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Begegnungsort Africa-Festival in Würzburg

Jetzt im Sommer gibt es wieder überall Afrika-Festivals. Die Herausforderung dabei ist immer die Gratwanderung zwischen authentisch und exotisch. Vielmals haben wir noch einen zu oberflächlichen, mit Klischeebildern bestückten Blick auf den Kontinent.

Von: Andreas Krieger

Stand: 24.06.2019

Das Africa-Festival in Würzburg ist ein Korrektiv und ein Ort, der die Vielfalt Afrikas repräsentiert. Afrikanische Kultur aus Afrika oder auch: made in Germany. Das Programm ist so differenziert und vielfältig wie der Kontinent selbst.

Freitagnachmittag, 28 Grad, ein herrlicher Sommertag. Kaum das Festivalgelände betreten, tanzt uns die Adesa Straßenparade aus Ghana entgegen. Gerade angekommen und schon mittendrin. Nur wenige Augenblicke und schon schwingt die Seele. Das Africa-Festival in Würzburg ist ein besonderer Ort des friedlichen Feierns. Selbstbewusstein. Selbstverständlichkeit. Bis zu 25.000 Besucher pro Tag, hunderte Musiker - und trotzdem wirkt alles familiär. Wie ein Fest unter Freunden.

Sarah Bergh, Münchnerin, moderiert seit vielen Jahren die Musiker an. Ihr Beruf ist, sagt sie: "Vielfaltspädagogin". Ihr großes Thema: Gleichberechtigung.

"Das Festival möchte auch diskutieren, was es bedeutet, mit einem guten Selbstbewusstsein, mit einem guten Selbstverständnis als schwarzer Mensch in Deutschland zu leben. Inzwischen gibt es junge Menschen, die 20 sind und für die es selbstverständlich ist, zwischen dem afrikanischen Kontinent, Brüssel, Paris, Amsterdam, London und nach Amerika weiterzureisen. Insofern glaube ich, dass da inzwischen schon ein starkes Empowerment stattgefunden hat. Es gibt aber auch die Leute, die hierherkommen, um vielleicht einmal im Jahr einen Raum zu haben, an dem die Luft vielleicht ein bisschen besser zu atmen ist, weil der Alltag da draußen sonst sehr harsch und rüde und immer noch nicht gleichberechtigt zugeht."

Sarah Bergh

Die postkolonialen Bilder, sagt Sarah Bergh, die uns anerzogen wurden, sitzen tief. In Schulbüchern wird Afrika oft als eine Art geschichtsloser Kontinent beschrieben. Als hätte es vor dem Kolonialismus nichts gegeben. Umso schöner die Stimmung beim Festival. Hier wird gefeiert. Ohne Schwellenangst.

"Alles, was du rausgibst, kommt zurück." Das ist die Philosophie von Anna und Saliou Cissokho. Die Sängerin aus Hamburg und der Kora-Spieler aus dem Süden Senegals lernten sie sich in Barcelona kennen. Saliou zog zu Anna nach Hamburg. In seiner Familie sind alle Griot. Musiker seit Generationen. "Hier sind verschiedene afrikanische Länder präsentiert", sagt Anna Cissokho. "Man sieht, wie die unterschiedlichen Länder repräsentiert werden. Und das korrigiert dieses Klischee, das bei vielen im Kopf ist: ein Afrika, ein Land. Hier sieht man, das ist ein ganzer Kontinent mit verschiedenen unterschiedlichen Kulturen."

Was ist diese Besonderheit seines Instruments, möchten wir von Saliou Cissokho wissen? "Das heißt Kora, hat 21 Saiten und einen Korpus. Kuhleder. Und das ist Holz aus dem Senegal. Das ist wie ein Mensch und das Rot steht für Blut." Saliou Cissokho spielt spontan ein traditionelles Stück. Was bedeutet es für ihn, wenn er dieses Instrument seines Vaters, seines Großvaters, Urgroßvaters hier spielen darf? "Meine Aufgabe in der Familie ist es zu spielen, sodass die Leute zusammenkommen. Und wenn einer sauer ist, dass er wieder glücklich ist. Die neue Generation der Kora-Spieler wie ich, die mischen Kora mit Pop, Kora mit Elektro, Kora mit Techno, nicht wie Papa und Opa, die haben nur traditionell gespielt. Für mich ist dieses Festival ein Zuhause. Ich freue mich immer hier zu sein, weil ich treffe verschiedene Leute aus verschiedenen Ländern und Kulturen und ich lerne auch viel von diesem Festival."

Der Aktivist und Afrobeat-Star Femi Kuti hat einmal gesagt: "Ich will meine Kinder glücklich sehen - und Afrika frei."

