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Marieluise Fleißer Provinz & Provokation

Als Frau fiel sie auf. Sie trug dicke Brillen und Kostüme, die sie aus ausgefallenen Stoffen schneidern ließ. Sie hatte einen sehr eleganten Gang. Ihre Bühne wäre die Großstadt gewesen. Zu Lebzeiten kam sie über Ingolstadt jedoch kaum hinaus. Heute sieht man Marieluise Fleißer (1901-1974) als die einzige bayerische Schriftstellerin, deren Literatur Weltniveau erreichte.

Stand: 25.06.2014

Marieluise Fleißer | Bild: picture-alliance/dpa

Schon mit ihrem ersten Stück hat die gerade einmal 25-jährige Autorin aus Ingolstadt Erfolg. In den späten 20er-Jahren ist sie ein Stern am Berliner Theaterhimmel. Marieluise Fleißer wird von Feuchtwanger protegiert, von Brecht gefördert, allerdings auch vereinnahmt. Aber schon ihr zweites Stück "Pioniere in Ingolstadt" ist ein Skandal. Weil sie ganz offen anspricht, was es bedeutet, wenn ein Haufen junger Soldaten in einer Kleinstadt stationiert wird. Es geht um Sehnsüchte, Sexualität und um das Spannungsverhältnis der Geschlechter innerhalb enger kleinstädtischer Konventionen. Die Ingolstädter beschimpfen die junge Theaterdichterin als Nestbeschmutzerin. Der furiose Start an der Hauptstadtbühne bleibt folgenlos, der Traum von einer steilen literarischen Karriere erfüllt sich nicht.

Brillen von Marieluise Fleißer

Der "Fleißerin", wie sie genannt wird, bleibt nichts als in ihre Heimatstadt zurückzukehren, sie geht eine Ehe ein, ihre Welt reduziert sich auf ein kleines Tabakgeschäft. Sie schreibt nur noch spärlich, ist fast vergessen, als gegen Ende der 60er-Jahre Rainer Werner Fassbinder, Franz Xaver Kroetz und Martin Sperr Werke von Marieluise Fleißer als Grundsteine für ihr eigenes Schaffen entdecken, aufführen und verfilmen.

Kupferstraße 18 in Ingolstadt - hier wurde Marieluise Fleißer geboren

Es ist das Thema Provinz, die lakonisch harte Diktion ihrer Sprache, die Schonungslosigkeit, in der sie Konflikte darstellt, was die jungen Autoren in Bann zieht. So erntet die Fleißer späten Ruhm, kann an die Erfolge ihrer Anfangsjahre anknüpfen. Im Film von Tilman Urbach erzählt der Schauspieler Burkhard Schlicht von den Dreharbeiten zu Fassbinders Verfilmung der "Pioniere in Ingolstadt", analysieren die Theaterautoren Kerstin Specht und Werner Fritsch ihr literarisches Schaffen. Klaus Gültig, ihr Neffe und Begleiter der späten Lebensjahre, zeigt ihren Nachlass und das Fleißer-Haus in Ingolstadt. In alten Filmsequenzen kommt Marieluise Fleißer schließlich selbst zu Wort. Heute erkennt man sofort, welch außergewöhnliche Frau und eigenständige Denkerin sie war.


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