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Jugoslawien 50 Jahre Anwerbeabkommen

1968 war das Jahr der Aufbrüche, der Freiheit. Es war auch das Jahr, in dem das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Jugoslawien geschlossen wurde. Übrigens das letzte Abkommen dieser Art.

Von: Andreas Krieger

Stand: 29.10.2018

Für viele Menschne die Hoffnung auf ein besseres Leben. Für Deutschland ein Teil der Wirtschaftswundermaschinerie. 50 Jahre nach diesem Vertrag spricht Özlem Sarikaya mit einem Zeitzeugen der ersten Stunde, und einer Kuratorin, die später aus mittlerweile Ex-Jugoslawien hierher kam. Was bedeutet es, für immer in ein fremdes Land zu gehen? Wo wohnt der Kopf? Wo leben die Träume?

Ohne Arbeitsmigranten wäre das Wirtschaftswunder kaum möglich gewesen. Im Oktober 1968 schloss Deutschland ein Anwerbeabkommen mit Jugoslawien. Der Aufenthalt hunderttausender Arbeitnehmer, die bereits in Deutschland waren, wurde damit legalisiert. Und es folgten noch viele nach.

"Was ihnen in Jugoslawien unmöglich gemacht wurde, das tun sie jetzt in Hamburg, Stuttgart oder München. Willkommenes Betätigungsfeld: die jugoslawischen Gastarbeiter."

BR-Fernsehbericht „Exilkroaten und Jugoslawen in der BRD“, 1965

Viele von ihnen träumen von der Rückkehr. Stjepan Bergovec kam auch. Als Theologiestudent. Und blieb: für immer - in München, wurde Lehrer, gründete eine Familie und zwei Fußballclubs. Er gehört zur ersten Generation, die 1968 nach Deutschland kam. Wie war die Stimmung damals?

"Euphorisch", erinnert sich Bergovec. "Ich kann hier arbeiten, ich kann hier Geld verdienen. Und dann schicke ich das Geld nach Hause. Da kann ich meine Familie ernähren ... Die Leute waren überglücklich. Nur etwas war störend: wo sie untergebracht worden sind. Das waren Baracken, Ruinen, verlassene Häuser, in denen sie dann zu sechst in einem Zimmer gelebt oder zu acht in Doppelbetten geschlafen haben."
Katja Kobolt kam 2002 aus Slowenien. Ihr Vater war früher Journalist und informierte die Gastarbeiter auf Slowenisch über Deutschland. "Ich bin die erste Generation EU-Migrantin. Und trotzdem muss ich leider sagen, dass viele von meinen Kolleginnen und Freundinnen, die sogar hier geboren sind, nach wie vor das Gefühl haben, hier fremd zu sein."

In den Sechziger- und Siebzigerjahren kamen sehr viele jugoslawische Frauen allein nach Deutschland. In der Ausstellung "no stop non stop" in der Lothringer 13 Halle in München ist die Kunstinstallation "GUESTures/GOSTIkulacije" (2011) von Margareta Kern zu sehen. Sie hat für die Gastarbeiterinnen ein Archiv eingerichtet. Die Jugoslawen in der Fremde waren eine Generation ohne Stimme in Deutschland.

Was haben Katja Kobolt und Stjepan Bergovec von der ersten Gastarbeiter-Generation mitbekommen? Was waren deren Sorgen und Nöte? "Wir haben im Rahmen der Ausstellung auch ein Treffen mit Frauen der ersten Generation hier gehabt", sagt Kobolt. "Und sie haben vor allem von dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit gesprochen. Von einem Gefühl, ein Leben lang nicht zu Hause, aber auch hier nicht vollkommen angekommen zu sein. Und auch, wenn sie jetzt in der Rente sind, und jetzt schon die zweite Generation hier ist, und die wiederum Kinder bekommen, denken die Frauen immer noch: 'Soll ich zurückgehen? Aber da kenne ich niemanden mehr!' Ihr Leben war von der Arbeit geprägt und von der Sorge um die Familie. Es gab keine gut organisierte Betreuung."

