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Gewalt gegen Kinder Neue Initiativen zur Opferhilfe

Sie sind diejenigen, die am meisten unseren Schutz brauchen, weil sie sich selbst kaum verteidigen können: Kinder und Jugendliche. Immer noch werden viele zu Opfern. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit allein bei sexuellem Missbrauch über 13.000 Fälle bekannt. Die Dunkelziffer ist hoch. In Bayern will man jetzt gezielt dagegen vorgehen.

Von: Viola Nowak

Stand: 19.09.2018

Die Zahlen, die das Bundeskriminalamt zusammen mit der Deutschen Kinderhilfe e.V. diesen Sommer zu kindlichen Gewaltopfern veröffentlichte, sind alarmierend: Allein für das Jahr 2017 wurden bundesweit 4.247 Misshandlungen und 13.539 Opfer von sexuellem Missbrauch aktenkundig. 143 Kinder sind gar verstorben. Und die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches größer sein. Hätten diese Taten nicht eher auffallen, Behörden nicht genauer hinschauen müssen? Oft gibt es nicht mehr als einen Verdacht, Fragen die nicht leicht zu klären sind. Mit denen sich aber jeder an eine professionelle Beratungsstelle in München wenden kann: die Bayerische Kinderschutzambulanz.  

Rufnummer der Bayerischen Kinderschutzambulanz: 089-2180-73011

Die Ambulanz ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar.

Eingerichtet wurde die Münchner Kinderschutzambulanz im Jahr 2011 am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie wird vom Bayerischen Sozialministerium finanziell unterstützt. Professor Elisabeth Mützel leitet die Ambulanz. Täglich sind sie 24 Stunden telefonisch erreichbar. Zusammen mit 10 Rechtsmedizinern betreute sie bayernweit in den letzten vier Jahren 1330 Fälle – das ist jeden Werktag ein Fall. Zudem bilden sie Ärzte in ganz Bayern fort, sensibilisieren für das Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und vermitteln durch eine eigens angestellte Sozialpädagogin weitere Hilfen und Anlaufstellen.        

Expertise: persönlich oder online  

Anhand von Fotos, Röntgenbilder oder Protokollen werden die Verdachtsfälle begutachtet. Manchmal anonym, manchmal werden die Kinder auch persönlich vorgestellt. Auch online bietet die Bayerische Kinderschutzambulanz als Dachorganisation Beratung an: Über den Dienst „remed-online“ können sich Ärzte aus ganz Bayern beim Erkennen von Misshandlungen Unterstützung holen. Es geht nicht immer darum, Belastendes zu finden – genauso oft will man entlasten. Aber immer ist es eine Gratwanderung. Am schwierigsten ist sexueller Missbrauch nachzuweisen. In 98 % der Fälle gibt es da keine körperlichen Verletzungen.

Es tut sich was beim Kinderschutz

Wie Kinderschutz beispielhaft aussehen kann, zeigt Dr. Stefan Vlaho, Chefarzt am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Kreiskliniken Altötting-Burghausen. Er ist überzeugt: Kinderschutz geht nur Fachübergreifend. Auf eigene Initiative und trotz fehlender Ressourcen hat er an seiner Klinik eine Kinderschutzgruppe ins Leben gerufen – jede zweite Woche werden gemeinsam aktuelle Verdachtsfälle besprochen. Mit im Boot: Klinikpersonal, niedergelassene Kinder- und Jugendärzte, Jugendämter – und das aus drei Landkreisen, nämlich Altötting, Mühldorf und Rottal-Inn. Seit 2016 gibt es einen Kooperationsvertrag – auf freiwilliger Basis. Denn noch gibt es keine gesetzliche Verankerung, dass Kliniken diese Kinderschutzgruppen vorhalten müssen.

"Das Wichtigste beim Kinderschutz ist, dass immer klar ist, dass man den Kinderschutz nicht als Einzelgänger oder einzelne Gruppe realisieren kann, sondern dass dieser immer nur in einer Art Netzwerk-Gemeinschaft funktionieren kann."

Stefan Vlaho, Chefarzt am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Kreisklinik Altötting-Burghausen

In den letzten Jahren hat sich ein Bewusstsein für das Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche entwickelt. Das ist gut so. Jeder Missbrauch ist einer zu viel. Hilfe, ihn zu erkennen, gibt es. Aber es ist die Aufgabe von uns allen, genau hinzusehen.

Links:

Bayerische Kinderschutzambulanz

Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin Altötting-Burghausen


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