschaftliche Thema unserer Zeit: Kosten und Nutzen. Was kostet etwas, was nützt es uns?

Von: Andreas Krieger

Stand: 23.09.2019

Was kostet etwas, was nützt es uns? Das ist eine zentrale Frage der Volkwirtschaftslehre. Sie steht auch im Zentrum vieler Überlegungen, wenn es um unsere Gesellschaft geht. Selbst wenn es darum geht, Menschen in Not zu helfen, wird oft als erstes gefragt: Was kostet, was nützt es uns? Deniz Utlu hat nun einen Roman geschrieben, der auf den ersten Blick unpolitisch ist. In "Gegen Morgen" geht es um die Geschichte einer Freundschaft und ihre Möglichkeiten, um die Tragweiten von Entscheidungen. Wie verhalte ich mich richtig? Und gleichzeitig behandelt Utlu das essentiellste gesellschaftliche Thema unserer Zeit: Kosten und Nutzen. Was kostet etwas, was nützt es uns?

Raum schaffen: für das Menschliche. Neugierig sein auf das Unbekannte, hilfsbereit zu denen in Not. Sind wir das? Viel zu selten. Der Mensch fordert Klarheit, Regeln!

Deniz Utlu hat Volkswirtschaftslehre studiert - seine Sprache ist präzise, sehr poetisch. In seinem neuen Roman seziert er das kalte Wesen unserer Gesellschaft, der es oft nur um eines geht: Kosten und Nutzen. "Wie solidarisch können wir miteinander sein, wenn wir berechnen, wofür der andere gut ist und wofür er nicht gut ist", sagt Deniz Utlu. "Dann hört ja die Solidarität da auf, wo der Nutzen des anderen aufhört und damit ist aber dann keine Gesellschaft mehr möglich. Wenn wir Menschen auf Kosten und Nutzen reduzieren, dann nehmen wir sie ja als Menschen gar nicht mehr ernst. Dann nehmen wir sie als Menschen gar nicht mehr wahr, sondern nur als Ressourcen."

Die Hauptfigur Kara berechnet die Kosten eines Lebens und fragt, was es ist, das wir aufgeben, um zu werden, was wir sind. Und sind wir denn eigentlich gut? Im Roman werden Formeln zu Poesie. Ein Spiel mit Perspektiven und Sprache. "Es ist eine Beleidigung des Lebens, die Gesellschaft mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu betrachten", sagt Deniz Utlu. "Aber in einer Lebensform, in der wir Sinn suchen über Konsumentscheidungen, Investionsenscheidungen und Selbstoptimierung, ist das am Ende die Form, die wir wählen. Soweit es um Menschen geht, um Liebe, um Freundschaft, um Solidarität, bewege ich mich bereits im Raum des Verrats, wenn ich nach Kosten und Nutzen frage." Aber genau das tun die Menschen heute. Etwas muss "bereichernd" sein, sonst bringt es nichts.

Der Roman "Gegen Morgen" kann auch allegorisch gelesen werden. Die WG steht für Europa, Kumpel Ramon ist der Unbekannte, perspektivlos und allein. Er ist da, wird aber kaum beachtet, er zählt nicht. "Wer wollen wir sein? Und was haben wir aufgegeben, um das sein zu können, was wir sind? Im Grunde genommen stellt das Buch am Ende vielleicht keine andere Frage als die: Was sind wir eigentlich für eine Gesellschaft, wenn wir aufeinander nicht aufpassen, wenn hier Leute untergehen, vom Tisch fallen, nicht repräsentiert werden? Was sagt das über uns aus?"

Kosten und Nutzen. Als immer mehr Geflüchtete nach Deutschland kamen, warnten die einen: Was das kosten wird - Unterkünfte, Bürokratie, Sicherheit! Und die anderen freuten sich: Das wird uns nützen! Willkommene Fachkräfte! Beide Sichtweisen sind: menschenverachtend. "Eine Sinnlücke, die entstanden ist, versuchen wir mit Optimierung zu füllen", sagt Deniz Utlu. "In Deutschland und in Europa ist das die Herangehensweise an politische Fragen. Es ist die Herangehensweise an Beziehungen. An Freundschaften. Es durchzieht mittlerweile für viele Menschen sämtliche Bereiche."

Buch

Deniz Utlu
"Gegen Morgen" 
Suhrkamp

Der Roman erzählt in einer persönlichen Geschichte, was es mit Beziehungen, was es mit unserer Gesellschaft macht, wenn wir immer nur vom Eigennutz angetrieben werden. "Ich glaube, wir in der Gesellschaft, jeder einzelne, in der Politik, in der Bildung, wir alle müssten uns wirklich sehr genau und tief damit auseinandersetzen, welche Rolle wir, jeder Einzelne, in dieser Gesellschaft einnehmen und warum wir diese Rolle einnehmen", sagt Deniz Utlu. "Deshalb muss ich, bevor ich sage, ich möchte eine Gesellschaft, in der sich alle lieben, sagen: Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der zumindest jeder erst einmal sich selbst reflektiert, bevor er anfängt zu berechnen, was der andere ihm wert ist und was der andere ihm bringt oder nicht."

Wie viel Raum bleibt noch für das Leben, nachdem wir das religiöse Versprechen vom ewigen Leben ersetzen durch ein ökonomisches Versprechen von der optimalen Nutzung eines jeden Moments? Welch schöne Provokation wäre es, wieder menschlich zu sein - und nicht zweckorientiert! Ein starkes Stück Literatur.


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