BR Fernsehen - LeseZeichen


2

Maurice Maggi Essbare Stadt

Ein ungewöhnliches Kochbuch und ein ungewöhnlicher Koch: Maurice Maggi kocht mit Wildpflanzen und er erntet sie - mitten in der Stadt!

Von: Daniela Weiland

Stand: 26.06.2014

Dies ist das richtige Buch für Stadtromantiker, denen eine wilde Ecke genügt, um alles auszublenden, was an einer Stadt anstrengend, anödend und fassadenglatt ist. Ihnen genügen ein paar rissige Mauern, ein verrosteter Balkon, ein etwas verkommener Hinterhof. Für sie ist alles schön, was noch nicht komplett durchgeplant, geteert, eingefasst und auf die Höhe der Zeit gebracht worden ist. Sie lieben das, was aus früheren urbanen Tagen übriggeblieben ist: Alte Häuser, brachliegende Flächen, alles, was etwas kaputt und unaufgeräumt ist. Und die Ureinwohner dieser steinigen Gegenden, also die, die hier schon lebten, bevor sich die Städte breitgemacht haben: Die wilden Pflanzen.

Die Wildpflanzen, sie zeigen uns schließlich, wie es geht: Sie lassen sich nicht domestizieren und sie lassen sich nicht ausrotten. Überall finden sie Plätze, an denen es sich leben lässt. Sogar in der Stadt.

Wildwuchs und Freiräume

Maurice Maggi

Maurice Maggis Kochbuch ist wohl eine Konsequenz aus dem Guerilla Gardening, das der Züricher seit 1984 betreibt, als er begann, überall Malvensamen auszusäen. Ungewöhnlich ist schon die Aufmachung, da ist erkennbar, dass viele Gleichgesinnte ihr Bestes gegeben haben. Der Einband ist eine dicke Pappe, der Buchrücken fehlt, die Botschaft klar: Das Buch besteht nur aus dem Nötigsten, was es braucht, um ein Buch zu sein. Innen aber ist es opulent, überbordend an Ideen. Voller Bilder, die eine Lebenshaltung ausdrücken, den Blick derer, die darauf bestehen, dass auch eine Stadt Lebensraum und Heimat bieten kann und muss: Der Stadtkurier auf seinem Rad, der an hohen Häusern vorbeijagt - man sieht ihn hinter hohem Schlafmohn vorbeizischen, aus einer Perspektive, die die Großstadt erträglich macht. Oder ein Hinterhof, der so trist ist, dass es schon wieder schön ist. Das ultramoderne Hochhaus aus Stahl und Glas, davor aber Kirschbäume, in vollem rosa Frühlingsflor.

Armin Kratzert im Gespräch mit Maurice Maggi

Und überall in der Stadt ist Maurice Maggi in Aktion: beim Sammeln seiner Pflanzen und beim Kochen für eine Einladung mitten auf einem Grünstreifen. Eine reich gedeckte Tafel, geladene Gäste, rechts aber und links braust der Straßenverkehr. Natürlich sind diese Bilder inszeniert. Aber sie drücken aus, worauf es ankommt, damit eine Stadt lebbar bleibt: Sie braucht die Ecken, an denen sich Menschen wohlfühlen. Sie braucht Wildwuchs und Freiräume. Man darf Kommerz und Verkehr nicht die Priorität überlassen.

So ist Maurice Maggis Idee, ein Kochbuch über die "Essbare Stadt - Wildwuchs auf dem Teller" zu schreiben, und darin wilde, genießbare Pflanzen aus der Stadt vorzustellen, ein schlüssiges Vorhaben, bei dem es um viel mehr geht als nur um das Essen. Es geht genauso um Kreativität und Freiheit und die findet Maggi in der vegetarischen Küche, da sie frei sei von klassischen Vorstellungen, wie Gerichte zusammengesetzt sein müssen. Die Rezepte sind nach Jahreszeiten geordnet, im Anschluss werden jeweils die Pflanzen vorgestellt. Von Frühling bis Winter findet sich auch jeweils ein ganzes Menü mit passender Weinempfehlung.

Auf keinen Fall überlesen darf man das an den Anfang gestellte Kapitel "Über den Umgang mit essbaren Wildpflanzen", denn da gibt es doch einiges, was beim Sammeln und Kochen zu beachten ist. - Es bedarf des Mutes Wildfremdes zu essen. Aber selbst wer diesen nicht hat, kann sich an diesem Buch freuen. Beharrt es doch darauf, sich als Bürger einer Stadt nicht entwurzeln und enteignen zu lassen, sondern darauf zu achten, dass auch die Stadt ein lebens- und liebenswerter Platz zum Wohnen sein kann.

Das Buch

Klicken für Coveransicht

Maurice Maggi
Essbare Stadt
Fotos: Juliette Chrétien
AT Verlag
39,90 Euro


2