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Europas dreckige Ernte Das Leid hinter dem Geschäft mit Obst und Gemüse

Zehntausende Flüchtlinge und Migranten aus Afrika werden in der Landwirtschaft brutal ausgebeutet. Sie ernten in Spanien und Italien Obst und Gemüse, das in Deutschland zu Billigpreisen verkauft wird. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks erhalten Betriebe, die gegen Lohn- und Arbeitsschutzvorschriften verstoßen, sogar millionenschwere EU-Subventionen.

Von: Vanessa Lünenschloß, Jan Zimmermann

Stand: 31.07.2018

Sie kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben: Zehntausende Afrikaner suchen in der Landwirtschaft in Spanien und Italien Arbeit. Durch die hohen Flüchtlingszahlen steigt der Konkurrenzdruck. Viele Landwirte und Grundbesitzer nutzen die Not der Arbeitssuchenden skrupellos aus.

Ausbeutung und Slums in Europa

Im spanischen Almeria, dem weltweit größten Obst- und Gemüseanbaugebiet mit Gewächshäusern, verdienen viele Erntehelfer nur 25 Euro am Tag, obwohl der Tariflohn rund 47 Euro als Minimum vorschreibt und die Arbeiter täglich bis zu 14 Stunden schuften. Neben den viel zu niedrigen Löhnen sind Verstöße gegen Arbeitsschutzauflagen, Betrug mit Sozialabgaben und Schikane zu beobachten. Die Tagelöhner klagen über den Einsatz von giftigen Spritzmitteln ohne Schutzkleidung. Dabei sind Ganzkörperschutzanzüge und eine spezielle Ausbildung für das Spritzen der Giftstoffe gesetzlich vorgeschrieben.

Gewerkschaften und Flüchtlingsorganisationen sprechen von "moderner Sklaverei"

Zehntausende Feldarbeiter leiden unter den Verhältnissen. Sie leben in Slums ohne Wasser und Strom. In Spanien gibt es dutzende sogenannte Chabolas, in denen die Arbeiter in selbstgebauten Hütten aus Müll leben. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen machen die meisten Flüchtlinge körperlich und psychisch krank, berichten Ärzte und Hilfsorganisationen vor Ort.

EU-Millionen für die Mafia und dubiose Firmen

In Italien organisieren zudem kriminelle Banden die Vermittlung der Feldarbeiter. Sogenannte Caporali rekrutieren die Arbeiter in Flüchtlingseinrichtungen oder auf Arbeiterstrichen, machen sie von sich abhängig und knüpfen den Erntehelfern einen Teil des Lohns ab. In vielen Fällen steckt die Mafia dahinter, bestätigen Polizei und Staatsanwaltschaft. Vor allem der Mafia-Clan 'Ndrangheta verdient an der Ausbeutung. Nach Informationen von BR Recherche und der BR-Redaktion Wirtschaft und Soziales kassieren spanische und italienische Ausbeuter-Firmen millionenschwere EU-Subventionen. Allein ein Gemüsebetrieb in der spanischen Provinz Almeria hat in den vergangenen drei Jahren 3,4 Millionen Euro Fördermittel erhalten, obwohl er gegen Lohn- und Arbeitsschutzregeln verstößt.

Der Gewerkschaft liegen zahlreiche Beschwerden gegen den spanischen Tomaten-Produzenten vor, der auch deutsche Supermärkte und Discounter beliefert. Recherchen in spanischen Datenbanken zeigen, dass noch weitere Firmen aus der Region Almeria, bei denen es Missstände gibt, Subventionen in Millionenhöhe einstreichen. Somit fließen Steuergelder an Firmen, die Arbeiter ausbeuten.

Subventionen streichen

Insgesamt 58 Milliarden Euro schüttet die EU jedes Jahr an Agrarsubventionen aus. Davon gehen rund 70 Prozent als Direktzahlungen an die Landwirte. Für jeden Hektar landwirtschaftlicher Fläche gibt es Subventionen. Bei der Vergabe spielen Sozialstandards wie Arbeitsrecht und Mindestlöhne keine Rolle. Mehrere Europapolitiker kritisieren das gegenüber dem BR scharf, darunter Martin Häusling von Bündnis 90/Die Grünen. Die EU-Kommission müsse das dringend ändern und die Auszahlung von EU-Geldern in Ländern wie Italien und Spanien stärker kontrollieren. Der CDU-Europaabgeordnete Karl-Heinz Florenz fordert, bei belegten Missständen Subventionen sofort zu kürzen. EU-Agrarkommissar Phil Hogan sieht auf Nachfrage allerdings keinen Handlungsbedarf – auch nicht im Subventionsprogramm für die kommenden Jahre, das derzeit ausgearbeitet wird.

Deutschland: Preisdumping der Supermärkte bei Obst und Gemüse

Die Ware der kritisierten Landwirte und Anbaubetriebe landet in Deutschland, insbesondere in den Regalen der großen Supermarktketten.

Die Recherchen des Bayerischen Rundfunks haben ergeben: Produkte aus Betrieben, die Arbeiter ausbeuten, sind in den Geschäften von Edeka, Rewe, Real, Penny und Lidl gefunden worden. Bauern aus Almeria berichten von einem massiven Preisdruck und beklagen: Die deutschen Händler seien die größten Preisdrücker. Laut der Hilfsorganisation Oxfam können viele Produzenten ihre Kosten nicht mehr decken. Dieser Druck werde in voller Härte an die Erntehelfer weitergegeben und sei ein Hauptgrund für die Ausbeutung der Arbeiter.

Handelskonzerne blocken ab

Die großen deutschen Supermarktketten weisen die Verantwortung von sich. Auf Anfrage distanzieren sie sich von Arbeitsrechtsverletzungen und berufen sich auf das Zertifikat GobalG.A.P. Die Anbaubetriebe würden danach vor Ort auf Missstände kontrolliert. Da jedoch bereits in der Vergangenheit in zertifizierten Betrieben Probleme dokumentiert wurden, steht GlobalG.A.P. in der Kritik. Es handelt sich zudem um ein Label, das die Handelsbranche selbst finanziert.


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