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Norbert Niemann Die Einzigen

Der Roman "Die Einzigen" von Norbert Niemann ist ein intelligentes Buch über Kunst und ihre Vereinnahmung im Kapitalismus, aber nicht nur das: Niemann erzählt auch eine außergewöhnliche Liebesgeschichte und davon, was uns einzigartig macht.

Von: Daniela Weiland

Stand: 08.01.2015

Der Buchtitel "Die Einzigen" bezieht sich auf den Namen einer Band, in der die musikalisch hochbegabte Marlene zusammen mit Harry, Sohn eines Seifenfabrikanten, spielte. Die Band war ein früher Höhepunkt in ihrer beider Leben: In der Musikszene - vermutlich der 80er-Jahre - galt die Gruppe als etwas Besonderes. Sie machte etwas ganz eigenes, passte sich nicht an den Modegeschmack an, war Avantgarde. Dahinter stand Marlene, genialisch, weil sie Eigenes denken und fühlen kann, und radikal darin, diesen ihren eigenen Weg zu gehen und sich nicht anzupassen, auch nicht, um noch populärer zu werden. Die Gruppe bricht dann auseinander, weil Harry und Sellwerth, das dritte Bandmitglied, genau das wollen.

Wie aber sieht der weitere Lebensweg dieser Marlene aus? Kann sie ihre Radikalität durchhalten? Und welche Kompromisse muss sie eingehen, um ganz ihrer Kunst leben zu können? - Und gibt es einen Punkt, an dem sie doch korrumpiert wird?

Norbert Niemann

Norbert Niemann untersucht in seinem Roman minutiös diese Fragen und lotet aus, wie es um die Kunst heute steht. Als genauer Beobachter seiner Zeit führt er vor, wie selbst radikale Kunst von den Werbestrategen eingespannt wird, um ein Lebensgefühl zu erzeugen, das Produkte attraktiv macht. Harry, der erkennen muss, dass er nicht das Zeug zum echten Künstler hat, schreitet auf diesem Weg voran. Mit künstlerischen Mitteln werden seine traditionellen Seifenprodukte plötzlich cool. Der Verkauf schnellt in die Höhe.

Norbert Niemann im Gespräch mit Armin Kratzert

Marlene und Harry, das sind zwei extrem verschiedene Lebenswege. Und doch sind beide voneinander angezogen, profitieren voneinander. Aber immer wieder scheinen die Lebensformen der beiden unvereinbar zu sein. Die außerordentliche Qualität von Norbert Niemanns Roman liegt darin, dass er imstande ist, das, was er beschreibt, ständig neu zu beleuchten. So erscheint die ganz auf ihre Kunst fixierte Marlene einmal als große Ausnahmekünstlerin, dann wieder als eine von einem "masochistischen Schaffenszwang" beherrschte, die ihr Talent als "Droge" einsetzt.

Ebenso relativieren die fast drei Jahrzehnte, die der Roman umspannt, die Sichtweisen. Die glorreichen Tage als einzigartige alternative Band werden am Ende als naive Selbstüberschätzung empfunden. Diese abgeklärte Alterssicht lässt Niemann aber nicht so stehen. Er zeigt, was auch heute real an Neuem entsteht, wie das britische Trio "Micachu and the Shapes", deren Mitglieder noch "wie halbe Kinder" aussehen. "So ähnlich würde es vielleicht klingen, wenn wir heute anfingen, Musik zu machen", sagt Marlene. Es geht also weiter, die Kunst erneuert sich immer, es finden sich immer Menschen, die alles dafür geben, ihrer Zeit in der Kunst etwas entgegenzustellen.

"Die Einzigen" ist ein richtig guter Roman, spannend zu lesen, die vielen Reflexionen über Kunst und Gesellschaft bremsen nicht, sondern bereichern, und da ist noch ein Schluss, der überrascht und einleuchtet.

Das Buch

Norbert Niemann
Die Einzigen
Roman
Berlin Verlag
19,99 Euro


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