Nockherberg


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Nockherberg Starkbiertempel mit Tradition

Starkbieranstich und Derblecken: Wer hat's eigentlich erfunden? Und warum gerade auf dem Nockherberg? Ursprünglich wollten sich die Paulaner-Mönche zur Fastenzeit nur ein wenig mit "flüssigem Brot" stärken. Dann hatten geschäftstüchtige Nachfolger im 19. Jahrhundert eine prima Vermarktungsidee.

Stand: 09.01.2013

Ansichten vom Schauplatz Nockherberg | Bild: BR

Mit dem Derblecken feiert die Paulaner-Brauerei traditionell den Beginn der Starkbiersaison. Probiert wird bei Fastenpredigt und Singspiel die hauseigene Marke "Salvator". Schauplatz des Spektakels ist die Brauereigaststätte am Isarhochufer zwischen Au und Giesing. Im Volksmund hat sich der Name "Salvatorkeller" erhalten, offiziell heißt das Wirtshaus inzwischen Paulaner am Nockherberg. Zacherls alter Bierkeller von 1861 hat sich zum 2.000 Leute fassenden Festsaal mit Hallencharakter gewandelt. Aber der Reihe nach.

Braukünstler Barnabas aus der Au

In unmittelbarer Nachbarschaft, etwas unterhalb des heutigen Wirtshauses, hatten die Mönche des Paulaner-Ordens im Kloster Neudeck ob der Au schon ab 1634 die Lizenz zum Bierbrauen. Und zur Fastenzeit fiel ihr Trunk stets etwas gehaltvoller aus. Die ultimative und bis heute weitgehend gültige Rezeptur für den heutigen Salvator entwickelte 1773 ein besonders gewiefter Braumeister im Orden, ein gewisser Bruder Barnabas.

Nockherberg von A bis M

A

Anstich
Festlich zelebriertes Anzapfen des ersten Bierfasses zum Festbeginn. Wird zu Beginn der Starkbierzeit, auf dem Oktoberfest und auf vielen anderen Volksfesten praktiziert – natürlich auch auf dem Nockherberg.

B

Bruder Barnabas
Er hieß eigentlich Valentin Stephan Still, wurde Mönch im Kloster Neudeck am Fuß des Nockherbergs und war ein ausgezeichneter Braumeister. Seit 1992 (außer bei Django Asüls Auftritt 2007 und bei Luise Kinseher) tritt die Figur Bruder Barnabas beim Starkbieranstich auf.

C

CSU
Ehemalige 50-Prozent-plus-x-Partei und nach wie vor stärkste politische Kraft im Freistaat. Ob Stoiber, Strauss oder Seehofer: Viele gefeierte Charaktere des legendären Singspiels kamen aus der CSU – nicht immer zur Freude der Parodierten.

D

Derblecken
Politiker fürchten es, doch alle Jahre trifft es sie wieder: Derblecken kommt vom bayerischen "blecken" (die Zunge herausstrecken, entblößen) und ist immer mit Hohn und Spott für die Betroffenen – den Derbleckten – verbunden.

E

Einschenken
Auf dem Nockherberg wird kräftig eingeschenkt. Mit rund 18 Prozent Stammwürze und über sieben Prozent Alkoholgehalt steigt das Salvatorbier schnell zu Kopf. Wie viel eingeschenkt wurde, kann der Gast nur schwer erkennen: Die Krüge sind aus Stein.

F

Fastenpredigt
Ursprünglich eine christliche Verkündigung bei Gottesdiensten, die Zuhörer zum Nachdenken über Leben und aufrichtigen Glauben anregen soll: Auf dem Nockherberg richtet sie sich an Politiker und andere Prominente, die ihr Schaffen kritisch hinterfragen sollten.

G

Gstanzl
Lied mit spöttischem Text, das vor allem in Bayern und Österreich gesungen wird. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Musikrichtung ist der Roider Jackl. 1954 trat er auf dem Nockherberg auf und begründete dort die Tradition des Derbleckens.

H

Hannes Burger
Journalist und Satiriker, der von 1982 bis 2002 die Reden der Fastenprediger verfasst hat: So stammen die Ansprachen Walter Sedlmayrs, Max Grießers und Gerd Fischers aus Hannes Burgers spitzer Feder.

