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Alice Hasters "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen"

Sollte Rassismus auch für jemanden ein Thema sein, der als Weißer tolerant und offen, vernünftig und human ist? Ja, meint Autorin Alice Hasters. Denn Rassismus ist nicht nur das Problem eines Einzelnen oder ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Er geht uns alle an. Er ist strukturell - und das reicht bis 500 Jahre zurück.

Von: Andreas Krieger

Stand: 25.11.2019

Schwarz und deutsch sein. Wie fühlt sich das heute an? Die Berliner Autorin Alice Hasters hat ein Buch darüber geschrieben. Sehr persönlich und sehr präzise recherchiert. "Vielen schwarzen Menschen passiert es, dass Leute einem ungefragt in die Haare fassen", sagt Alice Hasters.

"Oder blöde Sprüche machen über meine Haare, also sagen: Ich sehe aus wie ein Schaf, wie ein Pudel, es würde sich anfühlen wie Stroh oder wie Wolle. Das sind keine netten Sachen, aber irgendwie fühlen sich die Leute trotzdem nicht schlecht, wenn sie mir das einfach so ins Gesicht sagen. Das hat natürlich auch was mit dieser Dynamik zu tun, dass schwarze Menschen als zugänglicher verortet werden und als Objekt, das man  betrachten und betatschen kann. Und auch das hat eine unglaublich rassistische Geschichte. Schwarze Menschen wurden in Europa und Deutschland in Zoos ausgestellt. Weißen Menschen wurde angeboten, schwarze Menschen anzufassen und zu beschnuppern und zu betatschen. Und sie zu behandeln wie Tiere. Und das ist nicht so lange her."

Alice Hasters

Ihr Buch heißt: "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten". Der Titel ist catchy und provokant. Klingt nach einer Handreichung nur für Weiße. Ist es aber nicht. "Weiße Menschen müssen sich halt erst einmal daran gewöhnen, dass auch sie eine Kategorie sind, genauso wie ich. Dass sie weiß sind und ich bin schwarz. Immer noch ist die Haltung so, dass weiße Menschen das Neutrum sind, deren Hautfarbe quasi nicht benannt werden muss. Alle anderen aber müssen benannt werden."

Rassismus ist ein systematisches Problem, das nicht nur am rechten Rand zu finden ist. Die Mehrheit erkennt den unterschwelligen Rassismus oft gar nicht. Wenn Schwarzen bestimmte Charaktereigenschaften oder Fähigkeiten zugeschrieben werden, ist auch das bereits Rassismus.

"Wie werden schwarze Menschen in den Medien repräsentiert? Kommen sie überhaupt vor? Sind sie Expertinnen? Nein, sind sie selten. Sehe ich schwarze Menschen in akademischen Berufen? Nein, sehe ich nicht. Ich sehe sie im Entertainment, in der Unterhaltung und deshalb assoziierte ich mich auch automatisch als Kind dahin und dachte mir, bestimmte Dinge kann ich gar nicht."

Alice Hasters

Ab den Neunzigern galt es als cool schwarz zu sein. Bei denen, die nicht schwarz waren. Hasters wurde schon eingeladen in ein Musikstudio zu kommen und Tracks aufzunehmen, von jemandem, der sie nur gesehen hat. Die Entertainerin, die Rapperin zu spielen, das wird einer schwarzen Frau jederzeit zugetraut. Aber oft nicht viel mehr.

"Dieses Zusprechen von Fähigkeiten, von vermeintlichen Fähigkeiten aufgrund Hautfarbe oder Herkunft oder Religion, nennt man positiven Rassismus, aber das heißt nicht, dass der positive Auswirkungen hat, sondern dass er quasi positiv konnotiert ist. Aber es steckt mich ja immer noch in eine Rolle. Und wenn ich dann als schwarze Person nicht singen kann, aber alle Leute erwarten das von mir, dann komme ich mir defizitär vor, weil ich denke. ich sollte das eigentlich können."

Alice Hasters

Als Jugendliche suchte Hasters zunächst die Fehler bei sich selbst. Die Unterstellung bestimmter Talente ist auch ein Gefängnis und ein Teil des Systems. "250 Jahre gibt es die sogenannte Rassentheorie schon. 500 Jahre gibt es Kolonialisierung und auch davor gab es schon zumindest ein Bewusstsein darüber, was Weiß und Schwarz ist. Dieses Denken hat unsere Gesellschaft so massiv geprägt, hat so wahnsinnige Unterschiede und Realitäten geschaffen, dass man jetzt nicht sagen kann, okay, jetzt haben wir seit ein paar Jahren gemerkt, Rassismus ist doch nicht so cool, wir sehen es einfach nicht mehr. Das hat einfach die Welt zu massiv geprägt, um nicht darüber reden zu können."

Sie freut sich über Menschen, die ihre schwarze Identität verstehen. Gleichzeitig ist sie es leid, dass sie immer in die Bringschuld gebracht wird, dass sie immer das Problem und gleich auch noch die Lösung erklären soll.

"Das, was mich nervt, ist, wenn weiße Menschen sagen: 'Sag mir einfach, was ich tun muss, um Rassismus zu lösen.' Es ist nicht so, als ob ich mir nicht unglaublich viele Gedanken darum machen muss und dass das nicht sehr viel Arbeit ist, da eine Lösung zu finden!"

Alice Hasters

Es gibt kein Patentrezept für eine Gesellschaft frei von Diskrimierung und Vorurteilen. Es geht ihr um Respekt, darum, dass man nicht nur auf Lösungsmodelle wartet. Wir müssen uns alle bewegen!

Buch

Alice Hasters
"Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten" 
Verlag: Hanser Blau


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