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Anatol Stefanowitsch Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Es gibt wenig, über das Menschen so heftig diskutieren können, wie politisch korrekte Sprache. Ist sie dringend nötig, um Menschen nicht permanent zu diskriminieren? Oder erstickt politisch korrekte Sprache spontane Rede und schränkt Meinungsfreiheit ein?

Von: Katharina Wysocka

Stand: 27.04.2020

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist überzeugt, dass wir dringend eine politisch korrekte Sprache brauchen, denn Worten folgen Taten.

Die Morde von Hanau sind nur die letzten einer Reihe von rechtsextrem motivierten Verbrechen.
Vergangenes Jahr ist die Zahl rechtsextrem motivierter Straftaten auf über 22.300 gestiegen, das sind fast 2.000 mehr als im Vorjahr. Dazu zählen Propagandadelikte und Fälle von Volksverhetzung, aber auch Gewalttaten.
Wie kann ein gesellschaftliches Klima entstehen, das solche Taten ermöglicht? Welche Rolle spielt dabei öffentliche Sprache?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Anatol Stefanowitsch. Er sieht den sprachlichen Wendepunkt vor fünf Jahren. Über geflüchtete Menschen wurde als Flüchtlingsstrom, Flüchtlingskrise, Flüchtlingswelle gesprochen; nicht als Individuen, sondern als Masse. Sogar der vorher unvorstellbare Begriff einer Obergrenze schaffte es in die politische Diskussion.

"Seit ungefähr fünf Jahren warnen wir auch davor, was passiert, wenn man auf diese Weise über Menschen spricht und denkt. Und der zunehmende Terror und auch die zunehmende Abstumpfung der Gesellschaft in der Reaktion auf diesen Terror, das sind dann schon Konsequenzen. Es ist eben so, dass dieser Sprachgebrauch, wenn er über lange Zeit aufrecht erhalten wird, wenn es alltäglich wird, über ein bestimmtes Problem auf eine bestimmte Art zu sprechen, dass wir dann abstumpfen gegenüber kleinen Grenzüberschreitungen und aus kleinen Grenzüberschreitungen werden dann immer größere Grenzüberschreitungen, bis wir es eben mit körperlicher Gewalt und Vernichtung zu tun haben."

Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler

Geflüchtete als Wassermassen, Länder als Behälter mit begrenztem Fassungsvermögen - solche Deutungsbilder prägen die öffentliche Wahrnehmung. Sie werden Frames genannt.

"Die Wirkungsweise dieser sprachlichen Frames besteht darin, dass jedes Mal, wenn dieses sprachliche Bild aufgerufen wird, es sozusagen stärker in unserem Denken verankert wird. Und das macht es jedes Mal ein bisschen schwieriger einen alternativen Gedanken dazu zu fassen."

Anatol Stefanowitsch

Was für einen Unterschied macht es zum Beispiel, wenn Geflüchtete als "wertvoller als Gold" oder als "Geschenk" bezeichnet werden. Das haben zwei Politiker getan, doch sie ernteten Unverständnis und Hohn, rechtsradikale haben das Wort "Geschenk" sogar zynisch missbraucht.

Und wenn Hass auf Minderheiten als normal gilt, wird auch Gewalt gegen Minderheiten irgendwie normal.

Entscheidend ist auch, wie über Terrorakte berichtet wird. Nach den Anschlägen von Hanau wurde in der Öffentlichkeit zunächst von einer "fremdenfeindlichen Tat" gesprochen. Diese Wortwahl verschleiert das eigentliche Motiv, macht aus Bürgern dieses Landes Fremde.

"Das ist eine Ideologie, die man eigentlich Rassismus nennt, und die man auch als solche benennen sollte. Denn fremdenfeindlich ist hier ein Euphemismus, das klingt so, als ob mir Dinge, die mir nicht so vertraut sind, eben auch nicht so lieb sind. Darum geht es hier aber nicht. Es geht hier darum, dass Menschen als minderwertig gesehen werden und deshalb als legitimes Ziel für Gewalttaten."

Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler

Dieser Entwicklung müssen wir uns dringend entgegenstellen. Deshalb plädiert Stefanowitsch in seinem Buch "Eine Frage der Moral" für politisch korrekte Sprache, frei nach der goldenen Regel:

"Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle."

"Es geht darum, dass ich mich eigentlich bei meinem Sprachgebrauch dauernd fragen muss, wenn ich von dem Sprachgebrauch, den ich selber gerade verwende, betroffen wäre, wie würde ich mich dabei fühlen. Das heißt, es geht hier nicht um Verbote. Es geht hier nicht um Vorschriften. Es geht hier um die Forderung, mit der Meinungsfreiheit, die wir haben, und die sehr, sehr weitreichend ist bei uns, verantwortungsbewusst umzugehen. Freiheit kann immer nur in Verantwortung gelebt werden und so muss einer Meinungsfreiheit auch eine Meinungsverantwortung zur Seite stehen."

Anatol Stefanowitsch

Gegner politisch korrekter Sprache sehen darin eine Bevormundung, ein Beschneiden ihrer Meinungsfreiheit. Ganz im Gegenteil, meint Stefanowitsch, politisch korrekte Sprache ermögliche manche Meinungsäußerungen überhaupt erst – denn Stimmen von Minderheiten werden hörbar.

"Worum es hier häufig geht, ist nicht, dass Leute das Gefühl haben, sie dürfen ihre Meinung nicht mehr äußern, sondern sie haben eigentlich erkannt, dass sie ihre Meinung nicht mehr unwidersprochen vertreten dürfen und das ist ihnen dann eigentlich schon zu viel. Vor allem weil wir in einer Gesellschaft leben, die immer diverser wird, immer heterogener und in der immer mehr Gruppen, die traditionell überhaupt nichts zu sagen hatten, Teil des öffentlichen Diskurses werden."

Anatol Stefanowitsch

Sprache in der Öffentlichkeit verlangt mehr Nachdenken und ein ständiges Hinterfragen. Und zwar nicht nur von Politikern und Meinungsmachern, sondern von jedem Einzelnen. Schließlich kann heute im Internet jeder eine große Öffentlichkeit erreichen.

Buch

Anatol Stefanowitsch
"Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen"
Dudenverlag

Anatol Stefanowitsch kämpft für eine richtig verstandene Meinungsfreiheit. Und darum, Verantwortung zu übernehmen für das, was man sagt, und wie man es sagt.


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