I

Imitator
Beim Singspiel werden Politiker von Doubles dargestellt. Einige Schauspieler schlüpfen schon seit Jahren in dieselbe Rolle und haben den Habitus ihres Vorbildes so verinnerlicht, dass sie dem Original optisch wie akustisch zum Verwechseln ähneln.

J

Jakob Geis
Erster Fastenprediger beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg im Jahr 1891. Der zu seiner Zeit sehr populäre Münchner Komiker und Volkssänger läutete die Geburtsstunde der "Salvatorrede" ein, damals noch ohne deftig politischen Anstrich.

K

Kabarettistisches Singspiel
Bis zum Jahr 1988 schrieb ein eingespieltes Autorenteam unter Leitung von Regisseur Hellmuth Kirchammer das kabarettistische Singspiel für den Nockherberg. Danach wurde es zu einem dramaturgisch durchinszenierten Bühnenstück ausgebaut.

L

Lerchenberg
Einst legendärer Stoiber-Imitator, stieg Michael Lerchenberg 2008 zum Bruder Barnabas auf. Im "normalen Leben" ist er vielbeschäftigter Theater- und Fernsehschauspieler, Regisseur, sowie Intendant der Luisenburg-Festspiele.

M

Mönche
Erfinder der Starkbiersaison in Bayern waren die Mönche. Sie deklarierten den süffigen Doppelbock als "flüssige Nahrung", um die strengen Fastenregeln umgehen zu können. Die Fastenzeit war damit nicht mehr ganz so entbehrungsreich.

Komiker zum Bier

Woher der Name

Ihr Starkbier schenkten die Mönche stets am 2. April, dem Namenstag ihres Ordengründers Franz von Paula aus. Den ersten Krug bekam der Kurfürst gereicht – so wie heute der Ministerpräsident. Im Sprachgebrauch könnte der Name "Sankt-Vater"-Bier (zu Ehren des heiligen Pater) zu "Salvator" abgeschliffen worden sein. Anderen Quellen zufolge stammt der Name von der Salvator-Stiftung, bei der der spätere Braumeister Zacherl das Bier lagerte.

Nach der Säkularisation übernahm der Braumeister Franz Xaver Zacherl die Brauerei. Nachfahren kauften 1858 das benachbarte Sommerschlösschen des Bankiers Georg Nockher dazu und bauten es zum Bierausschank "Zacherl-Keller" um – den Vorläufer des heutigen Paulaner. Ab 1861 wird das Starkbier auf dem Nockherberg ausgeschenkt, ein Jahr später wird der "Zacherl-Keller" auch als "Salvator-Keller" erwähnt.

Der Keller, ein flach gedeckter hoher Raum mit dicken Stützen, fasste damals bereits 4.000 Personen. Schnell war die Idee geboren, zur Förderung des Umsatzes die Gäste mit Darbietungen von beliebten Gstanzlsängern und Volksschauspielern zu unterhalten. So kam Jakob Geis 1891 zu seinem ersten Auftritt auf dem Nockherberg. Die Tradition der "Salvatorrede" zur Starkbierprobe war geboren.

Nockherberg von N bis Z

N

Nockherberg
Keine alpine Herausforderung, sondern eine Hochebene am Hang über dem östlichen Isarhochufer in München. Dort befindet sich die Gaststätte mit Biergarten einer Münchner Brauerei, in der das Politiker-Derblecken stattfindet.

O

Opposition
Die Opposition wird beim Politiker-Derblecken keinesfalls geschont. Florian Pronold muss sich Zeit seines Wirkens als bayerischer SPD-Chef genauso in die Pfanne hauen lassen wie Horst Seehofer.

P

Pater patriae
Als solcher wird der Landesvater respektive Ministerpräsident im Nockherberg-Trinkspruch (siehe: "Trinkspruch") tituliert. Beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg bekommt dieser selbstverständlich die erste Mass.

Q

Quotenbringer
Die Übertragung des Polit-Spektakels im TV und weltweit im Internet lässt die Einschaltquoten in die Höhe schnellen. Bei der Live-Premiere 2009 sahen die Sendung in Bayern durchschnittlich 1,4 Millionen Zuschauer – ein Marktanteil von 35,5 Prozent.

