BR Fernsehen - puzzle


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Kinostart am 08.11.18 "Back to the Fatherland"

Warum wandern Enkel von Holocaustüberlebenden ausgerechnet nach Deutschland und Österreich aus, um hier zu leben? Und wie reagieren deren Großeltern auf diesen Schritt? Und wie fühlen sich die Enkelkinder? Diesen Fragen folgen die Filmemacherinnen Kat Rohrer und Gil Levanon in ihrem Dokumentarfilm "Back To The Fatherland".

Von: Fatema Mian

Stand: 25.10.2018

Dan ist vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen. "Ich war nicht begeistert", sagt seine Großmutter Lea im Film und fragt: "Warum ausgerechnet Deutschland?" Lea stammt aus Wien und war 14 Jahre, als sie vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Eine Antwort hat Dan darauf keine, außer, dass er sich mit den politischen Verhältnissen in Israel nicht identifizieren kann und deshalb weg wollte. Er kommt nur noch nach Israel auf Besuch.

Guy ist seiner Freundin Kathi nach Salzburg gefolgt. Sein Großvater Uri war 15 Jahre alt, als er aus dem Konzentrationslager Theresienstadt befreit wurde. Er unterstützt seinen Enkel in dessen Entscheidung, auch weil er für ihn bessere berufliche Chancen in Österreich sieht. Uri erinnert sich im Film aber auch: "Juden durften nicht auf Bänken sitzen. Juden durften nicht in Parks sitzen. Nichts war erlaubt, außer zu sterben." Guy hat eine Abmachung mit seiner Freundin, sich in das nächste Flugzeug nach Israel zu setzen, falls er sich wegen der politischen Situation unwohl fühlt.

Als Regisseurin Gil vor laufender Kamera ihrem Großvater Yochanan ankündigt nach Deutschland ziehen zu wollen, versteinert sich sein Gesicht: "Auf gar keinen Fall." Mit dieser Reaktion hat Gil nicht gerechnet und sie bringt sie in einen großen inneren Konflikt: "Es fühlt sich an, als würde ich ihm wehtun, oder als würde ich ihn verraten."

Kat Roher und Gil Levanon dachten zu Beginn ihres Filmes, sie würden spannende Lebensgeschichten erzählen. Und nicht, wie und wie stark die nationalsozialistische Vergangenheit noch auf die dritte Generation wirkt. Kat Rohrer ist Enkelin eines Nazioffiziers und Gil Levanon Enkelin eines Holocaustüberlebenden. Yochanan wurde mit 15 Jahren von seinen Eltern von Deutschland nach Israel geschickt. Er sah sie nie wieder.

"Wenn man sich mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzt, kommt man unweigerlich an einen Punkt, wo man sagt: Steckt das in mir, was hat das mit mir zu tun? Und natürlich fragt man sich, ist das in meinem Blut? Trage ich das mit mir mit? Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen: Nein. Es ist nicht eine Krankheit, die weitergegeben wird. Was wohl weitergegeben wird, ist das Trauma."

Kat Rohrer

Umso berührender sind solche Momente im Film, wie die, wenn die Großeltern ins Deutsche wechseln. Sie genießen es sichtlich, in ihrer alten Muttersprache zu Kat Rohrer zu sprechen und machen gar Späße. Und auch wenn die Enkelkinder die Sprache kaum verstehen, so sind ihnen manche deutsche Gewohnheiten seit Kindesbeinen bekannt.

"Wenn man mit jungen Israelis spricht - und ich kenne das auch von mir - dann fühlt sich das Betreten eines Wiener Kaffeehauses an, als würde man das Haus der eigenen Großmutter betreten. Da ist etwas Vertrautes: die Gläser, die Tassen, der Schinken, der Käse ... Auch wenn das sehr seltsam erscheint: Es fühlt sich sehr nach Zuhause an."

Gil Levanon

Im Laufe des Films "Back To The Fatherland" bittet Dan seine Großmutter Lea nach Wien, in ihre alte Heimatstadt. In ein Land, das ihr so viel Leid angetan hat. Einerseits ist diese Reise eine Überwindung für alle. Andererseits wird sie am Ende Dan, seinen Vater Gidi und seine Großmutter Lea noch näher zusammenbringen.

Diese rührende Liebe zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern und deren Aufbruch, um die Vergangenheit zu beleuchten, wirkt sich auf das ganze Familiengefüge aus. Es ist gut, und es tut gut.

"Ich glaube, dass man zu dem wird, wer man ist, wenn man von der eigenen Familiengeschichte als Ursprung ausgeht, ohne dass diese einen einengt. Wenn Du Dich also mit der Vergangenheit beschäftigst, dann erinnere Dich an Deine persönliche Vergangenheit. Um Deine Familiengeschichte und die Deines Volkes zu verstehen. Aber lass Dich dabei in Deiner Weiterentwicklung nicht aufhalten."

Gil Levanon

Der israelische Berliner Dan findet schließlich eine Antwort, warum er ausgerechnet nach Deutschland ausgewandert ist: "Langsam verstehe ich, dass ich auch deshalb nach Deutschland gezogen bin. Zurück zu meinen Wurzeln. Ich will meine Wurzeln kennenlernen."


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