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Gila Lustiger Die Schuld der anderen

Was ist Gerechtigkeit? Was ist Schuld? Und Strafe? Gila Lustiger erzählt uns von einem Mann, der sich in der Verfolgung seines Ideals immer tiefer verstrickt und am Ende von denen geschont wird, denen er ans Leder wollte.

Von: Rudolf von Bitter

Stand: 09.07.2015

Es fängt an mit der Wiederaufnahme eines ungeklärten Mordfalls in Paris. Ein blasser und erkennbar unschuldiger Bankangestellter soll jetzt hinter Gitter. Der Journalist Marc glaubt an ein Komplott: Er ist erfüllt von Idealismus und Gerechtigkeitssinn und will partout die Wahrheit herausfinden. Doch je tiefer er in der Vergangenheit gräbt, je mehr Personen er in seine Recherchen einbezieht, desto komplexer wird der Fall und desto höher sind die Persönlichkeiten, deren Kreise er zu stören beginnt.

Gila Lustiger

Gila Lustiger hat auf den ersten Blick einen Unterhaltungsroman geschrieben, die Handlung ist entsprechend skandalös, allerdings lehnt sie sich an tatsächliche Ereignisse an und sie stellt die gesellschaftlichen Umstände so dar, dass sie mit der Unterhaltung auch Gesellschaftskritik übt an der französischen Standes- oder Klassengesellschaft, deren Elite jene sind, die an den besonderen Hochschulen ihre Abschlüsse gemacht haben, die möglicherweise in Politik oder Wirtschaft Konkurrenten, einander aber eben aus Hochschulzeiten verbunden und zuweilen auch befreundet sind. Da können die Kommissare so kompetent und findig sein, wie sie wollen, gegen das feste Gefüge von Corpsgeist und implizitem Einverständnis kommen sie nicht an.

Eine tragische Geschichte von Anspruch und Wirklichkeit

Marc gehört selbst zu dieser Elite, er ist der Funken schlechten Gewissens in dem Geflecht von Kameraderie und brutalem Geschäftssinn, er wühlt den Schmutz auf und verdirbt den schönen Frieden und wäre logisch das nächste Opfer geworden. Doch ihn bewahrt genau der Corpsgeist, den er bekämpfen wollte. Am Ende steht für ihn die tragische Erkenntnis, dass wiederum jemand Opfer geworden ist, diesmal aber stellvertretend für ihn, den die Mordanstifter schonten, weil er immer noch einer der ihren ist. So wird der Aufdecker zum Schützling und Nutznießer des Systems, das sich über Gesetz und Gerechtigkeit erhebt.

Armin Kratzert im Gespräch mit Gila Lustiger

Wann wird ein unterhaltsamer, spannender Roman zur Anklage gegen ein verkorkstes System? Wie viel Wahrheit verträgt die Kollegialität der Mächtigen und Einflussreichen? Gila Lustiger führt uns mit ihrem Kriminalfall eines sadistischen Frauenmörders, den ein Journalist zur Strecke bringen will, in die gehobenen Kreise Frankreichs und auf die Spuren eines Chemieskandals. Der schlichte Anspruch auf Wahrheit wird hier zur Anmaßung, die bestraft werden kann wie die Hybris in den alten Mythen, oder wie Adam und Eva, weil sie gegen Gottes Verbot vom Baum der Erkenntnis aßen. Aber: Wer maßt sich hier gottgleiche Macht an? Wir haben Gila Lustiger getroffen und auch danach gefragt.

Das Buch

Gila Lustiger
Die Schuld der anderen
Roman
Berlin Verlag
22,99 Euro


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