R

Regierung
Die amtierende Regierung, sei es im Land oder im Bund, muss sich besonders auf die Spitzen des jeweiligen Derbleckers und aus dem Singspiel gefasst machen (siehe: "CSU"). Doch auch die Opposition kommt nie ungeschoren davon (siehe: "Opposition").

S

Starkbierzeit
In Bayern wird die Fastenzeit auch "fünfte Jahreszeit" genannt. Sie beginnt am Aschermittwoch und dauert rund vier Wochen. In dieser Zeit wird ein besonders hochprozentiges Bier, das Starkbier, ausgeschenkt (siehe: "Einschenken").

T

Trinkspruch
Mit den Worten "Salve pater patriae! Bibas, princeps optime!" (Sei gegrüßt Vater des Vaterlandes! Trinke, bester Fürst!) und einer Mass Starkbier stößt der Fastenredner auf dem Nockherberg am Ende seiner Rede mit dem Landesvater an.

U

Ude
Münchens Oberbürgermeisters Christian Ude zählt zum Stammpersonal beim Nockherberg-Singspiel. Besonders lang wurde Ude vom Kabarettisten Uli Bauer gespielt.

V

Verschiebung
Drei Mal wurde das Polit-Spektakel in den vergangenen Jahren verschoben: 1991 wegen des zweiten Golfkrieges, 2003 wegen des Irak-Konflikts und 2009, weil am Tag vor dem Anstichtermin bei einem Amoklauf in Winnenden 16 Menschen getötet wurden.

W

Wadlbeißer
Einen solchen müssen sich auf dem Nockherberg auch Kirchenvertreter schimpfen lassen: "Jetzt hammer so einen ökumenischen Wadlbeißer und Marxisten" – so begrüßte Barnabas 2008 den Münchner Erzbischof Reinhard Marx.

X

Xaver
Braumeister Franz Xaver Zacherl übernahm im Jahr 1806 das ehemalige Klosterbrauhaus von den Paulaner-Mönchen und machte es zur bürgerlichen Brauerei. Der Zacherlweg von der Ohlmüllerstraße hinauf zum Nockherberg erinnert an ihn.

Y

Yeti
Das Fabeltier aus dem Himalaya hatte auf dem Nockherberg zwar noch keinen Auftritt, aber 2004 war seine Heimat Schauplatz des Singspiels "Höhenrausch am Nockherberg". Sir Edmund Stoiberi versuchte den Gipfel zu erklimmen.

Z

Zum bösen Spiel eine gute Miene
Diese machen Politiker beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Auch wenn sie böse derbleckt werden, haben die meisten Großkopferten den Anstand, die geistigen Ergüsse der Kabarettisten zumindest mit einem bemühten Lächeln zu goutieren.

Zerbombt und abgefackelt

Der abgebrannte Salvatorkeller

1939 setzte der Zweite Weltkrieg dem Brauch ein vorläufiges Ende, 1944 wurde die Gaststätte zerbombt. Die Wiedereröffnung samt Wiederbelebung der Salvatorrede erfolgte 1950. "Nach dem Krieg kamen zu der Veranstaltung vielleicht so 30, 40 Leute", erinnert sich Richard Dusch, Archivar der Brauerei. Zum richtig politischen Abwatschen nutzte die Rede erstmals der Roider Jackl bei seinem Auftritt 1954.

Im November 1999 legte ein Brandstifter den Paulaner-Keller samt Festsaal in Schutt und Asche. Zwei Tage kämpften mehr als 300 Feuerwehrleute mit 89 Fahrzeugen und Löschzügen gegen die Flammen. Bei der Grundsteinlegung für den Wiederaufbau im Oktober 2001 wurden im Fundament eine Kupferrolle mit einer Urkunde, Architekturpläne, alte Münchner Tageszeitungen und Münzen eingelassen. Bis zur Wiedereröffnung 2003 musste die Prominenz zur Starkbierprobe in eine umgebaute Lagerhalle der Brauerei ausweichen.

... und immer wieder gern besucht

Derblecken im neuen Festsaal

Doch drei Dinge sind über all die Jahre gleich geblieben: 1.) Für Bayerns hohe Tiere ist der Starkbieranstich ein Pflichttermin. 2.) Derbleckt zu werden kann ganz schön bitter sein. 3.) Noch bitterer ist aber, nicht derbleckt, sondern ignoriert zu werden.


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