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BookRappers Kluge Texte verpackt in coole Beats

Berlin. Irgendeine Straßenecke. Drei Freunde unterwegs. Corona-Sicherheitsabstand. Der Beat kommt vom Smartphone. Und los geht der Rap. "Saeed. Kannst du den Beat anmachen bitte?" – "Ja klar." – "Bitte. Danke." – "Yeah. Wow." – "Komm schon, Shai. Gib mir, gib mir." Alle drei wippen mit den Köpfen und Shai beginnt zu singen: "Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt. Heimat ist dort, wo es nicht egal ist." – "Nein, nein, nein." – "Ob es mich gibt. Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt." –

Von: Andreas Krieger

Stand: 25.05.2020

"Diese Definition von Heimat ist einfach. Psychologisch betrachtet ist sie auch plausibel. Denn natürlich ist das Verhältnis zu anderen dazu zu gehören für das soziale Menschsein elementar." Yes, das rappen sie. Kompliziert, aber es groovt unglaublich.

"Wenn du ein Buch laut liest, dann ist es anders, als wenn du ein Buch einfach nur leise liest", sagt der Architekt Van Bo Le-Mentzel. "Ich behaupte mal, diese Buchstaben und diese Wörter, die gehen ganz anders in deine Haut, in deine Venen, in deine Knochen rein, als wenn du es nur still vor dich hinliest. Und wenn du es auch noch rappst, wenn du noch mal versuchst dem Text eine Rhythmik zu geben und vielleicht eine Reimstruktur, die es so nicht gibt, dann filterst du den Text noch mal durch deine eigene Persönlichkeit. Und es gibt so Bücher, die mich wahnsinnig inspiriert haben. Und ich würde sehr gerne viele Menschen, die nicht so gerne Bücher lesen, daran teilhaben lassen, an dem Wissen, an den Erkenntnissen, die ich gewonnen habe durch die Lektüre dieser Bücher. So kam die Idee mit den BookRappers. Dann habe ich meine Homies angerufen, meine Kumpels, und habe gefragt, hey, wollen wir nicht mal diese Bücher aufnehmen. So ist BookRappers entstanden."

Die BookRappers wollen andere für Texte begeistern, die für sie prägend und inspirierend sind. Und mit diesen Rap-Versionen auch Menschen erreichen, die nicht gerne lesen, die aber aus den Sätzen auch viel schöpfen können. Die Texte sind klug und kompliziert, aber werden durch das Rappen ganz anders verständlich, gehen nah. Mit ihrem Flow sind sie zugänglicher. Verstandestexte, die direkt in den Körper jagen.

"Wenn man Texte aus dem Buch erstmal liest, dann klingen sie einfach wie geschriebene Texte", sagt Shai Hoffmann, der normalerweise als Sozialunternehmer unterwegs ist. "Wenn man sie anfängt zu singen, ist der erste Impuls erstmal: klingt irgendwie holperig, komisch, weil es vielleicht nicht gereimt ist, aber als Künstler bzw. mit der künstlerischen Freiheit, die man hat, kann man Worte melodisch so aneinanderreihen, dass sie irgendwie wieder so ein Bild ergeben, eine Meta-Ebene oder einfach auch Bilder zeichnen."

Sie rappen auch Harald Welzer und dessen Gesellschaftsutopie für freie Menschen. "Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es dich gibt. Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt."

"Heimat ist kein Ort, kein spezifischer Ort an sich", sagt Van Bo Le-Mentzel. "So was wie: Da, wo die Hügel sind oder wo der Baum ist oder wo das Haus ist oder da, wo die Straße ist oder die Schule oder das Elternhaus oder sonst was. Sondern Heimat ist einfach überall, wo es Menschen gibt, die mich mögen. Denen es auffallen würde, wenn ich weg wäre. Super, ich glaube das ist es."

"Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.", geht der Welzer-Rap weiter. "Was soll daran falsch sein, wenn jemand seine Lebensverhältnisse verbessern möchte. Und dafür sogar bereit ist das Risiko auf sich zu nehmen, alles hinter sich zu lassen und irgendwo hin zu gehen, wo man ihn nicht kennt."

"Heimat ist nicht Deutschland oder nicht Ungarn", sagt Shai Hoffmann. "Es ist vielleicht dort, wo dein Herz verloren geht an eine Person, die du liebst, oder eine Person, die dich liebt und die dich wohl fühlen lässt an dem Ort, an dem du gerade bist. Das dann zu singen und in diesen Gesang wieder ein Stück Heimat zu interpretieren, war total spannend."

