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Chancengleichheit? Bildungsgerechtigkeit in der Corona-Krise

Sich distanzieren: zur Sicherheit aller. Gleichzeitig voll dranbleiben. Dieses Corona-Paradox betrifft auch die Schüler. Viele Lehrer machen tollen Fernunterricht. Aber die beste Lernanweisung kann nicht ankommen, wenn die Kanäle nicht funktionieren.

Von: Andreas Krieger

Stand: 26.05.2020

"In der Corona-Krise sieht man die Schwächen des deutschen Bildungssystems wie unter einem Brennglas", sagt Bildungsforscher Prof. Karim Fereidooni. "Das Schulsystem ist eigentlich darauf angelegt, dass die Eltern ihre Kinder unterstützen und wenn sie das nicht können, weil sie viel arbeiten müssen, weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschen, dann verschärft sich die Bildungsungleichheit."

Die Eltern sind aber nur eine Schnittstelle, sagt Fereidooni. Oft fehlen technische Mittel. Zoom, Jitsi, SchoolFox und was alles zum Einsatz kam. Wie soll das funktionieren, wenn es etwa in der Geflüchteten-Unterbringung noch nicht mal stabiles WLAN gibt? "Bei geflüchteten Schüler/innen ist die Problematik, dass sie wertvolle Bildungszeit verlieren und auch in der Familie häufig die ersten sind, die Deutsch lernen. Es sind die Kinder, die beispielsweise Briefe übersetzen für deren Eltern. Oder sie helfen beim Dolmetschen, wenn es bei Behörden darum geht zu übersetzen und sie geben den Eltern ganz viele Hilfestellungen. Und wenn diese Kinder keinen Zugang mehr haben zum Bildungssystem, dann fallen die hinten zurück."

Schon im normalen Schulalltag vor Corona hatten es diese besonders schwer, erfahren sie doch noch immer Rassismus, institutionellen und durch ihre Kameraden. "Rassismus ist ein Strukturierungsmerkmal unserer Gesellschaft. Überall, wo Menschen zusammenkommen, ist auch Rassismus vorhanden. Im Jahr 2020 ist Deutschland so rassistisch wie noch nie in der Geschichte", sagt Fereidooni. "Ich würde aber auch gleichzeitig sagen: Im Jahr 2020 ist Deutschland so rassismuskritisch wie noch nie in der Geschichte. Wir müssen in Gleichzeitigkeiten denken."

Die Lehrer können sich noch so sehr bemühen. Rassimus ist nur ein Teil der Bildungsungerechtigkeit. Die Abwertung von Menschen mit geringen finanziellen Möglichkeiten spielt auch eine große Rolle. Offensichtlich haben Teile der Gesellschaft gar kein Interesse an Chancengleichheit. "Wenn wir uns Chancengleichheit oder Chancenungleichheit betrachten im deutschen Schulwesen, dann muss konstatiert werden, dass viele Eltern, deren Kinder bildungserfolgreich sind, gar nicht möchten, dass ihre Kinder mit beispielsweise Ali, Mohammed und Kofi in die Schule gehen", sagt Prof. Fereidooni. "Darüber muss man auch reden. Ich habe selber in meiner Zeit als Lehrer einen Satz gehört beim Elternsprechtag von einer Mutter, die hat gesagt: 'Herr Fereidooni, dort, wo Latein gesprochen wird, wird wenig türkisch gesprochen.' Und wir wissen auch, dass viele Eltern, deren Kinder bildungserfolgreich sind, gar nicht diese Durchmischung in den Schulen möchten."

Zum Lockdown, auch in den Schulen, gab es keine Alternative, sagt Fereidooni. Fast alle Probleme im Bildungssystem gab es auch vorher schon. Sie werden jetzt nur intensiver sichtbar. "Manchmal ist es auch so, dass in der Corona-Krise der alltägliche Rassismus, den Schüler/innen erfahren, ausbleibt. So ist die Corona-Krise nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance, dass tagtägliche Rassimuserfahrungen in der Schule, die gemacht werden von Kindern mit sogenanntem Migrationshintergrund, ausbleiben."

Chancengleichheit kann nur erreicht werden, wenn alle Lernenden in der Schule maximal gefördert werden. Die Schule trägt große soziale Verantwortung. Es könnte Entscheidendes geändert werden. "Die frühzeitige Selektion nach Klasse 4 oder 6 sollte aufgehoben werden ", sagt Prof. Fereidooni. "Es sollte viel mehr Geld investiert werden in der Elementar- und Primarphase des deutschen Schulwesens, also im Kindergarten und auch in der Grundschule. Es sollte ein inklusives Schulsystem aufgebaut werden, bei dem es vornehmlich nicht darauf ankommt, aus welchem Elternhaus man kommt, sondern welche Leistung man erbringt. Ja, auch vor Corona war Bildungsgleichheit ein Fremdwort für das deutsche Schulwesen."

Schule vermittelt auch Grundregeln zur gesellschaftlichen Teilhabe. Man lernt nicht nur fürs Leben, man lernt auch für die Gemeinschaft. Wir sind – noch immer: soziale Wesen.


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