Stjepan Bergovec ergänzt: "Ich kannte eine Frau mit Baby, die musste arbeiten, um Geld zu verdienen. Und wohin mit dem Baby? Da hat sie mir gesagt: 'Ja, was soll ich machen? Ich koche auf der Mohnschale einen Tee und da kriegt mein Baby das zu Trinken und dann schläft es acht Stunden, solange ich arbeite, und wenn ich heimkomme, dann wacht sie gerade auf.' Dann habe ich versucht ihr zu erklären, dass es nicht richtig ist, dass das Baby so eine Droge bekommt. Ein Schlafmittel eigentlich, Morphium. Aber sie sagte: 'Was soll ich sonst machen? Ich muss arbeiten.'" Fast alle, die gekommen waren, arbeiten sich für ihre Familien zu Hause auf. Schicken das Geld.

"'Das Ausland wird mir immer fremd bleiben, denn es hat mich drei Jahre von meiner Liebe getrennt.' So beginnt das Lied einer jugoslawischen Sängerin in einem fast ausschließlich von Jugoslawen besuchten Lokal."

BR-Fernsehebericht „Warum sie kommen - wie sie leben“, 1971

Sie haben eine neue Heimat gefunden. Aber stecken fest in einer Schublade. "In Deutschland gilt: 'Einmal Migration, immer Migration.'", sagt Kobolt. "Ich denke es ist vor allem auf Regierungsebene noch einiges zu tun. Das macht Menschen zu Kategorien: deutsch - nicht deutsch. Das sind Schubladen, mit welchen sich Menschen schön regieren lassen."

Stjepan Bergovec bestätigt das: "Bei meinen Kindern ist die Muttersprache deutsch. Wir haben von Anfang an nur deutsch mit ihnen geredet. Solange sie Bergovec hießen, hatten sie Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Obwohl sie hochqualifiziert sind, promoviert haben. Seit sie aber Meier, Müller oder Schmidt heißen, weil sie verheiratet sind, gibt es keine Probleme. Mein jüngster Sohn heißt noch Bergovec und hat Schwierigkeiten. Er hat 100 Bewerbungen geschrieben und bekam auf 80 gar keine Antwort. Weil da steht Bergovec."

In ihrem Film "Newsreel 63 - The Train of Shadows" (2017) porträtiert die Künstlerin Nika Autor die berühmte Bahnstrecke zwischen Belgrad und Ljubljana. "Der Zerfall der Züge steht für den Zerfall des sozialistischen Jugoslawien", heißt es im Film. Die Frage des Kunstwerks: Wie verschiebt sich die Migration in der postsozialistischen Welt? Damals waren die Fremden willkommen.

In diesem Jahr wird das 50. Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und dem damaligen Jugoslawien gefeiert. Was wünschen sich Bergovec und Kobolt für die Zukunft dieser Gastarbeitergenerationen und deren Nachkommen in Deutschland? "Dass man in der dritten und vierten Generation nicht mehr nach dem Namen unterscheidet", sagt Bergovec. "Dass man auch in Deutschland anders heißen kann und nicht als Ausländer betrachtet wird." Und Kobolt ergänzt: "Mein Wunsch wäre, dass wir beim Wort 'Mitbürger' das "mit" weglassen. Dass all die Menschen hier Bürger sind - und nicht nur Mitbürger."

Gekommen, aber nie genug gewürdigt. Dass es uns so gut ging und geht, haben die Deutschen aber auch ihnen zu verdanken. Den Fleißigen, weit weg der Heimat.

Ausstellungs-Hinweis

"no stop non stop" - Ausstellung und Forum

Lothringer 13 Halle, Kunstraum der Stadt München, bis 11. November 2018

https://www.lothringer13.com/ausstellungen/no-stop-non-stop/


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