Die Modenschau der Senegalesin Rama Diaw. Eine der bekanntesten Modedesignerinnen Afrikas. Die Kleidung: edel, farbenfroh, stolz. Das Africa-Festival ist vor allem eine Feier des Lebens und keine Toleranzveranstaltung. Es geht um Begegnung und Respekt.

Zum 21. Mal dabei ist der Geschichtenerzähler Ibrahima Ndiaye. Er hatte in Senegal Germanistik studiert und kam vor 32 Jahren nach Deutschland, auch weil er Goethe so sehr bewunderte. Er ist auch Comedian, Verleger, Autor. Was ist die Message hinter all dem, was er macht? "Es gibt eine einzige Message bei mir: alle Menschen sind gleich."

Sein Vater war Theaterregisseur, seine Mutter Lehrerin, seine Oma Geschichtenerzählerin. Beim Africa-Festival gibt es alle paar Meter ein großes Hallo. "Selbst für uns Afrikaner ist das hier der Treffpunkt schlechthin", sagt Ibrahima Ndiaye. Hier lernt der Sengalese den Kongolesen kennen. Wir können es uns ja nicht so leisten, dass einer von uns nach Kongo fliegt und nächstes Jahr nach Mali. Aber hier treffen sich alle. Fast 55 Länder Afrikas treffen sich hier. Und schon kann man hier Verbindungen knüpfen. Afrika steht für Lebensfreude. Der Südafrikaner sagt dazu Jabulani. 'Das Leben schlechthin.' Das Leben genießen. Die Mitmenschen genießen. Und alle, die dazu gehören. Freude. Einfach Freude. Freude am Leben, Spaß."

Warum ist Märchenerzählen für ihn so wichtig? "Erst einmal geht es darum, eine alte Tradition von gestern heute für morgen zu erhalten. So erfährt man zum Beispiel: Wie haben unsere Vorfahren früher gelebt? Wovon haben sie gelebt? Wie haben sie geschlafen? Das bekommt man alles durch Märchen vermittelt. Und erst wenn man weiß, wo man herkommt, dann weiß man, wo man hin soll. Wir haben in Afrika einen Brauch unserer Vorfahren erhalten, uns nur denen mitzuteilen, die wir lieben, mit der Gewissheit, dass sie aus unseren Mitteilungen Nutzen für sich ziehen. Ich liebe alle Menschen. Ich habe so viele Arme."

Das Festival ist ein toller Begegnungsort. Wie ein Schatten spendender Baum, sagt Ibrahima Ndiaye. "Hakuna Matata!" Swahili für: "Alles in bester Ordnung!"

"Ich kam vor 32 Jahren nach Deutschland", sagt Ndiaye. "Damals war es schon kritisch und problematisch gewesen. Ich erinnere mich noch an die ersten Erfahrungen auf der Straße, zum Beispiel mit Kindern. Die haben mich angefasst und wollten wissen, ob das echt war. Mich hat einmal ein Kind gefragt, ob ich echt wäre. Und ich fand es toll. Der Junge dachte, ich wäre angemalt oder was auch immer. Aber wir kamen ins Gespräch und er hat dazugelernt. Er hat gesagt: 'Das gibt es doch gar nicht. Oh schön. Das ist echt.' Und sogar noch ein Lob dazu: 'So eine weiche Haut wie meine Oma.'"

Eindruck vom Africa-Festival in Würzburg

Ibrahima Ndiaye bringt gerade ein neues Buch heraus: "Schwarze Weisheiten". Sprüche seiner Großmutter. "Die hat sie uns als Kinder geschenkt. Wenn sie uns abends Geschichten erzählte, saßen wir auf der Grasmatte. Unter uns die warme Erde, über uns der klare Sternenhimmel. Und bevor sie diese Märchen zum Besten gab, schenkte sie uns die schwarzen Weisheiten. Diese habe ich nun aufgeschrieben. Ich konnte sie der Menschheit nicht vorenthalten. Meine Großmutter sagte zum Beispiel: 'Liebe macht blind, aber wer verheiratet ist, kann plötzlich wieder sehen.' Oder: 'Drei Leute können ein Geheimnis wahren, erst wenn zwei tot sind.' Oder: 'Wenn man wissen will, was der Nachbar von einem hält, dann sollte man mit ihm einen Streit anfangen.' Oder: 'Das Leben ist ein ständiges Nehmen und Geben. Manchmal übernimmt man sich, manchmal übergibt man sich.'"

Das Africa-Festival in Würzburg zeigt, was der Mensch dem Menschen sein kann: eine Entdeckung - ein Schatz! In schillernder, bezwingender Vielfalt.


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