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Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material"

Vor zwei Jahren taucht im Depot des Museum für Franken ein spektakulärer Fund auf: Kisten mit jüdischen Ritualgegenständen, die schwer beschädigt sind, teilweise bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Es beginnt eine detektivische Recherche nach der Herkunft dieser kostbaren Objekte, die nun im Jüdischen Museum München zu sehen sind.

Von: Fatema Mian

Stand: 26.11.2018

Es sind Zeugnisse jüdischen Lebens in Unterfranken. Bis zur Shoa war Mainfranken der Raum mit den meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland.

"Sieben Kisten mit jüdischem Material" heißt die Ausstellung mit Ritualgegenständen aus sieben jüdischen Gemeinden in Unterfranken. Sie stammen wohl aus sieben Synagogen, aus Arnstein, Ebelsbach, Gochsheim, Heidingsfeld, Miltenberg, Schweinfurt sowie der Werktagssynagoge in Würzburg. Bei Inventarisierungsarbeiten im Museum für Franken werden die Gegenstände nach 80 Jahren entdeckt: Chanukka-Leuchter, Tora-Schmuck, Kiddusch-Becher, Seder-Teller.

"Es war wirklich so, wie ein Puzzlespiel. Als wir so sechs, sieben Stunden zum ersten Mal die Sachen durchgesehen haben, ist mir langsam gedämmert: Es muss etwas sein, was unrechtmäßig in der NS-Zeit geraubt worden ist."

Bernhard Purin, Direktor Jüdisches Museum München

Schnell wird klar, dass diese kunsthistorisch wertvollen Gegenstände wohl während des Novemberpogroms 1938 von der Gestapo beschädigt und beschlagnahmt worden waren und dann im Museum landeten. Dort überlebt diese Raubbeute einen weiteren Angriff, als Würzburg 1945 von den Alliierten bombardiert wird. Spuren von Verbrennungen und Verformungen zeugen davon.

Bei der Zuordnung helfen den Forschern die Inschriften auf den Ritualgegenständen. Außerdem können sie auf die Dokumentation des Kunsthistorikers Theodor Harburger zurückgreifen, der in den Zwanzigerjahren Synagogeninventare fotografiert und schriftlich erfasst hat, im Auftrag vom Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden.

Ein Ausstellungsstück, das sich auf einem alten Foto von Harburger findet und daher zuordnen lässt, ist der Tora-Schrein aus der Würzburger Werktagssynagoge. Ein edler Schrein, gestiftet von der Antiquitätenhändlerfamilie Seligsberger, ein Barockstück aus Holz, um 1700, aus Oberfranken. Er weist Spuren brutaler Beschädigung auf, die wohl während des Novemberpogroms 1938 entstanden, als SA- und SS-Männer voller Hass und Zerstörungswut und mit Äxten bewaffnet in das Anwesen der Israelitischen Kultusgemeinde eindrangen.

Welcher Wert sich hinter den beschädigten Objekten verbirgt, war auch nach den Novemberpogromen Kennern und Fachleuten freilich ersichtlich, sonst wären sie wohl nicht im Museum gelandet. Warum aber verschwanden sie dort und wurden vergessen?

"Ich glaube gar nicht, dass sie so vergessen wurden. Im Mainfränkischen Museum gab es personelle Kontinuität über Jahrzehnte. Der Direktor, der 1947 die Sachen zurückgeben hätte sollen, der war seit 1935 im Haus und war bis 1978 Direktor und hat dann in der Rente 1980/81 einige der Ritualobjekte aus dem Depot geholt und inventarisiert. Also ich kann nicht ganz dran glauben, dass sie vergessen worden sind. Sie sind eher unter der Decke gehalten worden."

Bernhard Purin

Wo es möglich war, haben die Ausstellungsmacher auch die Biografien der Menschen hinter diesen Objekten recherchiert. Sehr viele Lebensgeschichten enden in der Deportation und Vernichtung, dem Tod. Auch davon erzählen diese Objekte. Zum Beispiel die Tora-Aufsätze, die 1906 von der Witwe Ricka Lehmann für die Schweinfurter Synagoge gestiftet wurden. Ihr Sohn Norbert wurde in Riga ermordet. Tochter Emmy wurde ins Getto Izbica deportiert und später für tot erklärt. Nur ihr Sohn Michael überlebte, indem er 1938 mit seiner Familie in die USA emigrieren konnte.

"Was mir dann so bewusst wurde - weil, wenn man im jüdischen Museum arbeitet, man doch immer wieder damit konfrontiert wird, dass die Leute sagen: 'Es muss doch endlich mal Schluss sein mit dem Ganzen.' Aber ich habe mir dann gedacht, wenn 80 Jahre nach der Pogromnacht und 70 Jahre nach Kriegsende solche Objekte in deutschen Museumskellern auftauchen, dann ist das ein klarer Beleg dafür, dass es so schnell nicht Schluss sein kann."

Bernhard Purin, Direktor Jüdisches Museum München

"Sieben Kisten mit jüdischem Material", jahrzehntelang verborgen in einem Depot, haben nun einen leuchtenden, würdevollen Raum bekommen. Die Ausstellung ist auch eine Erinnerung an all die Juden, für die diese Gegenstände bedeutsam und kostbar waren.

Und an 700 Jahre alte Geschichte fränkischen Landjudentums.

Weiterführende Informationen

Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material" im Jüdischen Museum München
Bis 1. Mai 2019

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