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Willi Winkler Deutschland, eine Winterreise

800 km - zu Fuß. Von Hamburg bis nach Altötting. Warum nicht? - Aber im Winter? Bei Wind und Wetter? Und Eiseskälte? Der Schriftsteller und Journalist Willi Winkler hat das gemacht, denn es ging darum, ein Gelübde einzulösen. Was er auf seiner ungewöhnlichen Wallfahrt erlebt hat, hat er aufgeschrieben, in seinem Buch: "Deutschland, eine Winterreise".

Von: Daniela Weiland

Stand: 22.01.2015

"Die Vorstellung ist natürlich, dass man auf moosigen Saumpfaden sich durch Auwälder bewegt und links und rechts die Rehe grüßt, die da äßen, und es hoppeln ein paar Hasen am Weg ... ". Diesen Satz schüttelt Willi Winkler beim Interview mit Armin Kratzert einfach so aus dem Ärmel, und genau so schreibt er auch, was seinen Reisebericht zum Vergnügen macht. Wo Wiesen "Opfer der Landschaftsgestaltung durch die Maulwürfe" werden, und wo "jeder Aufnahmeleiter für einen mystischen Steinzeit- oder Fantasy-Film (...) sofort sein von einem keltischen Druiden geweihtes goldenes Pentagramm dafür geben würde, wenn er einen solchen gebrauchsfertigen Nebel vor die Kamera bekäme", wie es ihn hier im Fichtelgebirge gibt.

Willi Winkler

Das Besondere an Winklers Fußwanderung quer durch Deutschland ist selbstverständlich die Tatsache, dass noch kaum jemand auf die Idee gekommen ist, sie ausgerechnet im Winter zu unternehmen. Und dass damit verbunden auch die Landschaftsidyllen, die die anderen Jahreszeiten parat haben, erst einmal wegfallen. Dort, wo es noch einsam ist, ist es dann gleich wieder so einsam, dass man sich die sonst obligatorischen Jogger herbeiwünscht.

Armin Kratzert im Gespräch mit Willi Winkler

Sehr einsam war es aber auch an "grob gerechnet einem Drittel der Strecke", nämlich entlang der Landstraßen, wo er ebenfalls keinem Menschen begegnet ist, aber "ungefähr drei Milliarden Autos." All das bestreitet Willi Winkler in einem feuerwehrroten Anorak, begleitet nur vom Takt seiner "grauenhaften Nordic Walking-Stecken" die auf dem Asphalt klackern. Das alles ist "unschön, unästhetisch, aber es ist am Ende doch - im Sinn der Wallfahrt - ein masochistisches Abenteuer", resümiert Winkler im Interview.

Zufallsbekanntschaften und literarische Reise

Das ist erst mal das Setting der Geschichte, die man an Hand einer Karte im Buch nachvollziehen kann. Sie führt einen von Ort zu Ort, in die Wirtshäuser, zu den Stammtischen, an denen über die Rente debattiert wird, oder über die Frauen, die doch alle nur das eine wollen, nämlich Geld. Mit Winkler macht man viele Zufallsbekanntschaften, vom Jogger, der einmal bayerischer Grenzbeamter an der ehemaligen Zonengrenze war, bis zum Hüter des Jean-Paul-Museums in Joditz, dem Ort, in dem der fränkische Dichter seine Kindheit verbrachte.

Da Willi Winkler Literaturkritiker ist, wird die Wallfahrt unversehens auch zur literarischen Reise. En passant begegnet man nicht nur Jean Paul, sondern auch Goethe, Heinrich Heine, Erika Fuchs, Eugen Gomringer, Herbert Achternbusch und vielen mehr. Man muss nur einmal dort hingehen, wo keiner hingeht, man muss dort suchen, wo keiner sucht, und zwar zu einer Zeit, in der sonst niemand unterwegs ist, anachronistisch, azyklisch. Das ist ein gutes Rezept, heute noch etwas zu erleben. Aber das reicht nicht. Man muss auch erkennen können, was man sieht. Und, wie Willi Winkler in seinem Buch "Deutschland, eine Winterreise", auch gedanklich und sprachlich etwas daraus machen. Dann erfahren wir Aspekte, die uns neu sind, zum Beispiel: "Der deutsche Wald ist kein Wald, sondern reine Kunst". Aber warum? Das steht in dem Buch.

Das Buch

Willi Winkler
Deutschland, eine Winterreise
Rowohlt Berlin
18,95 Euro


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