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Matthias Nawrat Unternehmer

Wir treffen Matthias Nawrat in Berlin, wo er heute lebt. Als er zehn Jahre alt war, übersiedelte er mit seiner Familie aus Polen nach Bamberg. Heute schreibt er auf Deutsch, und wie er das tut, das ist ungewöhnlich. Sein neuer Roman ist eine groteske Parabel auf unser Leben im Kapitalismus: Da lebt und schuftet eine mittellose Kleinfamilie - also sogar die Kinder - nach den Grundsätzen des Unternehmertums.

Von: Daniela Weiland

Stand: 03.04.2014

Wenn es sich um ein sehr gewinnbringendes Familienunternehmen, in dem alle mitarbeiten und die Firma immer oberste Priorität hat, handeln würde, nähme man Sätze wie diese wohl eher hin: "Die Familie ist eine Kapitalgesellschaft", "Das echte Unternehmertum fängt im Herzen an. Und hat mit Mut zu tun." "Unternehmertum ist für Leute, die Schmerzen aushalten können", "Ein Unternehmer muss auch Gefahren meistern können". Sogenannte "unternehmensfreie Zeit" dürfen sich die Familienmitglieder dabei kaum leisten, aber am Ende wartet dafür ein "wohlverdienter Lebensabend".

Matthias Nawrat

Matthias Nawrat hat alle diese Phrasen, die in Erfolgsgeschichten gerne mal geäußert werden, auf eine Kleinfamilie übertragen, die von der Ausbeutung von Problemschrott lebt und sich auf unterster sozialer Ebene doch als ein "Unternehmen" begreift. Lipa und Berti sind Kinder ohne Kindheit, alles was sie tun, muss einen Zweck haben. Die ausschließlich an Gewinn und Nutzen orientierte Ideologie bewirkt, dass Lipa, die 13-jährige Erzählerin, die uns durch den Roman führt, in der Schule, in der Kunst oder erst recht im Spiel keinen Sinn sieht, da sie keinen Profit abwerfen.

Matthias Nawrat im Gespräch mit Armin Kratzert

Da ist die Ideologie schnell entlarvt, und es wird klar, was die tatsächlichen Kosten sind, wenn die Kinder unter Lebensgefahr wertvolles, aber gefährliches Material bergen müssen. Wenn, wie der kleine Bruder Berti, der seinen kleinen Körper mit Feuereifer ganz und gar für das Unternehmertum einsetzt und so in der Familie zum "Mitarbeiter des Jahres" aufsteigt, dabei aber ein Gliedmaß nach dem anderen einbüßt. Bei allem Einsatz: Am Ende ist die kleine Familie bankrott und gesundheitlich ruiniert. Und der "wohlverdiente Lebensabend" ist nur der baldige Tod.

Matthias Nawrats Roman "Unternehmer" ist in erster Linie kein politisches Buch, sondern eines, das die Phrasen, die wir kennen, bloßstellt und aufzeigt, zu welcher Lebenshaltung sie führen, bzw. wie die Ideologie des Unternehmertums, des "Time is Money"-Denkens uns bereits im Griff hat. - Und natürlich gibt es weltweit Menschen, die bereits so leben müssen, wie wir es uns jetzt im Schwarzwald, wo der Roman spielt, kaum vorstellen können. Menschen, die ihren Körper, ihre Gesundheit für ihre Existenz opfern müssen. Im Interview sagt uns Matthias Nawrat: "Wenn Sie nach Indien schauen, da gibt es heute schon Kinder, die über Schwefel laufen und Müll einsammeln und sich dabei vergiften." Dieses Szenario hat Nawrat nun in den Schwarzwald transponiert, denn wenn er sich mit der heutigen Gesellschaft auseinandersetzt und sich mit unseren Arbeits- und Produktionszusammenhängen befasst, dann befürchtet er, dass es selbst im Schwarzwald irgendwann so aussehen könnte.

Das Buch

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Matthias Nawrat
Unternehmer
Roman
Rowohlt Verlag
16,95 Euro


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