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Ursula Ackrill Zeiden, im Januar

Wir treffen Ursula Ackrill, deren Debütroman große Aufmerksamkeit erregte. Sie schickte ihn unverlangt an einen Verlag, der Roman wurde sofort genommen. Dann stand er sogar auf der Shortlist für den "Preis der Leipziger Buchmesse". Es geht um ein literarisch noch wenig aufgearbeitetes Kapitel in der Geschichte Siebenbürgens, die Zeit des Nationalsozialismus in Rumänen: "Zeiden, im Januar".

Von: Daniela Weiland

Stand: 19.03.2015

Es ist eine dieser seltenen Geschichten, die tatsächlich vorkommen: Eine Autorin schickt ein Manuskript an einen Verlag, es wird sofort genommen. Annette Wassermann, die Lektorin des Wagenbach Verlags schreibt: "Das Manuskript ist unverlangt im großen Poststapel auf meinem Schreibtisch gelandet und hat mich schon auf den ersten 5 Seiten so überzeugt, dass ich es sofort mit nach Hause genommen und komplett gelesen habe… Das gibt es eigentlich nie." Aber damit nicht genug. Als das Buch erscheint, wird es sofort nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Steht schließlich sogar auf der Shortlist.

Die Hoffnung auf den Preis hat sich dann nicht erfüllt. Dennoch: Was ist das wohl für ein besonderer Roman, der so viel Aufmerksamkeit erhält?

Er schildert einen Tag im Januar 1941, und er spielt in Rumänien, wo neben den Banater Schwaben noch eine andere, bereits im 12. Jahrhundert ausgewanderte deutsche Minderheit lebt: Die Siebenbürger Sachsen. Hauptfigur ist eine besondere Frau, Leontine Philippi, die in ihrer Aufgeklärtheit und Eigenständigkeit bereits sehr modern ist. Ihre große Liebe war ein Flugzeugpionier, Albert Ziegler, den es wirklich gegeben hat. Leontine lebt in der Kleinstadt Zeiden, im Haus, das dem Flieger ehemals gehörte. Aus Zeiden stammt aber auch der KZ-Arzt Fritz Klein, auch er spielt in dem Roman eine Rolle.

Eine Frau von heute zeigt die Alternativen von gestern

Ursula Ackrill

Leontine Philippi stammt aus begütertem Elternhaus, sie hat schon etwas von der Welt gesehen, hat in Wien studiert, und begreift sich selbst als Chronistin der Stadt Zeiden. Sie ist ganz und gar eine Wunschfigur, sagt uns Ursula Ackrill im Interview. So eine Frau wie sie hat es damals nicht gegeben. Tatsächlich nicht, denn sie ist eigentlich eine Frau von heute. Aber mit ihrem Blick eröffnen sich Alternativen, die man damals nicht gesehen hat. Etwa, als die Siebenbürger Sachsen nur die eine Möglichkeit sahen: sich Hitlerdeutschland anzuschließen, da sie in Rumänien wenig gelitten waren. Es galt die Parole "Rumänien den Rumänen". Deshalb wagte man nicht, sich auf die Seite der verfolgten Juden zu stellen. Denn: "was heute mit den Juden geschieht, kann morgen uns geschehen." So vertraute man auf Hitler in der Hoffnung auf "Schutz".

Ursula Ackrill im Gespräch mit Julia Benkert

Alle diese Diskussionen erleben wir in einer Rückblende mit, die den 11. Juli 1940 im Rathaus von Zeiden beschreibt. Leontine meldet sich auch zu Wort, sie sieht Versäumnisse in der Vergangenheit. Sie findet es nicht selbstverständlich, dass sich eine Minderheit in einem Land so abschottet, wie es die deutschstämmige Bevölkerung von jeher tat, in der auch nur untereinander geheiratet wurde. Sogar eine "Stiftung Deutschtum" wird ins Leben gerufen, was den Rumänen nicht gefallen konnte. Es wäre besser gewesen mit ihnen zusammenzuarbeiten und sich unentbehrlich zu machen. "Wie wären wir jetzt gestellt", fragt Leontine, aufbauend auf bewährte "deutsche" Tugenden wie Fleiß und Genauigkeit "wenn wir zum Beispiel die Maschinenbauindustrie Rumäniens in der Hand hätten? Und wenn ein bedeutender Prozentsatz der Rumänen Arbeitsplätze von sächsischer Industrie bezöge?"

Der Weg der Geschichte ist aber ein anderer. Er führt zwangsläufig in die Katastrophe. In den Januartagen 1941, aus deren Warte Ursula Ackrill schreibt, kulminieren verschiedene Ereignisse, die bürgerkriegsähnlich aufgeladen sind. In Bukarest gibt es einen Putsch der faschistisch und antisemitisch eingestellten rumänischen "Legionäre" gegen Ministerpräsident Antonescu, der mit Hitler kooperiert. Sie veranstalten ein in seiner Grausamkeit unvergleichliches Pogrom gegen die Juden, von deren Habe sie selbst profitieren wollen. In Zeiden findet zur selben Zeit eine Bürgerversammlung statt, auf der der Führer der Deutschen Volksgruppe in Rumänien, Andreas Schmidt, junge Männer für die SS anwirbt. Sie schließen sich Hitler an und fahren in den so gut wie sicheren Tod.

Ein differenzierteres Bild von Siebenbürgen

Alle diese komplizierten historischen Ereignisse werden durch Ursula Ackrills Roman anschaulich und begreiflich. Die Autorin hat eine literarische Aufarbeitung geleistet, die längst fällig war. In ihrer eigenen Familie wurde über diese Zeit nicht gesprochen. Das war ein starker Beweggrund für sie, wie sie Julia Benkert im Interview sagt, schreiben zu wollen, Schriftstellerin zu werden. Ihr Vater ist Siebenbürger Sachse, ihre Mutter Rumänin. Es war eine der ersten Mischehen, die es überhaupt gab, wie sie erzählt. Es ist dieser Familienhintergrund, der Ursula Ackrill wohl befähigt eine Perspektive einzunehmen, die nicht nur die Belange der deutschsprachigen Minderheit versteht, sondern auch die rumänische Seite sieht. Gleichzeitig zeigt Ackrill uns ein viel differenzierteres Bild von Siebenbürgen, ein selbst in damaliger Zeit viel moderneres, als das eher mittelalterliche Gemälde, das wir bisher kennen.

Das Buch

Ursula Ackrill
Zeiden, im Januar
Roman
Wagenbach Verlag
19,90 Euro


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