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Christian Ankowitsch Warum Einstein niemals Socken trug

Rathausplatz, Kempten im Allgäu. Wir treffen Christian Ankowitsch, der gleich weiterfährt zu seinem Skiferienort. Ankowitsch möchte mit ein paar althergebrachten Vorstellungen aufräumen: Nämlich, dass es bei unserem Denken nur auf den Kopf ankommt. Er will zeigen, wie hilfreich es ist zu wissen, welche Rolle unser Körper beim Denken spielt - und auf was es noch alles ankommt. Titel seines Buches: "Warum Einstein niemals Socken trug".

Von: Daniela Weiland

Stand: 05.02.2015

Wieso haben wir eigentlich die Vorstellung, dass unser Denken völlig unbeeinflusst von unserem Körper sei? Diese Idee von einem freien, unbestechlichen, unabhängigen und klaren Denken, von unserer Ratio, die allein in unserem Kopf sitzt: Egal, wie es dem Körper geht, und völlig unbeeinflusst von der Außenwelt. Es mag heiß sein, oder eiskalt. Egal. "Das Gehirn arbeitet wie ein Computer: Information rein - einigermaßen sinnvolle Informationen heraus," benennt Christian Ankowitsch unsere landläufige Auffassung im Interview. "Was drumherum passiert, spielt ja kaum eine Rolle." Bisher!

Christian Ankowitsch

Dass es längst an der Zeit ist umzudenken, zeigt uns Christian Ankowitsch, indem er die wissenschaftlichen Forschungen, Erkenntnisse von Körperpsychotherapie, Psychologie und vieles andere aus unzähligen Quellen zusammenführt. So kommt er zu dem Ergebnis: "Seit 15 Jahren ungefähr zeigt die Wissenschaft sehr spannend, dass selbst die kleinsten Kleinigkeiten maßgeblich sind dafür, wie wir denken, wie wir handeln, welche moralischen Urteile wir fällen. Das ist die Kernidee des Buches."

Der Kopf, der Körper, der Raum ...

Ein Buch, das nicht nur erkenntnisreich ist, sondern sich auch sehr vergnüglich liest. Angefangen von den ellenlangen Kapitelüberschriften, die die Manier wissenschaftlicher oder belletristischer Werke des 17. und 18. Jahrhunderts persiflieren, bis hin zu unzähligen Beispielen aus dem alltäglichen Leben, die einen nicht unberührt lassen, denn schließlich ist man mit dergleichen Situationen oft konfrontiert. Etwa, wenn wir bei geistiger Arbeit nicht weiterkommen. Da hilft die Entdeckung, dass es meist besser ist, sie einfach liegen zu lassen, um zwischendurch etwas anderes zu tun. Anstatt zu brüten und sich festzubeißen. Oder, dass hohe, helle, großzügige Räumen eher inspirieren kreativ zu sein, als enge, dunkle Kammern. Die jedoch wiederum zu penibler Genauigkeit anregen, was durchaus auch nützlich ist.

Christian Ankowitsch im Gespräch mit Armin Kratzert

Wir erfahren um den Wahrheitsgehalt von Metaphern, etwa von der, dass wir uns die "Hände nicht schmutzig machen" wollen, womit wir meinen, dass wir uns keine Schuld aufladen möchten. Studien haben gezeigt, dass wir tatsächlich dazu neigen, das Bedürfnis zu haben, die Hände zu waschen, wenn wir glauben, uns schuldig gemacht zu haben. Oder das Experiment des Wirtschaftswissenschaftlers Adam D. Galinsky: "Halten wir uns in einem Raum auf, der von einem sauberen Duft erfüllt ist, agieren wir anständiger." Wo wäre da wohl der beste Anwendungsbereich für diese Erkenntnis?

Und wenn wir uns bisher damit beschäftigt haben, welche Wirkung unsere Kleidung auf andere hat, sollten wir uns auch einmal fragen, wie sie auf uns zurückwirkt. Was halten wir von uns selbst, wenn wir unansehnliche Unterwäsche auftragen, weil sie ja sowieso niemand sieht? - Ankowitsch erzählt hingegen von Frauen, "die edle oder erotische Unterwäsche tragen, und zwar selbst dann, wenn diese niemand sehen könne und werde. Allein die feine Spitze und Seide auf der Haut zu spüren genüge oft schon, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, stark und begehrenswert zu sein." - Natürlich hätten solche Frauen ein anderes Auftreten …

Selbstverständlich will Christian Ankowitsch mit seinem Buch niemandem ins Handwerk pfuschen. Wer an ernsten Depressionen leidet, braucht unbestritten Hilfe durch eine Therapie. Aber warum diese nicht einmal anders beginnen: Indem der Depressive, der zu einer gedrückten, gebeugten Haltung neigt, bewusst versucht eine aufrechte, selbstbewusste Körperhaltung einzunehmen und sie sich zur Gewohnheit zu machen. Auch das kann schon ein bisschen helfen. So wie es nachweislich der Fall ist, dass wir uns besser fühlen, wenn wir absichtlich lächeln, auch wenn uns gerade nicht danach zumute ist. Schon Darwin ist darauf gekommen.

Mit Christian Ankowitschs Buch kommt man vom Hundertsten ins Tausendste und es wird kaum ein Lebensbereich ausgespart. Das spricht aber nicht gegen, sondern für das Buch, weil es Denkanstöße gibt, die uns zeigen, dass alles nicht so sein muss, wie es ist ... oder wie wir denken, dass es ist.

Das Buch

Christian Ankowitsch
Warum Einstein niemals Socken trug
Rowohlt Berlin
18,95 Euro


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