Van Bo Le-Mentzel ergänzt: "Man muss dazusagen, dass Texte von Harald Welzer ziemlich schwer zu rappen sind. Das ist eine sehr trockene Sprache. Sehr sachlich und ab und zu ist da ein kleiner Sarkasmus drin oder Humor. Aber der benutzt halt so Wörter wie niederträchtig. Ich kannte das Wort vorher gar nicht so richtig. Wer sagt schon niederträchtig? Er bemüht dann wieder so Sachen wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, was ganz schön ist, weil irgendwie hat man das schon gehört, aber das im richtigen Wortlaut noch mal zu lesen, ist auch schön. Kapitel 13 Absatz 2. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: Jeder hat das Recht jedes Land einschließlich seines eigenen zu verlassen und in sein Land zurückzukehren. Super Satz auch, aber total schwer zu singen."

Und das klingt gerappt ziemlich rund: "Deshalb lautet Artikel 13 Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Jeder hat das Recht, jedes Land einschließlich seines eigenen, seines eigenen. Oh, oh ... zu verlassen. Und in sein Land zurückzukehren."

Tolle Stellen in Büchern entdecken, sich gegenseitig vorlesen, kluge Gedanken teilen wie kleine Geschenke. Etwa von Kübra Gümüşay, einer deutschen Muslima und Bloggerin, die sich selbst mit ihrem Buch eine Stimme gibt. Buch auf und los geht der Rap. "Kübra Gümusay. Sprache und Sein. Hanser Berlin. 2020. In dein Ohr. Boom." – "Why do I write?" – "Cause I have to." – "Why do I write?" – "Cause my voice in all it's dialect has been silent, too too too long. Indem ich schreibe werde ich zur Erzählerin zur Beschreibenden, zur Verfasserin meiner eigenen Geschichte."

"Als ich selbst als Kind kleine Geschichten erfunden habe, sind Asiaten überhaupt nicht vorgekommen", erinnert sich Van Bo Le-Mentzel. "Für mich haben die gar nicht exisitert, obwohl ich selber einer bin. Für mich war das normal weiße Menschen zu sehen. Geschichten von weißen Menschen zu hören. Witze mit weißen Menschen. Sorgen von weißen Menschen. Aber Schwarze tauchten nicht drin auf. Asiaten tauchten nicht drin auf. Araber. Frauen mit Kopftuch tauchten da drin nicht auf. Aber das ist schlimm, eigentlich total traurig, dass ich mich in meiner eigenen Wahrnehmung selbst ausgelöscht habe."

Von Kübra Gümüşay rappen sie diese Zeilen: "Ich bin die Autorin und Autorität meiner eigenen Realität. Doch wie gelingt es einem Menschen so zu sprechen, dass er tatsächlich spricht? So zu schreiben, dass er wird? Wie kann er in einer Sprache existieren, in der er als Sprechender nicht vorgesehen war? Die nicht für ihn gedacht war und gemacht war? Wie spricht er, ohne sich einer Inspektion unterziehen zu lassen? Wie spricht er, ohne sich selbst aus der Perspektive anderer zu beschreiben?"

"Manchmal gibt es in einem Buch so einen Satz, der ist irgendwo, vielleicht sogar nur ein Nebensatz, und dann entpuppt er sich als Perle", sagt Van Bo Le-Mentzel. "Als ein Satz, der so viel Kraft hat, dass er das gesamte Buch tragen könnte. Es könnte auch der Titel sein von dem gesamten Buch. Schaut mal, wie dick das Buch von Welzer ist und irgendwo gibt es diese eine kleine Stelle, wo er schreibt: 'Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.' In Kursiv. Das ist noch nicht mal eine Überschrift oder so, sondern das ist einfach nur irgendso ein Satz, den er reingestreut hat, und ich dachte mir, als ich das gelesen habe: Hey, krass, das könnte so eine Hymne werden."

Das Kleingedruckte, hier wird es groß. Das Beiläufige zum Essentiellen.

"Du bist mir nicht egal.", rappen sie in unsere Kameras. – "Nein, nein, nein." – "Du bist mir nicht egal." – "Und du bist mir auch nicht egal." – "Und der ist mir auch nicht egal." – "Und ihr seid uns natürlich auch nicht egal." – "Denn ihr alle seid Heimat." – "Oh yeah." – "Haben wir gelernt von Harald Welzer. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Peace out."


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